Donnerstag, 22. März 2018

REZENSION: "Vollendet #1" (Neal Shusterman)

Copyright Fischer Sauerländer

Titel: Vollendet
Autor: Neal Shusterman
Genre: Dystopie
Verlag: FISCHER Sauerländer
Erscheinungsjahr: 2012
Format: Hardcover (16,99 €), E-Book
Seiten: 432
ISBN: 978-3-7373-6166-8
Der 16-jährige Connor hat ständig Ärger. Risa lebt in einem überfüllten Waisenhaus. Lev ist das wohlbehütete Kind strenggläubiger Eltern. So unterschiedlich die drei auch sind, ihnen steht das gleiche Schicksal bevor: Sie sollen "umgewandelt" werden. 
Per Gesetz dürfen Eltern ihre Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren dem Staat überlassen, damit all ihre Körperteile anderen Menschen gespendet werden können. So leben sie weiter, aber im Körper eines anderen. Bevor es soweit kommen kann, fliehen Risa, Connor und Lev - aber können sie jemals frei sein?

Ich bin ehrlich: Optisch haut mich das Buch nicht vom Hocker (abgesehen von der glänzenden Oberfläche). Die Gestaltung ist einfach zu nichtssagend. Anfangs habe ich es eher in die Thriller-Sparte eingeordnet, weshalb ich es nicht weiter beachtet habe. Ein Cover mit mehr inhaltlichen Anhaltspunkten wäre mir persönlich lieber gewesen.

Es gibt sie: die Autoren, die mich mit ihrem Ideenreichtum immer wieder überraschen. Neal Shusterman ist einer von ihnen. Natürlich kann man argumentieren, dass es auf den ersten Blick "nur" der Auftakt einer weiteren Dystopie mit jugendlichen Protagonisten ist, bei der die Unterdrückten ihre Unterdrücker bekämpfen. Was also macht Vollendet in meinen Augen zu etwas Besonderem zwischen all den anderen Werken?
Zunächst einmal ist der Zugang zur Thematik ein wenig anders, auch wenn natürlich das übliche Wir-gege-Die-Denken bleibt. Es geht weniger um soziale Hierarchien, durch die die Gesellschaft in "bessere" und "schlechtere" Bürger getrennt wird und dadurch Konfliktpotenzial birgt. Vielmehr sorgt die medizinische Versorgung bzw. die entsprechenden gesetzlichen Regulierungen für Zündstoff. In Shustermans Weltentwurf sind alle Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren quasi "Freiwild" in dem Sinne, dass ihre gesetzlichen Vormünder in diesem Zeitraum entscheiden können, ob ihre Kinder zu Wandlern werden. Wandler kann man gewissermaßen als Organspender betrachten, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass hier sämtliche Körperteile weiterverwendet werden und die Betroffenen selbst absolut kein Mitspracherecht haben, ob sie überhaupt ein solches Opfer erbringen wollen. Klar, klingt es toll, wenn man sich nicht mehr darum sorgen muss, ob man einen schwer verletzten und sterbenskranken Menschen durch eine Transplantation retten kann oder nicht, denn so verfügt man über Transplantate im Überfluss. Es ist aber eine Sache zum Organspender zu werden, wenn man ohnehin auf dem Sterbebett liegt oder gehirntot vor sich hinvegetiert. Mit seinem letzten Atemzug das Leben eines anderen zu retten, ist dann äußert nobel. Es ist jedoch eine vollkommen andere Sache, wenn andere über deinen Kopf hinweg entscheiden, dass dein Leben beendet wird, obwohl du völlig gesund bist, und du in einem Ernte-Camp zerhackstückelt wirst, um zum Ersatzteillager zu werden. Das ist dann schlicht und ergreifend grausam und - Hand aufs Herz - nichts anderes als Mord. Da kann die Regierung noch so oft behaupten, dass durch den Körperteiltransfer die Person an sich am Leben erhalten wird, nur eben in der Weltgeschichte verteilt. Daraus ergibt sich das moralische Dilemma: Die Intention mag gut sein, die Methoden sind jedoch fragwürdig. Ich war regelrecht angewidert von der Regierung, die so etwas im Gesetz verankert, und ganz besonders von den Eltern, die ihren Kindern das antun, obwohl es ihre Aufgabe wäre, sie bedingslos zu lieben und zu beschützen (diesbezüglich würde ich mir für die Folgebände einen genaueren Einblick in die Motive der Eltern wünschen). Meine Sympathieverteilung stand also von Anfang an fest: Die zukünftigen Wandler hatten mein volles Mitgefühl. Der Fokus liegt auf drei sehr unterschiedlichen Protagonisten: Lev, Risa und Connor. Entspreched wechselt die Erzählinstanz von Kapitel zu Kapitel. Je weiter man im Roman vorankommt, desto mehr lernt man ihre Stärken und Schwächen kennen und umso besser konnte ich mich in sie einfühlen. Connor zeichnet sich vor allem durch seinen Tatendrang, sein Mitgefühl bzw. seine Rücksichtnahme auf andere und seine Führungsqualitäten aus. Er hat zwar ein kleines Problem damit, seine Wut zu kontrollieren, aber er handelt nicht völlig kopflos. Ähnliches trifft auch auf Risa zu. Sie ist ebenfalls clever, besitzt eine gute Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis und weiß sich durchzusetzen. Deshalb hat sie mich auch recht schnell beeindruckt. Lev fand ich zu Beginn anstrengend, was seiner vermeintlichen Sonderstellung geschuldet war. Er ist ein Zehntopfer, d.h. er ist das zehnte (adoptierte oder leibliche) Kind einer Familie und damit automatisch von Geburt an dazu bestimmt, an seinem 13. Geburtstag zum Wandler zu werden. Zehntopfer werden dementsprechend besonders geehrt, weshalb sie auch etwas überheblich sind. Noch schlimmer finde ich jedoch, dass sie ihr ganzes Leben einer so extremen Gehirwäsche unterzogen werden, dass sie sich sogar auf die Wandlung freuen. Das fand ich an Lev einfach unerträglich, aber - so viel kann ich wohl spoilern - er ändert recht bald seine Ansichten. Ab da hat er mich permanent durch seinen Überlebenswillen, seinen Einfallsreichtum und seine Loyalität überrascht. 
Der Reihenauftakt unterscheidet sich auch insofern von anderen, dass der Fokus überwiegend auf den internen Verhältnissen in der Gruppe der flüchtigen Wandler liegt, darauf, wie sie zueinander finden, wie sie organisiert sind, wie sie unentdeckt bleiben und welche zwischenmenschlichen Beziehungen sie zueinander aufbauen. Zu Interaktionen mit den ausführenden Instanzen (Gesetzeshüter, Chirurgen und Angestellte der Ernte-Camps) kommt es lediglich am Anfang und am Ende des Romans. Demzufolge trifft man hier nicht auf eine voll ausgereifte Rebellion, denn erst nach und nach formieren sich die Einzelkämpfer zu einer Widerstandsgruppe. Der Kampf gegen das Regime befindet sich also noch in der Vorbereitung. Ereignisreich und spannend ist die Handlung dennoch, da auch zwischen den Flüchtigen dicke Luft herrscht. Ein gemeinsames Schicksal bewahrt eben niemanden vor Neid und Missgunst. Zudem war ich einfach so erpicht darauf, mehr über Shustermans Welt zu erfahren, dass ich durch das Buch quasi durchgerauscht bin. Das sagt doch eigentlich alles. Noch dazu haben mich die dramatischen Ereignisse auf den letzten Seiten auf jeden Fall zum Weiterlesen motiviert.

