Mittwoch, 18. April 2018

REZENSION: "Der Augensammler" (Sebastian Fitzek)

© Lübbe Audio
Titel: Der Augensammler
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Thriller
Verlag: Lübbe Audio
Sprecher: Simon Jäger
Erscheinungsjahr: 2010
Format: Hörbuch (10,99 €), TB, eBook
Länge: 310 Minuten (464 Seiten)
ISBN: 978-3-7857-4368-3

Ein grausamer Serienmörder hält Berlin in Atem: Der Augensammler, wie er von der Presse genannt wird, tötet immer nach dem gleichen Schema. Erst bringt er die Mutter um, dann entführt er das Kind. Der Vater hat anschließend 45 Stunden Zeit, um sein Kind zu finden - danach stirbt es. Doch damit endet das Grauen noch nicht, denn den aufgefundenen Kinderleichen fehlt immer das linke Auge. Bislang gibt es keine brauchbaren Hinweise auf die Identität des Killers, doch als er erneut zuschlägt und diesmal ein Zwillingspärchen entführt, heftet sich der Ex-Polizist und Journalist Alexander Zorbach an die Fersen des Augensammlers. Hilfe bekommt er von seinem loyalen Volontär und ausgerechnet einer blinden Physiotherapeutin, die behauptet, in die Vergangenheit anderer Menschen blicken zu können und die die ersten Hinweise auf den Mörder liefert. Ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt...

Das Cover der alten Hörbuchausgabe ist nicht unbedingt spektakulär, sondern im Gegenteil recht abstrakt und zurückhaltend - dafür tut der Titel sein Übriges und spricht eigentlich für sich. Mehr braucht es für einen Thriller-Fan sicher nicht, um zu diesem Buch zu greifen.

Wenn ich mich richtig erinnere, war Der Augensammler vor vielen Jahren mein allererster Fitzek und ich glaube, auch mein erster Thriller von einem deutschsprachigen Autoren. Ich weiß noch, dass ich die Namen damals super befremdlich fand, allen voran den des Protagonisten Alexander Zorbach - in dem Genre liest man einfach hauptsächlich von David Hunters und Co. Mittlerweile habe ich mich natürlich dran gewöhnt, denn warum sollte ein Serienmörder nicht auch in Berlin sein Unwesen treiben? In meinen Augen steht Fitzek in Sachen Einfallsreichtum seinen Kollegen aus Übersee schon lange in nichts mehr nach, wobei seine Ideen in Der Augensammler, einem seiner früheren Romane, sowieso noch relativ unverbraucht und einfach herrlich schockierend sind.

Mit dem Augensammler nämlich hat Fitzek einen Serienmörder geschaffen, dessen Taten auf den ersten Blick an Grausamkeit und Skrupellosigkeit kaum zu übertreffen sind. Sein immer gleiches, schematisches Vorgehen, der Mord an der Mutter und die anschließende Entführung der Kinder mit einem Zeit-Ultimatum von 45 Minuten, das Entfernen des linken Auges der Kinder - all das ist eine entsetzliche Folter für die Väter und könnte so auch aus einer Folge "Criminal Minds" entsprungen sein. Was mir aber bei diesem Thriller besonders gut gefällt, ist, dass Fitzek mit dem Augensammler einen weitaus komplexeren und interessanteren Charakter geschaffen hat, als man anfangs vermuten könnte. Indem er ihn nämlich selbst durch Briefe an die Zeitung zu Wort kommen lässt, gibt er ihm nicht nur die Aura eines unmöglich zu fassenden Phantoms (wir erinnern uns an Jack the Ripper und seine berühmten Briefe), sondern er gibt ihm in seinem Wahn auch eine Möglichkeit, sich zu erklären, der Polizei und der Presse Hinweise zu geben, seine Überlegenheit zu demonstrieren und sich letztlich auch zu rechtfertigen. 

Ich weiß nicht so recht, ob ich es gut finde, wie der erste Band des Zweiteilers endet (ich will euch nicht zu viel verraten) - ich glaube, ich hätte es spannender gefunden, wenn Fitzek mich noch ein wenig länger im Dunkeln gelassen und seinem Mörder erst in Band 2 die Worte in den Mund gelegt hätte, mit denen Der Augensammler endet. Nichtsdestotrotz ist die ganze Geschichte bis zu diesem explosionsartigen Ende durchzogen von zahlreichen Höhepunkten, zum Nägelkauen spannenden Situationen, irren Plot Twists und unerwarteten Handlungselementen. Wie die meisten seiner Bücher führt auch Der Augensammler den Leser tief hinab in die dunkelsten Abgründe der menschlichen Psyche und ist dabei so rasant, dass man kaum zu Atem kommt - und es auch gar nicht will.

Überzeugt haben mich außerdem die Charaktere - vom Ex-Polizisten Zorbach, den ein schwerwiegender Fehler in seiner Vergangenheit nur noch mehr dazu anspornt, den Augensammler zu finden und der sich fast schon wahnhaft in die Suche nach dem Mörder und den entführten Kindern hineinsteigert, über den wenig ehrenhaften und ungehobelten Polizisten Scholle und die blinde, auf den ersten Blick tatsächlich etwas verrückte Alina bis hin zum Augensammler selbst. Die Figurenkonstellation passt einfach perfekt zur Stimmung und zur rasanten Handlung. Das einzige, was mich schon beim ersten Lesen und auch jetzt wieder gestört hat, ist Alinas Gabe - auch wenn ich es grandios finde, wie sich gegen Ende alles entwickelt, konnte ich mich manchmal des Gefühls nicht erwehren, hier hätte es einfach noch ein Mittel gebraucht, um schließlich die ersten echten Hinweise auf den schwer fassbaren Augensammler zu liefern und Zorbach auf die richtige Spur zu bringen. Ich weiß nicht, ob Alinas Rolle hundertprozentig und vor allem auf glaubwürdige Weise in die Geschichte passt.

Trotzdem liest sich auch Der Augensammler weg wie nichts - beziehungsweise hört sich in der Hörbuchfassung nur so runter. Was sicherlich auch an Simon Jäger liegt, der bisher alle Thriller von Fitzek eingelesen hat und der einfach einen verdammt guten Job macht - man kann es nicht anders sagen. Übrigens ist auch der Aufbau des Romans etwas ziemlich Besonderes: Die Geschichte beginnt nämlich mit dem Epilog und endet mit dem Prolog - dazwischen laufen die Kapitel rückwärts ab. Das mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, wenn man die Handlung aber aufmerksam verfolgt, erschließt sich gegen Ende der Sinn des Ganzen. Es ist wieder so ein genialer Fitzek-Kniff, der den Thriller zu einem spektakulären Leseerlebnis macht.

Der Augensammler ist nicht mein Lieblings-Fitzek, als meine "Einstiegsdroge" wird er für mich aber immer etwas Besonderes sein. Das Hörbuch hat mir einfach nochmal gezeigt, wie viel Spaß (klingt das eigentlich komisch?) man beim Lesen/Hören hat und wie großartig es sich anfühlt, wenn einem am Ende wie Zorbach ein Licht aufgeht und man sich denkt - Menschenskinder, wie konnte ich nur so blind sein? Rasant, vielschichtig, überraschend, grausam und vor allem unterhaltsam - Thrillerfans wird Der Augensammler ganz sicher mehr als glücklich machen.



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