Sonntag, 25. März 2018

REZENSION: "Mein Sommer auf dem Mond" (Adriana Popescu)

Copyright cbt

Titel: Mein Sommer auf dem Mond
Autor: Adriana Popescu
Genre: Jugendroman
Verlag: cbt
Erscheinungsjahr: 2018
Format: Taschenbuch mit Klappenbroschur (13,00 €), E-Book
Seiten: 399
ISBN: 978-3-570-31198-1
Fritzi, Bastian, Tim und Sarah könnten sich schönere Dinge vorstellen, als ihre Sommerferien in einem Therapiezentrum auf Rügen zu verbringen - und dann auch noch miteinander! Während Underdog Basti von der Sportbessessenheit seines Zimmergenossen Tim in den Wahnsinn getrieben wird, hadert die freche Fritzi damit, der introvertierten Sarah ein Wort zu entlocken. Nie hätten die vier Patienten der Astronautenstation es für möglich gehalten, dass sie genau diesen Menschen ihre Geheimnisse anvertrauen und sich gemeinsam ihren Dämonen stellen würden, dass sie über sich hinauswachsen würden und sich ausgerechnet dort verlieben könnten. Dieser Sommer wird alles für sie verändern.

Das Cover hat mich sofort angesprochen, weil die Teilkomponenten auffällig, aber gut aufeinander abgestimmt sind. Mir gefällt, wie die Jugendlichen Freude und Zusammengehörigkeit vermitteln und auch wie gut sie den Beschreibungen der Figuren entsprechen. Eine sehr gute Wahl!

Bevor ich meine Meinung zum Buch sage, möchte ich gleich anmerken, dass ich ziemlich hohe Maßstäbe an die Geschichte angelegt habe, einfach weil ich psychische Erkrankungen für ein Thema halte, das mit viel Fingerspitzengefühl und Tiefgang angegangen werden muss. Ersteres ist Adriana Popescu sehr gut gelungen, denn sie zeigt viel Verständnis für ihre Charaktere. Das hat sich auf mich als Leserin übertragen, sodass ich mich gut in sie einfühlen konnte. Die Lasten, die die vier Jugendlichen zu tragen haben, wiegen schwer, allerdings lockert Popescu auch die Stimmung durch humorvolle Selbstreflexionen und flapsige Gespräche auf. Das fand ich - vor allem angesichts der Tatsache, dass es sich um einen Jugendroman handelt - durchaus in Ordnung, da man die Thematik dadurch besser verarbeiten kann.
Nicht bei allen vier Hauptfiguren war es bei mir Liebe auf den ersten Blick bzw. Satz, da sie anfangs sehr stark Klischees entsprachen und/oder sich unnahbar gaben. Das hat sich aber nach und nach gegeben, da man sie immer besser kennenlernt. Als Leserin musste ich mich ebenso an sie herantasten, wie sie sie sich aneinander gewöhnen mussten. Die Entwicklung von Abneigung bis hin zur Freundschaft und Fürsorge war für mich gut nachvollziehbar und vollzog sich in angemessenem Tempo. Letztlich habe ich Bastian, Fritzi, Sarah und Tim ins Herz geschlossen und an ihrer emotionalen Achterbahnfahrt Anteil genommen. Soweit bin ich also äußerst zufrieden gewesen.
In Bezug auf den Tiefgang der Geschichte ist meine Begeisterung etwas verhaltener. Meines Erachtens wurde das Potenzial der Story nicht ganz ausgeschöpft, da man die individuellen Problemsituationen noch umfassender hätte beleuchten können. Prinzipiell finde ich es nicht weiter tragisch, dass man als Außenstehender ohne nähere Kenntnisse des Innenlebens das Verhalten der vier wohl für mehr oder weniger normal halten würde. Die Gedankengänge von Fritzi und Bastian zeigen dafür sehr deutlich, dass dem nicht so ist. Das ist soweit natürlich, da man den meisten Menschen ihr Leid nicht ansieht. Oftmals konnte mir Adriana Popescu jedoch nicht ganz die Tragweite ihrer Krankheiten vermitteln. Selbst die fiesen Stimmen, die Basti permanent hört, konnten mir nicht ganz begreiflich machen, wie sehr er unter ihnen leidet. Möglicherweise lag das eben daran, dass die Stimmen zu fiktiven Bösewichtern wie Darth Vader, Loki oder dem Joker gehörten und mich dadurch eher zum Schmunzeln gebracht haben. Andere Leser mögen das vielleicht nicht so empfinden. Unter Umständen wäre es für mich hilfreicher gewesen, wenn ich ein paar Einblicke in Einzeltherapiegespräche bekommen hätte, aber solche Szenen fehlten nahezu völlig. Eigentlich werden die vier immer nur in Interkation miteinander präsentiert. Sie arbeiten dabei zwei auch an ihren Problemen und sind sich gegenseitig große Stützen (zumindest später), aber ich finde es ein wenig merkwürdig, dass in einer psychiatrischen Klinik fast keine Einzeltermine auf der Tagesordnung stehen. Noch dazu hat es den Anschein gehabt, dass die Einrichtung nahezu leergefegt ist, denn abgesehen von Ole, Bellinger und der Empfangsdame sieht und hört man nie großartig etwas von anderen Patienten oder Angestellten. Dadurch ging ein wenig die Atmosphäre verloren bzw. hatte ich dadurch den Eindruck, als wäre die Einrichtung an sich überflüssig, da sich die Heranwachsenden selbst oder gegenseitig therapieren. Zum Teil hat das wohl auch dazu geführt, dass mein Interesse im Mittelteil etwas nachgelassen hat. Je näher ich aber dem Ende des Buches kam, desto besser gefiel es mir dann wieder, da sich allmählich die Dramatik aufbaute. Adriana Popescu zeigt hier ihr ganzes Können: Tolle, berührende Sätze und überkochende Emotionen häufen sich hier. Speziell eine Szene im letzten Drittel mit Sarah hat mir fast das Herz zerfetzt, weil sie so schockierend und ergreifend geschrieben war. Das konnte meine Bewertung noch einmal positiv beeinflussen.

