Dienstag, 13. März 2018

REZENSION: "Die Stille meiner Worte" (Ava Reed)

© Ueberreuter


Titel: Die Stille meiner Worte
Autor: Ava Reed
Genre: Jugendroman / Young Adult
Verlag: Ueberreuter
Erscheinungsjahr: 2018
Format: Hardcover (16,95 €)
Seiten: 320
ISBN: 978-3-7641-7079-0


Nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester Izzy hat Hannah ihre Worte verloren, denn als Izzy ging, hat sie einen Teil von ihr mitgenommen. Seitdem ist Hannah in der Stille ihrer Worte gefangen, kann sie nur rauslassen, indem sie Izzy Briefe schreibt. Und sie verbrennt. Immer wieder aufs Neue. Hannah redet nicht - nicht mit ihren Eltern, mit niemandem. Einzig Mo, Izzys Kater, akzeptiert Hannah als stillen Freund und treuen Gefährten. Bis sie Levi trifft - Levi, der selbst in eine ungewisse Zukunft blickt. Levi, der mit aller Macht darum kämpft, Hannah zurück an die Oberfläche zu bringen und herauszufinden, wer sie wirklich ist...

Wieder designt von Covergott Alexander Kopainski (ja, ich finde, das kann man ruhig so sagen), ist auch das Cover zu Die Stille meiner Worte ein absoluter Traum. Es versetzt einen in genau die richtige Stimmung für die Geschichte, es wirkt aufgrund der unterschiedlichen Blautöne ruhig und still und es passt einfach wie die Faust aufs Auge zu Hannah, Mo und ihrer Geschichte. Ich liebe es. Es ist einfach grandios!

Spätestens seit *Wir fliegen, wenn wir fallen* und *For Good* ist Ava Reed für mich so etwas wie die Meisterin der Gefühle. Gar nicht im kitschigen Sinne, sondern wirklich bezogen auf die intensiven, mächtigen und manchmal niederdrückenden Gefühle, die wir alle kennen und über die wir nicht so gerne sprechen. Ava konfrontiert uns mit ihnen, zeigt sie uns, lässt sie uns so spüren, als wären es unsere eigenen. Und ganz genau das macht ihren neuesten Jugendroman Die Stille meiner Worte zu dem, was er ist: Eine melancholische Geschichte über die Stille, die der Tod eines geliebten Menschen in uns zurücklässt. Eine Stille, die so ohrenbetäubend und alles verschlingend ist, dass man sie mit Worten nicht vertreiben kann.

Diese Stille fühlt und lebt die 17-jährige Hannah, die mit dem Tod ihrer geliebten Zwillingsschwester Izzy ihre Worte verloren hat. Seit dem Augenblick, in dem Izzy starb, ist Hannah stumm. Ein Umstand, der die Geschichte wahnsinnig intensiv und bedrückend macht. Denn Hannah spricht zwar nicht, aber sie denkt und fühlt unheimlich viel. Ihr Kopf ist voller Gedanken, viele davon düster, schmerzhaft, hoffnungslos und selbstzerstörerisch, und Hannah hat nicht die Kraft, sie auszusprechen. Die tiefe Liebe zu ihrer Schwester und das Nichts, das ihr Tod hinterlassen hat, nehmen Hannah Tag für Tag die Luft zu atmen und drücken sie nieder. Ihre Stille und ihre stumme Verzweiflung haben sich beim Lesen auf mich übertragen und mich diesen unvorstellbaren Schmerz mit jeder Pore nachfühlen lassen. Denn die Worte, die Hannah nicht spricht, sind so echt, klar und gewaltig, dass sie sich wie kleine Messer in mein Herz gebohrt haben. Ich hoffe, ich kann das, was ich beim Lesen empfunden habe, überhaupt richtig ausdrücken - denn auch mir fehlen nach diesem intensiven Erlebnis ein wenig die Worte...

