Mittwoch, 11. April 2018

REZENSION: "Ready Player One" (Ernest Cline)

© S. Fischer Tor


Titel: Ready Player One
Autor: Ernest Cline
Genre: Science Fiction
Verlag: S. Fischer Tor
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 544
ISBN: 978-3-596-29659-0


Wade Watts lebt wie der Großteil der Weltbevölkerung im Jahr 2045 in Armut. Die sogenannten Stacks, ein Trailerpark am Stadtrand von Oklahoma City, sind sein Zuhause. Doch sein eigentliches Zuhause ist die OASIS - eine virtuelle Welt, in der man all das sein kann, was man will. In der man leben, arbeiten, zur Schule gehen und spielen kann. Für Wade ist die OASIS eine große Leidenschaft, denn seit vor 5 Jahren deren Erfinder, der exzentrische Milliardär James Halliday, starb, jagt Wade wie Millionen anderer Spieler einem großen Schatz hinterher - Hallidays Easter Egg, das er in irgendeiner der mehreren Tausend Welten der OASIS versteckt hat. Wer das Easter Egg findet, erlangt nicht nur ewigen Ruhm, sondern erbt auch Hallidays Milliarden und erhält die Kontrolle über die gesamte OASIS. Nachdem es ausgerechnet Wade gelungen ist, den ersten Hinweis auf das Versteck des Eis zu finden, ist die Jagd eröffnet, denn nicht nur die sogenannten Jäger wollen den Schatz um jeden Preis finden, sondern auch die skrupellosen Köpfe des Millionenkonzerns IOI. Und die schrecken vor nichts zurück, um Wade und die anderen Spieler zu stoppen und die Kontrolle über die OASIS zu erlangen...

Das Cover wirkt einerseits ziemlich düster und dystopisch, was teilweise gut zur Geschichte passt. Mir gefällt es aber nicht so gut wie das Cover der älteren Hardcover-Ausgabe, auf dem unter anderem Pac Man abgebildet ist - das transportiert das Flair der Geschichte wesentlich besser.

Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: Mein Gott, was für einen unglaublichen Spaß hat mir diese Geschichte gemacht! Lange, lange hat Ready Player One von Ernest Cline auf meinem SuB gelegen und ich könnte mich dafür ohrfeigen (mache ich vielleicht auch noch). Erst der Kino Release des Films hat mich endlich dazu gebracht, das Buch zu lesen und das war auch dringend nötig, denn diese wahnsinnige Story hat mir so viel gegeben und mich so unfassbar gut unterhalten wie schon lange kein Buch mehr. Ernest Cline ist fast schon zu meinem neuen Buchgott geworden, denn ich bewundere jedes seiner Worte und vor allem jeden seiner genialen Einfälle. Und davon gibt es in Ready Player One (übrigens Clines Debütroman, irre!) beinahe so viele, wie James Halliday Dollar auf der Bank hat.

Aber der Reihe nach - worum geht es überhaupt in Ready Player One? In erster Linie um ein Computerspiel oder eher DAS Computerspiel, denn in der dystopischen und sehr trostlosen Zukunft, in der die Geschichte spielt, ist die von James Halliday geschaffene OASIS quasi das einzige, für das die Menschen noch leben. Die Realität ist düster, traurig und aussichtslos geworden und so fliehen die Menschen tagtäglich in die virtuelle Welt der OASIS, wo sie alles sein, alles tun und all das erleben können, was in der Wirklichkeit unmöglich geworden ist. Dieses Grundszenario erschafft eine zugleich düstere und hoffnungsvolle Atmosphäre und es ist so absolut vorstellbar und so nah dran an unserer Welt, die sich Tag für Tag weiterentwickelt und gleichzeitig zurück, dass es mich von Anfang an gefangen genommen hat. Cline zeigt uns eine mögliche Zukunftsvision, die wenig Mut macht - zugleich zeigt er uns aber auch einen Ausweg, nämlich die virtuelle Welt der OASIS. Dass die lange nicht so verlockend und perfekt ist, wie es vielleicht den Anschein hat, erklärt sich von selbst...

Die OASIS hat mich von Beginn an fasziniert, denn diese komplexe Welt, die Cline da erschaffen hat, übt einfach eine unglaubliche Anziehungskraft auf den Leser aus. Ebenso wie auf Wade, den Protagonisten der Geschichte. Wade ist in der Realität ein "niemand", so sieht er sich selbst. Er lebt für die OASIS und für Hallidays Vermächtnis. Er hat jedes einzelne Wort von Halliday aufgesogen, hat alle seine Lieblingsfilme gesehen, kennt jedes seiner liebsten Computerspiele - ist voll und ganz eingetaucht in Hallidays Leben. Und das unterscheidet Wade (oder Parzival, wie sein Avantar in der OASIS heißt) von den meisten anderen Jägern. Wade lebt die Kultur der 1980er (das Jahrzehnt, in dem Halliday ein Teenie war) wie kaum ein anderer und genau deswegen ist auch er es, der den ersten von 3 Schlüsseln entdeckt und damit die Jagd auf das Easter Egg eröffnet.

