Montag, 30. April 2018

REZENSION: "Libellenschwestern" (Lisa Wingate)

© Limes


Titel: Libellenschwestern
Autor: Lisa Wingate
Genre: Roman
Verlag: Limes
Erscheinungsjahr: 2018
Format: Hardcover (22 €)
Seiten: 480
ISBN: 978-3-8090-2690-7


Avery Stafford steht als gefeierte Anwältin, als potentielle Nachfolgerin ihres Vaters, Senator Stafford, und als zukünftige Ehefrau ihrer großen Liebe seit Kindertagen eine glänzende Zukunft bevor. Ihr Leben verläuft bisher geradlinig und ohne große Überraschungen - bis sie auf einer Veranstaltung der 90-jährigen May Crandall begegnet. May macht merkwürdige Andeutungen und erkennt Averys Armband, ein Familienerbstück, wieder. Zunächst denkt Avery, May Crandall sei einfach verwirrt, doch als sie ein Foto ihrer Großmutter auf Mays Nachttisch entdeckt, ist klar - sie ist einem Geheimnis auf der Spur. Einem Geheimnis, das ihre Großmutter mit May Crandall verbindet und das schmerzhafter und düsterer ist, als Avery sich hätte vorstellen können. Schon bald wird sie ein dunkles Kapitel der Staffordschen Familiengeschichte aufdecken und sie hat keine Ahnung, wie sie damit umgehen soll...
Memphis, Tennessee, 1939: Die 12-jährige Rill Foss lebt gemeinsam mit ihren vier Geschwistern und ihren Eltern auf einem Hausboot auf dem Mississippi - der Fluss ist ihr Leben und die Freiheit bedeutet ihnen alles. Rill hat früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und auf ihre Geschwister aufzupassen. Das tut sie auch, als ihr Vater Briny ihre Mutter, die schwanger mit Zwillingen ist, ins nächstgelegene Krankenhaus bringt. Doch Rill wird das Versprechen, immer mit ihren Geschwistern zusammenzubleiben, nicht halten können, denn während der Abwesenheit ihrer Eltern werden die Foss-Kinder von angeblichen Beamten entführt und in ein Waisenhaus von Georgia Tann gebracht. Für Rill, ihre drei Schwestern und ihren Bruder beginnt ein Martyrium...

Ich mag keine Libellen (beziehungsweise keine Insekten, gar keine - nicht mal Marienkäfer). Trotzdem gefällt mir das Cover richtig gut, weil es zum einen ein wichtiges Detail der Geschichte aufgreift und zum anderen irgendwie melancholisch und zugleich leicht wirkt. Die Gestaltung ist schlicht und dabei trotzdem sehr geschmackvoll - ich mag es!

Libellenschwestern ist eines der wenigen Bücher, das mich von der ersten Seite an gepackt hat - und das meine ich wörtlich, denn schon der Prolog war so unfassbar gut und spannend, dass ich sofort von der Story angefixt war und das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte. Warum? Weil Lisa Wingate gleich zu Beginn Spannung aufbaut, indem sie die Geschichte mit einer unheimlich authentischen und dabei sehr bedrückenden Szene einleitet. Man weiß sofort, dass dieses Buch einen ziemlich mitnehmen, einem vielleicht einiges abverlangen wird - aber man muss wissen, wie es weitergeht. Ein gigantischer Einstieg in eine Geschichte, die ebenso entsetzlich wie unvorstellbar und dabei hoffnungsvoll ist. Eine Geschichte, die leider auf wahren Begebenheiten beruht.

Erzählt wird Libellenschwestern aus zwei Perspektiven und auf zwei verschiedenen Zeitebenen. In der Gegenwart lernen wir Avery Stafford kennen, eine junge Frau, die in eine reiche und einflussreiche Familie hineingeboren wurde und somit Zeit ihres Lebens privilegiert war. Sie steht kurz vor einem gewaltigen Karriereschub und vor der Hochzeit mit ihrem langjährigen Freund, als etwas Unvorhergesehenes passiert und sie ihr bisheriges Leben hinterfragen lässt. Nach jedem Kapitel über Avery folgt ein Kapitel, das aus der Sicht der 12-jährigen Rill Foss erzählt wird - einem Mädchen, das in den 1930er Jahren auf einem Hausboot aufgewachsen ist und das ihren Eltern gewaltsam entrissen und zusammen mit ihren Geschwistern in ein Kinderheim verschleppt wurde, um meistbietend an Adoptionseltern verschachert zu werden.

