Montag, 9. April 2018

REZENSION: "Ich hasse Menschen - Eine Abschweifung" (Julius Fischer)

Copyright Voland & Quist

Titel: Ich hasse Menschen - Eine Abschweifung
Autor: Julius Fischer
Genre: Novelle / Humor
Verlag: Voland & Quist
Erscheinungsjahr: 2018
Format: Taschenbuch mit Klappenbroschur (16,00 €)
Seiten: 160
ISBN: 978-3-86391-196-6
Julius Fischer hasst Kinder. Und Jugendliche. Und Studenten, Rentner, Jogger und Berufstätige. Eigentlich hasst er alle Menschen, besonders die, mit denen er persönlich zu tun hat. Am liebsten würde er all diesen Leuten aus dem Weg gehen. Nur funktioniert das leider nie. Deshalb hat er dieses Buch geschrieben: Um von seinen merkwürdigen Begegnungen zu berichten und seinem Ärger Luft zu machen.

Vielleicht ist es keins der aufmerksamkeitsheischenderen Cover, aber ich finde, der oder die Coverdesigner/in hat seinen/ihren Job gut gemacht. Die Grundaussage (und gleichzeitiger der Titel) werden klar hervorgehoben und das gewählte Motiv bringt die Rahmenhandlung auf den Punkt.

Bei Julius Fischers Textbändchen werden sich höchstwahrscheinlich die Geister scheiden: Schon der Titel macht ihn bei einigen sicherlich nicht unbedingt sympathisch, bei anderen wiederum rennt er offene Türen ein. Ich gehöre zur letzteren Kategorie, denn mir spricht er mit diesem Satz aus der Seele. Ob nun Supermärkte, Buchmessen oder volle Einkaufsstraßen: Bei größeren Menschenaufläufen stoße ich an meine Grenzen und mein Geduldsfaden ist zum Zerreißen gespannt. Es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin.
Man könnte jetzt schnell denken, Ich hasse Menschen sei eine reine Hasstirade, ein Affront gegen die gesamte Menschheit, aber ganz so durchweg menschenverachtend ist es gar nicht. Es ist nicht so, als würde Julius Fischer tatsächlich jeden einzelnen Menschen hassen. Es ist eher der Mensch im öffentlichen Kollektiv, das, wie er meint, die schlechtesten Eigenschaften der Individuen hervorbringt. Und da gebe ich ihm völlig recht. Ob intendiert oder nicht, in "freier Wildbahn" verkommen sie zu hirnlosen Primaten und/oder benehmen sich, als wären sie allein auf der Welt. Das Gute ist: Julius Fischer nimmt sich selbst nicht davon aus und genau das macht es mehr oder weniger in Ordnung, wenn er sich über andere aufregt. Wir alle haben nervtötende Eigenschaften, aber solange man sich dessen bewusst ist und diese mit Humor nehmen kann, kann man durchaus mal schriftlich Dampf ablassen. Zumindest ist das ein besseres Ventil als gewalttätig zu werden.
Wie darf man sich das Buch nun vorstellen? Im Prinzip handelt es sich um mehrere Einzelepisoden, die in einen erzählerischen Rahmen - eine Zugfahrt, bei der dem erzählerischen Ich ein Mann gegenübersitzt, der eine Möhre nach der anderen sehr laut und sehr langsam isst - eingebettet sind. Die einzelnen Geschichten variieren thematisch und hängen nicht wirklich miteinander zusammen. Der einzige rote Faden ist, dass sie immer darauf hinauslaufen, dass er irgendeine Sorte Mensch nicht besonders gut leiden kann. Der ein oder andere Auszug ist einigen regelmäßigen Poetry-Slam-Followern sicherlich schon bekannt, was sie aber nicht weniger unterhaltsam macht. Die Texte sind meistens zum Lachen, es sind aber auch diverse Abschnitte dabei, die einen etwas ernsteren Unterton haben - und das ist auch gut so! In beiden Fällen kann ich mich mit seiner Sicht- und Denkweise identifizieren. Das ist der Hauptpunkt, warum mir dieses Buch so gut gefallen hat.
Wichtig anzumerken wäre, dass man den Text unbedingt so lesen sollte, wie Julius Fischer ihn bei einem Live-Auftritt vortragen würde: mit passenden Tempowechseln und Betonungen und vor allem mit einem sarkastischen bzw. zynischen Unterton. Ansonsten fühlt man sich zum einen früher oder später mal beleidigt, zum anderen ist es dadurch einfach amüsanter und lebendiger. Ich würde also jedem raten, sich vorher wenigstens eine seiner Performances anzusehen, bevor man die Novelle liest.

"Noch schlimmer sind nur Wanderer. Die laufen noch nicht mal schnell. Sondern begegnen sich einfach zufällig am selben Ort. Da gehört doch nichts dazu. ich laufe auch nicht, bevor ich mich anstelle, einmal die komplette Kassenschlange entlang und gebe jedem freundlich vor mir die Hand. Nein. Ich hasse sie, weil sie vor mir stehen." (S. 55)

"Ich glaube ja manchmal, dass die meisten Menschen nur leben, weil die Angst vor dem Sterben zu groß ist." (S. 63)

"Wahrscheinlich liegt es an mir. Meine Toleranzgrenze sinkt herab. Andere Leute werden ja mit dem Alter wunderlich, sprechen mit sich selbst oder können im Rudel nicht anders, als laut und nervig zu sein. Ich habe einfach keine Bullshit-Toleranz mehr." (S. 92)

Auch wenn der Titel anderes suggeriert, ist Ich hasse Menschen keine reine Hasstirade, sondern in erster Linie eine pointiert und amüsant geschriebene, gelegentlich auch ernstere Töne anschlagende Betrachtung des menschlichen Verhaltens. Man kann sich hier auf den Schlips getreten fühlen, muss es aber nicht. Ich für meinen Teil habe mich ausgesprochen gut mit dem erzählerischen Ich identifizieren können. Das Buch ist vor allem für Fans von Julius Fischer empfehlenswert, für Leute, die schnell von ihren Mitmenschen genervt sind oder perfekt geeignet für eine etwas längere Zugfahrt ;-)

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