Ready Player One ist also eine riesige, temporeiche virtuelle Schnitzeljagd durch die OASIS - und durch die 1980er Jahre. Denn Ernest Cline hat in seinem Buch so viele verschiedene Stoffe miteinander verbunden, dass die OASIS für viele Leser von einer abstrakten VR zu einer sehr plastischen und vor allem vertrauten Welt wird. Ich selbst bin zwar nicht gerade ein Nerd und abgesehen von den großen Klassikern aus dem Games- und Film-Bereich (wie zum Beispiel "Pac Man", "Star Wars", "Star Trek", "Ghostbusters", "Blade Runner", Monty Python oder natürlich "Herr der Ringe") haben mir vor allem viele Konsolen- und Automatenspiele aus den 80er Jahren nichts gesagt, aber das macht überhaupt nichts. Denn Clines Roman spielt zwar in der Zukunft, ist aber gleichzeitig ein spannender und absolut irrer Trip durch die 1980er Jahre. Ready Player One ist gleichzeitig innovativ, modern und revolutionär auf der einen und absolut retro auf der anderen Seite. Und genau diese Gegensätzlichkeit, die am Ende keine mehr ist, ist es, die den Roman so spektakulär, so mitreißend und so einzigartig macht.

Ich mochte das Setting, die komplexen Charaktere, die - obwohl man sie teilweise nur in Gestalt ihrer Avatare und somit virtuell trifft - unglaublich vielschichtig sind, ich mochte vor allem Wade, den Underdog, der sich nur mithilfe seines Wissens von ganz unten bis ganz nach oben kämpft, ich mochte die wahnsinnige Detailhaftigkeit, die sich in der OASIS findet, die unzähligen Anspielungen auf die Meilensteine der Popkultur und ich mochte Clines sehr sehr ausschweifenden Erzählstil. Das ist eine kleine Besonderheit, denn in der Regel bevorzuge ich es eher straight und auf den Punkt - aber meine Fresse, was für ein gigantisches Universum Ernest Cline mit seinen Worten erschafft und was er da alles reinpackt - darüber muss man beim Lesen einfach immer wieder staunen. Es gibt so wahnsinnig viel zu sehen und zu entdecken. Und ich mag es bei diesem Buch außerordentlich gerne, dass Cline durch seinen Protagonisten Wade so viel erklärt. Dass er einen an die Hand nimmt und ihm alles zeigt. So lernt man eben nicht nur die zukünftige Welt, sondern auch unsere gegenwärtige Popkultur kennen. Es ist faszinierend und einfach spektakulär, ich kann es nicht anders sagen.

Die Geschichte selbst mag auf den ersten Blick vielleicht geradlinig und relativ vorhersehbar scheinen - wir haben hier eben einen Underdog, der im Gegensatz zu vielen großen Jägern und vor allem zu den Profis von IOI über so gut wie keine Ressourcen verfügt, der einfach irgendwie unbedeutend ist. Und genau dieser "Niemand" landet nun nach 5 Jahren erfolgloser Suche den großen Coup und findet den ersten Schlüssel. Ja, teilweise habe ich mich gewundert, wie Wade all das wissen, wie er all das tun kann - aber letztlich ist er eben ein genauso großer Nerd wie James Halliday und wie sein eigener Schöpfer, Ernest Cline. Wade ist einfach der Richtige für diesen Job und das habe ich relativ schnell gemerkt. Und die Suche nach dem Easter Egg macht schlichtweg so viel Spaß und ist ab der Mitte auch so rasant und elektrisierend, das man alles andere einfach irgendwie ausblendet. Es gab zwar einen Teil in der Mitte, der etwas langgezogen war (ich spreche von dem Hin und Her zwischen Wade alias Parzival und Art3mis, ein Avatar, in den Wade sich verguckt), aber im Vergleich zu dem ganzen Drumherum, dieser gigantischen und genial ausgeschmückten Story macht das eigentlich gar nichts aus. Denn genossen habe ich dennoch jede Seite und ich war ziemlich enttäuscht, als diese irre Reise, dieses packende Abenteuer schließlich vorbei war. Mein Gott, ich hätte Ready Player One bis ins Jahr 2045 und darüber hinaus lesen können.

Ich weiß, ich ergehe mich in Lobeshymnen, aber ich kann einfach nicht anders: Ready Player One ist so so so gut. Es ist unglaublich detailreich, einfach so sensationell gemacht und man liest aus jeder einzelnen Seite die Leidenschaft des Autoren heraus. Man spürt von vorne bis hinten: In dieser Geschichte steckt all sein Herzblut. Und letztlich macht der Roman einfach unfassbar viel Spaß - ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das ich so sehr genossen habe. Ich freue mich deswegen auf den Film, auch wenn ich mir zu 99% sicher bin, dass er dieses Buch einfach nicht toppen kann.



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