Die Thematik des Buches ist also wirklich harter Tobak, wird von Lisa Wingate aber auf sehr einfühlsame und dabei ehrliche und schonungslose Art und Weise verarbeitet. In den Gegenwarts-Kapiteln ist Avery dem Geheimnis ihrer Großmutter und einer Unbekannten namens May Crandall auf der Spur, während parallel dazu Rills Erlebnisse im Kinderheim der Tennessee Children's Home Society geschildert werden. Ich fand beide Sichtweisen sehr spannend, Avery ist mir als Figur aber einen Ticken zu blass geblieben - zu ihr fand ich keinen rechten Zugang, auch wenn ich es großartig finde, wie Lisa Wingate es darstellt, dass Avery durch die Geheimnisse, auf die sie stößt, ihr bisheriges sorgenfreies Leben in Frage stellt und endlich darüber nachdenkt, was sie eigentlich will. Trotzdem fand ich die Begegnung mit Trent und alles, was in Bezug auf ihn darauf folgt, etwas zu erzwungen und vorhersehbar.

Das gilt aber absolut nicht für Rills Geschichte - diese ist schmerzhaft, grauenvoll, auf gewisse Weise unheimlich und dabei wahnsinnig authentisch. Lisa Wingate schreibt sehr bildhaft - sie erweckt das "Königreich" Arcadia zum Leben, sorgt dafür, dass man den Mississippi riecht und einem die drückende Schwüle an jenem schicksalhaften Tag den Atem raubt. Sie zeigt die zwei Seiten von Rills bisheriger Kindheit, die zum einen voller Liebe und Freiheit, zum anderen aber auch von Armut und Entbehrung geprägt ist. Dem gegenüber steht die Entführung der Foss-Kinder durch Georgia Tann und ihre Verschleppung in ein Kinderheim, das einem wie die Hölle auf Erden vorkommt. Es war für mich unglaublich schwer zu lesen, wie die Kinder dort behandelt werden - wie Vieh, das gerade so am Leben gehalten wird, um meistbietend verschachert zu werden. Von Misshandlungen, körperlicher und seelischer Folter und sogar Pädophilie ganz zu schweigen. Man darf definitiv nicht zart besaitet sein, denn die Geschichte von Rill und ihren vier Geschwistern geht einem mächtig an die Nieren.

Und das Schlimmste dabei ist: Rill Foss und ihre Familie sind zwar fiktiv, Georgia Tann und die Tennessee Children's Home Society sind es hingegen nicht. In den 1930er bis hinein in die 1950er Jahre hat Georgia Tann tatsächlich Millionen von Dollar damit verdient, armen Familien die Kinder zu entreißen und sie für horrende Summen an kinderlose Reiche zu vermitteln. Auch für den Tod von Hunderten Babys ist Georgia Tann verantwortlich und die Zustände in ihren Heimen waren tatsächlich so, wie Lisa Wingate sie beschreibt. Es jagt einem einen Schauder über den Rücken und lässt einen fassungslos zurück - und genauso geht es auch Avery, als sie nach und nach den Skandal aufdeckt, der die nach außen hin so tadellose Familie Stafford in ein ganz anderes Licht rückt. Rills Schicksal und das ihrer Geschwister, das ihrer Eltern steht stellvertretend für Tausende von Schicksalen und das hat mich sehr betroffen gemacht. Lisa Wingate hat in Libellenschwestern ein Thema aufgegriffen, das in der Öffentlichkeit bis heute nicht wirklich aufgearbeitet wurde, und sie hat daraus einen Roman gemacht, der einen nicht mehr loslässt, der einen immer weiterlesen lässt - bis man am Ende fassungslos zurückbleibt. Für mich ist dieses Buch etwas ganz Besonderes.

Libellenschwestern erzählt eine Geschichte, die einen schockiert, mitnimmt und berührt. Die so authentisch geschrieben ist, dass man manchmal vor Entsetzen kaum mehr atmen kann. Trotzdem habe ich vor allem Rills Geschichte geliebt, weil sie wichtig ist und weil ich dieses kleine, starke Mädchen schnell fest in mein Herz geschlossen hatte. Zur zweiten Protagonistin Avery hatte ich zwar nicht durchgehend einen Draht, trotzdem ist dieses Buch ein Pageturner und es bleibt spannend, bis zur letzten Seite.




Dieses Buch wurde mir vom Limes Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt - vielen Dank dafür!

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