Freitag, 20. April 2018

REZENSION: "Fuck You Leben!" (Non Pratt)

Copyright dtv

Titel: Fuck You Leben!
Autor: Non Pratt
Genre: Jugendroman
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2015 (2. Aufl.)
Format: Taschenbuch (14,95 €), E-Book
Seiten: 339
ISBN: 978-3-423-74007-4
Hannah ist 15, feiert gerne, flirtet gerne mit Jungs und hat gern Sex. Und sie ist schwanger. Sie weiß zwar, von wem, aber das darf unter keinen Umständen herauskommen.
Aaron ist 16 und hat gerade nach einem schlimmen Vorfall an seiner alten High School an Hannahs Schule gewechselt. Aaron  macht sich verantwortlich für das, was dort geschehen ist. Er würde alles dafür tun, um es wiedergutzumachen - zum Beispiel sich offiziell für ein nahezu fremdes Mädchen als Vater ihres ungeborenen Kindes auszugeben, um diese vor den Attacken ihrer Mitschüler zu schützen. Hannah ist ihm dankbar dafür, dass er die Verantwortung übernimmt, dankbar, dass er in einer Zeit zu ihr steht, in der sie beinahe alles zu verlieren scheint. Fast hat sie das Gefühl, gemeinsam könnten sie es schaffen. Doch einige Personen in ihrem Umfeld setzen alles daran, Aarons nd Hannas Geheimnisse zu lüften und ihre kleine Seifenblase zum Platzen zu bringen.

Dem Cover stehe ich eher mit ambivalenten Gefühlen gegenüber. Ich mag es zwar aus rein ästhetischen Gründen, aber ich finde, dass es im Widerspruch zum Ton der Geschite steht. Das könnte für den ein oder anderen Leser irritierend sein.

Dass Fuck you Leben! keine rosarote Märchengeschichte werden würde, war nicht nur aufgrund des Titels von Vornherein klar. Die ersten Seiten beinhalten hauptsächlich Flüche, ausschweifende Partys, anzügliche Bemerkungen und sexuelle Handlungen. Nichts davon wirft ein positives Licht auf die Protagonistin Hannah, ihre beste Freundin Katie und deren Bekanntenkreis und hat mich dementsprechend weniger optimistisch für die weitere Handlung gestimmt. Wider Erwarten entpuppte sich die nachfolgende Story dann doch als grandiose Leseerfahrung: Hat man erstmal das gewöhnungsbedürftige Anfangsszenario hinter sich gelassen, bekommt man ein abwechslungsreiches, emotionales  Coming-of-Age-Drama geboten, in dem die Figuren mit ihren guten und schlechten Eigenschaften brillieren. 
Am Anfang sieht es so aus, als würde sich Hannah nur für Jungs und Sex interessieren, aber je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto deutlicher zeigt sich, wie vielschichtig, mitfühlend und auch sensibel sie in Wahrheit ist. Mit der Zeit habe ich sie einfach liebgewonnen. Zudem hat sie diese bewundernswerte Haltung, dass sie sich nicht bzw. kaum darum schert, was andere über sie reden. Genau solche Protagonisten brauchen meiner Meinung nach Jugendliche, weil sie großartige Vorbilder abgeben (abgesehen natürlich von der Schwangerschaft). Aaron war mindestens genauso fantastisch, wenn nicht sogar noch mehr. Ich meine, welcher Junge würde sich als Vater eines heranwachsenden Babys von jemandem ausgeben, den er erst sehr kurze Zeit kennt, obwohl er es nicht ist? Gut, er hat durchaus seine Gründe dafür, aber die sind alles andere als verwerflich. Viel mehr bestätigen sie das Bild, das ich mir bereits von ihm gemacht hatte: das eines einfühlsamen, fürsorglichen, loyalen und cleveren Jungen. Ihn nicht zu mögen, war schier unmöglich. Ich finde, Aaron und Hannah haben überwiegend eine unglaubliche Reife an den Tag gelegt. Bisweilen habe ich sogar vergessen, dass sie erst 15 bzw. 16 Jahre alt sind. Besonders wie die beiden zueinander gehalten haben, hat mir imponiert. Das war angesichts ihrer Widersacher (die typischen Mobber, die überall ihr Gift verspritzen, und auch Personen aus dem engeren Bekanntenkreis) auch bitter nötig. Neben diesen strahlen die beiden gleich doppelt so hell.
Wäre Fuck you Leben! eine Person, würde ich sie wohl als "bodenständig" bezeichnen. Non Pratt baut ihrer Hauptfigur keine Luftschlösser, sondern konfrontiert sie mit jeder Menge Schwierigkeiten, angefangen bei ihrem Ruf, leicht zu haben zu sein, der daraus resultierenden Schwangerschaft bis hin zu sozialer Ausgrenzung und der Identität des Erzeugers, die sie niemandem verraten will und der auch nichts mit ihr oder dem Baby zu tun haben möchte. So unschön das für einen Menschen auch sein mag, so hat es doch bewirkt, dass mir beim Lesen nicht langweilig geworden ist. Hannahs und Aarons Reise hat mich berührt, wütend gemacht, bestürzt, frustriert und auch mal selig lächeln lassen. Das kann ich nur von wenigen Romanen wahrhaftig behaupten. Noch dazu ist er toll geschrieben: mal nachdenklich und weise, mal mit beißendem Humor gewürzt, auf jeden Fall aber immer genau passend zur Situation. Dadurch hat Pratt immer die richtige Stimmung erzeugt bzw. den richtigen Ton getroffen. Von ihr möchte ich definitiv noch weitere Werke lesen.

"Mein erster Schluck von dem lauwarmen Bier schmeckt nach Selbstverachtung." (S. 36)

"Jemanden, der sowieso nie da ist, kann man nicht verlieren." (S. 155)

"Trauer ist nicht immer ein messerscharfer Schmerz in deinem Herzen oder ein dumpfer Schlag in die Magengrube, manchmal ist sie wie ein Netz, das plötzlich und lautlos über deine Seele geworfen wird, aus dem du nicht mehr rauskommst und das dich zu ersticken droht. Ich spüre den Verlust mit jeder Faser meines Geists und meines Körpers. Es gibt, glaube ich, nichts Schlimmeres, als jemanden zu vermissen, den man nie wiedersehen wird." (S. 214)

",Man stirbt nicht an einem gebrochenen Herzen, Neville.' , Was weißt du schon?', flüstert er und seine Schultern beginnen zu beben." (S. 217)

Fuck you Leben! ist eines dieser Bücher, an die ich mich noch lange Zeit erinnern werde. Die Ausgangssituation hat mich weniger optimistisch gestimmt, aber dann hat mich der Roman doch umgehauen. Non Pratt liefert zum einen eine dramatische, abwechslungsreiche Story. Zum anderen hat sie dazu passende, bewundernswerte, aber keineswegs fehlerfreie Protagonisten und gänzlich unsympathische Antagonisten, auf die ich meine Wut wunderbar projizieren konnte, entworfen. Beim Lesen habe ich nahezu die ganze Palette an Emotionen durchlebt - ein besseres Lob gibt es einfach nicht!

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