Donnerstag, 22. Februar 2018

REZENSION: "V wie Vendetta" (Alan Moore, David Lloyd)

© Panini Comics


Titel: V wie Vendetta
Autor: Alan Moore, David Lloyd
Genre: Graphic Novel
Verlag: Panini Comics
Erscheinungsjahr: 2006
Format: Softcover (19,99 €)
Seiten: 288
ISBN: 978-3-866075054



Nach einem atomaren Krieg kommt in England eine faschistische Regierung an die Macht und verwandelt Großbritannien in einen Überwachungsstaat, in dem alle Fäden in der Hand des Führers zusammenlaufen. Als Opfer dieses Regimes gerät die junge Evey in die Fänge der sogenannten Fingermen, wird jedoch in letzter Sekunde von einem geheimnisvollen Maskierten gerettet. V, wie er sich nennt, entpuppt sich bald schon als skrupelloser Terrorist und erbitterter Gegner des Regimes, der seinen ganz eigenen Rachefeldzug plant. Und bei dieser Revolution spielt auch die 16-jährige Evey eine wichtige Rolle...

Elektrisierend, düster, bedrohlich, ein kleiner Vorgeschmack auf David Lloyds intensive Zeichnungen - wenn einen das Cover zu V wie Vendetta nicht anfixt, dann weiß ich auch nicht!

Mittlerweile bin ich auf den Geschmack gekommen und habe mit Graphic Novels beziehungsweise Comics ein völlig neues Genre für mich entdeckt. Irgendwann musste ich es dann lesen - V wie Vendetta, ein Klassiker, dessen Geschichte ich bisher absolut gar nicht kannte (jep, nicht einmal den Film habe ich gesehen). Und ich denke, das war auch gut so, denn so bin ich quasi kopfüber hineingefallen in diese intensive, düstere, markerschütternde Geschichte, die Alan Moore und David Lloyd erzählen. Sie ist wirklich einzigartig, weil sie so kontrastreich, so in sich gegensätzlich und dabei so stimmig ist.

Was meine ich damit? Vor allem eines: Die Handlung ist auf der einen Seite vollkommen klar, sehr explizit und eindeutig. Erinnert ihr euch an all die Werke, die sich unterschwellig auf den Nationalsozialismus beziehen (genannt seien zum Beispiel Harry Potter und Die Tribute von Panem)? So ist V wie Vendetta NICHT. In dieser Geschichte gibt es keine Andeutungen, keine versteckten Hinweise (was das totalitäre System betrifft) - vielmehr greifen Moore und Lloyd ganz bewusst und ungefiltert die furchtbarsten Aspekte des Nationalsozialismus und des Holocaust auf und machen das England der Zukunft (beziehungsweise aus heutiger Sicht der Vergangenheit, denn das Ganze spielt Ende der 1990er Jahre - gruselig!) zu einer schaurigen Neuauflage des Dritten Reichs. Man denke nur an Konzentrationslager, Menschenexperimente, Willkür durch den Staat - man denke an den Faschismus. Und das Ganze inklusive technischer Neuerungen wie vor allem der Rundum-die-Uhr-Überwachung und der "Stimme der Vorsehung" - eine bedrückende, authentische und auf erschreckende Weise so vertraute Welt.

Auf der anderen Seite aber ist die Geschichte auch vage, undeutlich, verworren, implizit - ganz besonders in Hinblick auf zwei Dinge. 1. Der atomare Kriegsakt, der Großbritannien in die Diktatur geführt hat - und das ist auch einer meiner wenigen Kritikpunkte an diesem Buch, denn wie ihr wisst bin ich ein Fan von Hintergrundinfos. Ich brauche sie, um die dargestellte Welt in meinem Kopf vollumfänglich zu rekonstruieren. Das hat mir bei V wie Vendetta also ein wenig gefehlt, auch wenn mir bewusst ist, dass das ganz sicher nicht an der Nachlässigkeit oder fehlenden Fantasie der Autoren liegt - vielmehr wollten sie die Handlung höchstwahrscheinlich ganz gezielt in der Schwebe lassen, um ihre Allgemeingültigkeit zu betonen, was ihnen auf jeden Fall gelungen ist. 2. V.

V ist der Terrorist, der ebenso wenig zu fassen ist wie ein Schatten. Er ist dieser eine Mensch, der das System herausfordert und dessen Rachedurst ihm unvorstellbare Kräfte verleiht. Anfangs fragt man sich noch, wer V denn nun sein mag und empfindet die wenigen Infos, die man zu seiner Vergangenheit bekommt, als unzureichend und unvollständig. Wer ist er? Gegen Ende aber habe ich begriffen, dass das gar keine Rolle spielt. Denn ich verstehe V mittlerweile nicht mehr als Person, sondern als Konzept. V verkörpert den puren, kompromisslosen Widerstand, die gewaltsame Auflehnung gegen ein totalitäres System. Und ich finde es Wahnsinn, auf welche Weise Moore und Lloyd genau das dargestellt haben - dahinter versteckt sich eine so immense, bild- und wortgewaltige Kraft, dass es einen fast umhaut.

Diese Kraft durchzieht die Geschichte von vorne bis hinten - sie findet sich in den Texten, in den Bildern, in den Figuren, den Handlungen, zwischen den Zeilen. Einfach überall. Und sie trifft einen bis ins Mark. V wie Vendetta ist eine beeindruckende Symbiose aus "implizit" und "explizit", ein ständiges Schwanken zwischen "klar sehen" und "vermuten". Moores Texte und Lloyds Zeichnungen harmonieren unfassbar gut miteinander, ergänzen sich zu einem verstörenden Bild, das sich augenblicklich im Kopf des Lesers manifestiert und dort eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Mich hat so vieles an dieser Graphic Novel fasziniert - neben V war das ganz besonders die Figur des Führers, die mich nicht nur aufgrund seines Titels an Adolf Hitler erinnerte. Seine Darstellung hat mich umgehauen - wie er da sitzt, lethargisch in seinem Sessel vor all diesen Bildschirmen. Wie er alles sieht und doch gar nichts mehr begreift, nahezu handlungsunfähig ist, umgeben von seinen geifernden Schergen, die er kaum noch wahrnimmt. Ein weiteres kraftvolles Bild, das V wie Vendetta so gewaltig macht.

Ich kann nicht sagen, dass es einem großes Vergnügen bereitet, in die düstere Welt von V wie Vendetta abzutauchen. Aber die Geschichte ist pur, elektrisierend, wahnwitzig, verworren und auf so vielen Ebenen genial konzipiert - sie erschreckt und verstört einen, verängstigt und verwirrt mit ihrer Ambivalenz. Und doch ist da immer dieser eine kleine Hoffnungsschimmer, dieser V, der nach und nach nicht nur das Volk Englands aus dem Dornröschenschlaf erweckt, sondern auch den Leser. Das ist sicher eines dieser Bücher, das man vor seinem Tod gelesen haben muss.



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