Hannahs Stille hat mich anfangs komplett überrumpelt, denn obwohl ich ja aufgrund des Klappentextes eigentlich wusste, was auf mich zukommt, haben mich die einseitigen Dialoge und Hannahs stumme Antworten auf den ersten Seiten noch irritiert und befremdet. Ihr wisst ja: Ich liebe Dialoge, ich liebe viele Dialoge und ich liebe laute Dialoge. Das findet man zumindest im ersten Teil von Die Stille meiner Worte nicht - die Geschichte ist ruhig und leise, wobei ihre Kraft in den all den ungesagten Worten liegt, in all den Gefühlen und Gedanken, die Hannahs Kopf füllen. Es ist das Ungesagte, es sind die Worte, die zwischen den Charakteren im Raum schweben, die den Leser die Geschichte so intensiv und nah wahrnehmen lassen.

Es klingt fast ein wenig ironisch, aber Ava findet genau die richtigen Worte für Hannahs Stille. Ava schreibt wundervoll poetisch, sehr metaphorisch und bildhaft - und dieser Stil passt einfach atemberaubend gut zu Hannahs Stille und zu Hannahs Worten. Die Art und Weise, wie Ava die so schmerzhafte Geschichte dieses zerbrochenen Mädchens erzählt, ist einfach sensationell - bewegend, authentisch und so kraftvoll, dass sich all das, was Hannah fühlt, auf einen selbst überträgt. Das tut weh, ist teilweise beängstigend, nimmt einem die Luft zum Atmen und zerreißt einem schier das Herz. Aber es gibt auch Hoffnung - Hoffnung darauf, dass Hannah ihre Worte wiederfindet und dass es für sie einen Weg gibt, mit dem Verlust und dem Schmerz zu leben. Denn natürlich ist Die Stille meiner Worte nicht nur eine Leidensgeschichte, es ist die Geschichte eines Mädchens, das erst wieder lernen muss, zu leben, zu atmen, zu sprechen, zu tanzen, glücklich zu sein und sich selbst zu lieben. Diesen Prozess bildet Ava in ihrem Roman auf eindrucksvolle und absolut einnehmende Art und Weise ab, denn jeder kleine Schritt, den Hannah macht, hat auch mir ein kleines Stück meines Herzens zurückgegeben.

Es gibt zwei Dinge, die Hannah im Hier und Jetzt verankern, die sie daran hindern, in all ihrer Trauer den Boden unter den Füßen und damit sich selbst zu verlieren. Zum einen ist das Mo, der Kater ihrer Schwester Izzy. Mo ist ein so treues und friedliches Tier, das Hannah mit seiner stillen Anwesenheit spürbar Trost spendet und ihr ein kleines Stück von Izzy zurückgibt. Das ist ein so unheimlich schöner Gedanke, dass ich mir beim Lesen das ein oder andere Tränchen verdrücken musste, denn als Mutti zweier anhänglicher Fellnasen weiß ich, wie viel Kraft und Trost man aus der bloßen Anwesenheit von Katzen ziehen kann. Es hat mir in so manch schwieriger Situation das Leben gerettet.

Zum anderen ist da Levi, der selbst sehr in sich gekehrt ist und wie Hannah ein Stück weit verloren wirkt. Levi ist der Mensch, der Hannah anders behandelt als ihr gesamtes Umfeld. Der ihre Trauer akzeptiert und versteht und der ihr schließlich dabei hilft, sich selbst zu heilen. Die Stille meiner Worte ist aber nicht - und das gefällt mir besonders gut an diesem Roman - eine schmalzige Romanze mit zwei gebrochenen Teenagern als Hauptakteuren. Nein, es ist die Geschichte einer noch viel tieferen, auf jeden Fall aber einer ganz anderen Liebe - der Liebe eines Mädchens zu ihrer Zwillingsschwester. Auch wenn wir Izzy nicht kennenlernen, lassen Hannahs Erinnerungen, Gedanken und Gefühle, ganz besonders aber ihre Briefe an sie, sie Wirklichkeit werden, sie auferstehen. Levi hingegen wird im Verlauf der Handlung sozusagen ein zweiter Mo für Hannah - er wird ihr Anker, ihr Bezugspunkt zur Wirklichkeit - er ist die Kraft, die sie aus dem Dunkeln und ins Licht zieht.