"Es muss schrecklich sein, sich Tag für Tag selbst verleugnen zu müssen" (S. 209-210)

"Atmen tut weh. Leben tut weh. Aber sterben würde so viel mehr wehtun." (S. 253)

",Es hat kaum wehgetan.' Überraschend und heftig schlägt Tim mit der flachen Hand auf den Boden neben sich. So heftig, dass nicht nur Sarah, sondern auch wir zusammenzucken. ,Mir tut es aber weh, verdammt!'" (S. 320)

",[...] Du wirst nicht plötzlich gesund, weil du verliebt bist. So funktioniert das nicht, basti. Das weißt du! Wenn es so einfach wäre, dann würden wir euch alle zum Speed-Dating einladen, auf ein Match hoffen und dann glücklich in die Flitterwochen entlassen.'" (S. 336)

"Kopf und Herz, das merke ich immer häufiger, müssen sich nicht einig sein. Man muss aber zur richtigen Zeit entscheiden, auf was man hören soll." (S. 344)

"Ein Satz, der mir ein Lächeln ins Gesicht und Tränen in die Augen zaubert. Ein Gefühlscocktail, den ich auf ex leeren soll und an dem ich mich fast verschlucke." (S. 367)


Adriana Popescu ist das Problem der psychischen Erkrankungen mit viel Feingefühl angegangen, nimmt dem Ganzen aber durch die selbstironischen Kommentare der Charaktere und die Verknüpfung mit ganz "normalen" Begebenheiten die bedrückende Schwere. Dadurch kann man das Thema gut verdauen und fühlt sich nicht erschlagen, gelegentlich hatte ich aber auch das Gefühl, dass nicht alle Facetten der Dilemmata beleuchtet wurden. Da ich aber eine Bindung zu den Figuren aufbauen konnte, gingen mir ihre individuellen Kämpfe nahe, und besonders das letzte Drittel des Buches war fantastisch!


Merci beaucoup an den cbt Verlag für das tolle Rezensionsexemplar!

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