"In einer perfekten Welt würden alle Mütter ihre Babys wollen, und Fremde würden den Ungeliebten ihre Türen öffnen. In einer perfekten Welt wäre alles entweder weiß oder schwarz, richtig oder falsch, und jeder würde den Unterschied erkennen. Aber die Welt ist nicht perfekt. Das Problem sind die Menschen, die denken, sie wäre es." (S. 104)

",Nichts anderes ist das Gesetz: wohl begründete Vermutungen darüber, was richtig und was falsch sein könnte.'" (S. 218)

",Emby', sagt er. ,Alle nennen mich einfach Emby.' ,Ist das deine Entscheidung oder ihre?', fragt der Admiral. ,Na ja ... vor allem ihre, aber ich habe mich daran gewöhnt.'
,Lass dir nie von jemand anderem einen Namen verpassen.'" (S. 301)

",Kommt es euch Wandlern eigentlich nie in den Sinn, dass ihr im umgewandelten Zustand besser dran seid - dass ihr dann vielleicht sogar glücklicher sein werdet?'
,Ach, das ist also Ihre Rechtfertigung?', fragt Risa. ,Sie glauben fest daran, dass wir dann glücklicher sind?'
,Hey, wenn das so ist', sagt Connor, ,dann sollte vielleicht jeder Wandler werden. Warum gehen Sie nicht mit gutem Beispiel voran?' Der Polizist starrt erst Connor an und dann seine Socken." (S. 329-330)

Mit Vollendet wird man in eine erschreckende Zukunftsvision eingeführt, die mich persönlich am menschlichen Verstand zweifeln lassen. Die Geschichte ist bisher gut durchdacht, abwechslungsreich und lässt die Gefühle der Figuren und des Lesers aufwallen (ja, auch etwas Romantik ist gegeben, aber erwartet hier bitte keine orchestral wirkungsvoll untermalte Liebesgeschichte). Die "entmündigten" Jugendlichen sind keineswegs makellose Helden, die selbstlos für eine bessere Welt kämpfen, sondern zornige, verzweifelte Heranwachsende mit einem Haufen Problemen und Ängsten, die sich einer Aufgabe stellen müssen, die ihnen alles abverlangen wird. Das sorgt für Abwechslung und Spannung. Für mich hat die Reihe schon jetzt einen großen Wow-Faktor.

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