Mittwoch, 24. Januar 2018

REZENSION: "Ich und die Walter Boys" (Ali Novak)

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Titel: Ich und die Walter Boys
Autor: Ali Novak
Genre: Jugendroman
Verlag: cbt
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Taschenbuch (9,99€), E-Book
Seiten: 448
ISBN: 978-3-570-31116-5
Noch vor ein paar Monaten hatte Jackie das perfekte Leben mit allem, was sie sich nur wünschen konnte. Bis sie eine Nachricht erhält, die ihr den Boden unter den Füßen wegzieht: Ihre Eltern und ihre Schwester sind tot. Auf einen Schlag hat sie nichts mehr, keine Familie, kein Heim, keine Zukunft. Der nächste Schock: Sie soll zu ihrer Vormundfamilie, den Walters, nach Colorado ziehen. Als Jackie denkt, es ginge nicht noch schlimmer, erfährt sie, dass die Walters zwölf Kinder haben - fast ausschließlich Jungs! Da ist das Chaos vorprogrammiert. Ihr Leben wird auch nicht gerade leichter, als ihr dann zu allem Überfluss auch noch ihre Gefühle dazwischenfunken.

Das Cover ist wohl ein Paradebeispiel für effektive Eigenwerbung. Ich bin sicherlich nicht die einzige, die beim Anblick der Sixpack-Parade instinktiv innegehalten hat. Zweck erfüllt, würde ich sagen!

Es ist und bleibt für mich ein Rätsel, warum ich meine Finger von Jugendromanen nicht lassen kann. Vielleicht versuche ich auf die Weise etwas von meiner eigenen pubertären Phase aufzuholen, die zu einem Großteil aus Lernen und Lesen bestanden hat. Young Adult-Romane sind im Vergleich dazu einfach tausendmal aufregender. Den Eindruck hatte ich sofort, als ich den Klappentext von Ich und die Walter Boys gelesen habe: Als Jugendliche mit zwölf anderen, überwiegend männlichen Heranwachsenden zusammenzu-ziehen, klingt für mich zwar wie der blanke Horror, aber auf jeden Fall auch alles andere als langweilig. Diese Vermutung hat sich auch bestätigt. Da sämtliche Altersklassen und Persönlichkeiten vertreten sind, vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein größeres oder kleineres Pulverfass explodiert. Besonders die Jüngeren haben es faustdick hinter den Ohren, was für alle eine Herausforderung ist. Das Chaos trifft einen nicht ganz unvorbereitet, aber trotzdem fühlte ich mich anfangs etwas überrumpelt. Man wird ohne roße Umschweife ins Geschehen geworfen und muss sich irgendwie zurechtfinden. Alles, was man hat, ist eine erste Deskription der Charaktere. Hier wird zwar ein eher stereotypisches Bild gezeichnet (der Sportler/Frauenheld, der Zocker, der Schauspieler, der Musiker), aber es half auch extrem bei der Einordnung - denn bei so vielen Leuten kann man schnell mal den Überblick verlieren. Das fiel mir mit jedem Kapitel leichter, auch wenn ich über einige der Jungs am Ende der Geschichte nicht mehr sagen könnte, als ich am Anfang erfahren habe.
Ali Novak konzentriert sich auf die obere Hälfte, denn Dreh- und Angelpunkt der Story ist natürlich das hormonelle Durcheinander, was man gemeinhin als Liebe bezeichnet. Die alles entscheidende Frage ist, mit wem Jackie wohl am Ende zusammenkommt. Den Kreis potenzieller Kandidaten konnte man, noch bevor es zu einem ersten Treffen gekommen ist, aufgrund des Alters auf 5 bzw. 4 Jungs (wenn man Will, der bereits verlobt ist, nicht mitrechnet) eingrenzen: Cole, Danny, Alex und Isaac. Ich musste ein ganz kleines bisschen die Augen verdrehen, weil die erste Konfrontation ausgerechnet am Pool stattfinden musste, damit die Jungs gleich ihre optischen Vorzüge zur Schau stellen können. Tja, es werden eben nicht nur Frauen objektiviert. Es war dann relativ schnell klar, auf wen Jackies Wahl fallen würde, aber Ali Novak lässt den Leser in der Beziehung ganz schön zappeln. Jackie ist niemand, der sich von seinem Bauchgefühl (bzw. -kribbeln) leiten, sondern ihren Kopf entscheiden lässt. Dafür ist sie zu vernünftig und clever. Der Widerstreit zwischen ihren Gefühlen und ihrem Verstand sorgt für allerhand Drama. Auch wenn ich ihr Zögern sehr gut nachvollziehen konnte, hat das Hin und Her aber auch nach einer Weile ganz schön an meinen Nerven gezehrt. Möglicherweise lag das aber auch daran, dass mir die männlichen Parteien bisweilen etwas unsympathisch waren. Ich kam mit dem ständigen Wechsel zwischen Unfreundlichkeit und starkem Interesse nicht ganz klar und sie haben ein paar Aktionen gebracht, die ich nicht gerade als ihre Glanzmomente bezeichnen würde.
Abgesehen davon gab es noch ein paar andere Faktoren, die mir nicht ganz plausibel erschienen. Man möchte zum Beispiel meinen, dass Jackie ein heulendes, in sich gekehrtes Wrack sein würde. Das war sie aber keineswegs. Sie hatte zwar ein paar trübselige Momente, aber die dauerten nicht sonderlich lange an. Allerdings hat Ali Novak genau dann, wenn ich mir gerade dachte "Sie hat gerade ihre Familie verloren. Hat sie keine anderen Probleme?", diesen Punkt zur Sprache gebracht.  Deswegen sehe ich das mal nicht so eng. Zudem muss ich zugeben, dass ein Leben mit zwölf Heranwachsenden (speziell mit diesen) einfach so chaotisch und turbulent ist, dass man wohl kaum Zeit zum Trauern hat. Es gibt einfach zu viel Ablenkung. 
Weiterhin konnte auch nicht ganz nachvollziehen, warum Jackie selbst noch im letzten Drittel das Gefühl hatte, sie würde nicht von den Walter-Kindern als Familienmitglied akzeptiert werden. In Anbetracht der Tatsache, dass sie mit drei der Jungs regelmäßig Zeit allein verbringt und (abgesehen von einer Person) sie niemand ausgrenzt, hat das einfach keinen Sinn ergeben. Das zeugte für mich von unglaublicher Unsicherheit, weil es für sie extrem wichtig zu sein scheint, von allen gemocht zu werden. Ein solcher Charakterzug missfällt mir bei Protagonisten immer. 
Das liest sich jetzt ein bisschen so, als würde ich kein gutes Haar an der Story lassen. Aber das täuscht. Ja, die Handlung war mehr oder weniger vorhersehbar und nicht ganz frei von Klischees, aber ich habe auch nichts anderes erwartet, als ich zu dem Buch gegriffen habe. Der Roman hatte auch viel Gutes, es gab einige dramatische und süße Szenen und beim Lesen lief das Geschehen wie ein Film vor meinem geistigen Auge ab - das sagt doch letztlich alles.

Kurz und gut: An manchen Stellen fiel es mir schwer, mich vollkommen auf die Geschichte einzulassen, weil mir das ein oder andere nicht einleuchten wollte oder mich aufgeregt hat. Prinzipiell fand ich das Buch aber gut. Es avanciert jetzt vielleicht nicht zu meinem Lieblingsbuch, aber es war unterhaltsam zu lesen und schon allein aufgrund der Ausgangssituation einprägsam.




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