Bevor ich euch mit meinem nun doch recht ordentlichen Wörterschwall zu Die Stille meiner Worte überflute, möchte ich noch auf ein in meinen Augen sehr wichtiges Detail der Geschichte zu sprechen kommen. Nachdem Hannahs Eltern überhaupt nicht mehr zu ihr durchdringen können, melden sie sie auf einem besonderen Internat an - Sankt Anna. Dort nimmt man sich Jugendlicher an, die "spezielle Probleme" haben, wie es im Buch selbst heißt. Jugendliche wie Hannah, die einen schweren Verlust verwinden, wie Sarah, die ihre Rollkragenpullis wie eine Rüstung trägt, wie Levi, für den Sankt Anna das einzige Zuhause geworden ist, das er hat, wie Lina, die sich ruppig und knallhart gibt, damit niemand merkt, wie kaputt sie innen drin ist. Ich finde, Ava hat ihr ein tolles Konzept geschaffen, denn Sankt Anna zeigt, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche mit einer schlimmen Vergangenheit und mit schwerwiegenden Problemen nicht allein zu lassen, sondern auf sie einzugehen, sie anzuleiten und ihnen doch den Freiraum zu lassen, den sie brauchen. Ein weiterer Aspekt des Buches, der mich sehr bewegt hat und den ich im Gesamtkontext einfach wunderschön finde.

"All die ungesagten Worte in mir sind Verständnis und Unverständnis zugleich, sie sind Einsamkeit und Gesellschaft, sie sind mein Gefängnis und meine Freiheit. Sie sind wie Fremde, die mich umarmen, und wie Freunde, die mir den Rücken kehren. Sie sind da und sie können nicht heraus - sie sind wie ich. Uns umgeben die gleichen Mauern, uns halten die gleichen Grenzen. Ich weiß, woher sie kommen, ich spüre, dass sie da sind, aber ich weiß nicht, wie ich sie einreißen kann. Ob ich das möchte. Ich habe Angst. Ich habe Angst vor der Stille meiner Worte. Und so ist es, Tag für Tag, Kampf und Tanz zugleich." (S. 7)

"Ich finde Worte, ich finde Tausende davon und sie alle sind in meinem Kopf. Sie finden nur den Weg nicht hinaus." (S. 90)

"Du hast mir mal gesagt, nach Regen folgt immer Sonnenschein. Aber was mache ich, wenn der Regen nicht aufhört? Oh, ich weiß, was du sagen würdest: Dann stell dich gefälligst rein! Tanzen kannst du überall!" (S. 179)

"Manchmal zerbrechen Dinge. Sie zerfallen in unzählige Teile und werden zu einem Puzzle. Wenn man alle findet, dann kann man sie wieder zusammenfügen. Aber es kann passieren, dass manche auf ewig verloren sind, dass es nicht funktioniert. Dass das Puzzle unvollständig bleibt." (S. 252)

Eine kleine Liebeserklärung: Ich liebe Avas poetischen, sehr metaphorischen Schreibstil. Ich liebe die Art und Weise, wie sie eine Geschichte erzählt - so voller Feingefühl, Liebe und Intensität. Ich liebe es, dass ihre Geschichten mich mitten ins Herz treffen, mich erst in gewisser Weise verletzen und mich dann ganz sachte wieder zusammensetzen. Ich liebe Die Stille meiner Worte, diesen ruhigen, leisen und doch so gewaltigen Roman, der beim Lesen so so vieles mit mir gemacht hat. Ich hoffe, es ist mir irgendwie gelungen, auszudrücken, wie sehr mich diese Geschichte berührt, mitgenommen und beeindruckt hat. Aber ich fürchte, in meinem Kopf sind immer noch so viele Worte, die einfach nicht nach draußen finden. Nur eins noch: Danke! Danke, Ava, für diese unglaubliche, diese atemberaubende Geschichte. Danke für deine Worte!



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