Samstag, 10. Juni 2017

REZENSION: "Der Junge, der Träume schenkte" (Luca di Fulvio)

Copyright Lübbe Audio
Titel: Der Junge, der Träume schenkte
Autor: Luca di Fulvio
Genre: Roman / historischer Roman
Verlag: Lübbe Audio
Sprecher: Timmo Niesner
Erscheinungsjahr: 2016 (Original 2011)
Format: Hörbuch (10,00 €), TB, eBook
Länge: 397 Minuten (783 Seiten), gekürzte Lesung
ISBN: 978-3-7857-5289-0

Im Jahr 1909 kommt eine junge Italienerin mit ihrem kleinen Sohn Natale in New York an, mit der Hoffnung auf ein besseres, auf ein freies Leben. Doch New Yorks Lower East Side ist rau und Natale, der fortan Christmas genannt wird, wächst zwischen Armut und Kriminalität auf. Als Jugendlicher droht er selbst ins Gangster-Millieu abzurutschen, bis er einem Mädchen das Leben rettet und alles tut, um irgendwann ein besserer Mann zu sein. Für sie. Sein Traum ist es, eine eigene Radiosendung zu haben, durch die er seine große Liebe Ruth auch am anderen Ende des Landes erreichen kann. Doch der Weg dahin ist lang und beschwerlich...

Prinzipiell gefällt mir das Cover der deutschen Erstausgabe besser, aber das der Jubiläumsausgabe finde ich auch recht gelungen. Es wirkt elegant und reduziert und zeigt durch wenige Bilder, um was es geht: Um den Sohn einer Auswanderin, die in New York ein neues Leben beginnen möchte.

Geschichte und Erzählstil:

Vor einigen Jahren war Der Junge, der Träume schenkte von Luca di Fulvio ein spontaner Coverkauf. Und ich habe es nicht bereut, denn die Geschichte hat mir mit all ihren Facetten unglaublich gut gefallen, mich absolut mitgerissen und berührt. An der Jubiläumsausgabe des Hörbuchs konnte ich daher einfach nicht vorbeigehen, denn ich wollte den Roman schon lange noch einmal lesen. Es ist die Lebensgeschichte des jungen Christmas, der nicht nur aufgrund seines merkwürdigen Namens besonders ist. Er hat einen ganz außergewöhnlichen Charakter und so wie ihn die anderen Figuren stets schnell ins Herz schließen, tut es auch der Leser.

Es geht also um einen Jungen, der von ganz unten kommt und es bis ganz nach oben schaffen will. Nicht unbedingt ein neues Konzept, aber das Einzigartige ist hier die Umsetzung. Zum einen ist es der Protagonist Christmas, der einen immer wieder erstaunt, zum Lachen bringt und berührt, zum anderen ist es dieses gewisse Mischung aus Zufall und der Lebensumstände im New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die die Geschichte trägt. Vieles, was Christmas passiert und was auch die zwei anderen Hauptcharaktere, aus deren Sicht erzählt wird, erleben, klingt erst einmal unglaublich, aber all das fügt sich auf so geniale Weise ineinander, dass man einfach nicht mehr aufhören kann zu lesen.

Denn im Zentrum der Geschichte stehen nicht nur Christmas und sein Bestreben, dem Millieu, aus dem er kommt, endgültig den Rücken zu kehren, sondern auch die junge Ruth, die als 14-Jährige Opfer eines grausamen Verbrechens wird, und ihr Peiniger. Das ist eine außergewöhnliche Konstellation, die es dem Leser/Hörer erlaubt, die Handlung aus verschiedenen Blickwinkeln zu verfolgen, und die die Geschichte gleichzeitig so spannend und vielseitig macht. Es gibt zahlreiche unerwartete Wendungen, teilweise absurde Begegnungen und Begebenheiten und dennoch ergibt das alles am Ende einen Sinn.

Ebenso beeindruckend fand ich schon beim ersten Lesen die komplexe Welt, die di Fulvio erschafft. Sein New York der 1920er Jahre ist düster, erbarmungslos und rau auf der einen und mondän, elegant und faszinierend auf der anderen Seite. Im Laufe der Geschichte kollidieren diese beiden völlig verschiedenen Welten miteinander, die Grenzen verschwimmen, indem es Christmas gelingt, sein altes Leben hinter sich zu lassen und für seine Träume zu kämpfen. Auch die anderen Schauplätze, wie zum Beispiel das glamouröse Los Angeles, in das es Ruths Familie verschlägt, sind überzeugend und historisch genau dargestellt und nehmen einen mit auf eine ungewöhnliche und fesselnde Reise in die Vergangenheit.

Zu 100 Prozent happy bin ich nach dem Re-Readen (beziehungsweise Hören) eines meiner Lieblingsbücher allerdings nicht. Und das liegt vor allem an der Hörbuchfassung. Natürlich ist mir bewusst, dass man die meisten Bücher kürzen muss, um sie zu vertonen. Bei Der Junge, der Träume schenkte wurde mir aber deutlich zu viel gestrichen. Da fehlen Zusammenhänge, die sich all jenen, die das Buch zum ersten Mal hören, einfach nicht erschließen. Ganze Charaktere, die im Buch eigentlich eine wichtige Rolle spielen, werden auf ein absolutes Minimum reduziert - so zum Beispiel Christmas' Mutter, die im Hörbuch lediglich zwei Mal kurz vorkommt. Und überhaupt wurde derart unglücklich gekürzt und zusammengestückelt, dass die Geschichte teilweise sehr zusammenhangslos und lose wirkt. Ich bin mir sicher, dass di Fulvios Roman mich nicht einmal annähernd so beeindruckt, mitgerissen und fasziniert hätte, wenn ich ihn nur gehört und nicht vorher gelesen hätte. Und das ist doch ziemlich schade, da Hörbuch-Konsumenten so einen völlig falschen Eindruck von der Geschichte bekommen.

Sprecher:

Der Junge, der Träume schenkte wird von Timmo Niesner gesprochen, der seine Sache wirklich sehr gut macht. Ich mochte seine Stimme und seine Interpretation von Christmas und auch, wenn er weibliche Figuren wie Ruth oder Christmas' Mutter gesprochen hat, war das nicht irritierend oder befremdlich. So geht es mir nämlich manchmal bei männlichen Hörbuchsprechern, die bei Frauen-Interpretation ins lächerlich Piepsige verfallen. Hier war für mich aber alles rund.

Luca di Fulvios Der Junge, der Träume schenkte ist eines meiner Lieblingsbücher, weil es eine unglaubliche, faszinierende und historische Lebensgeschichte erzählt und mit meisterhaft gezeichneten Charakteren aufwartet. Aber: Es geht in dieser Rezension um die Hörbuchfassung und die war ganz nett - mehr aber auch nicht. Die Tiefe und die Zusammenhänge, die die Print-Version so faszinierend machen, wurden schlichtweg komplett rausgetrichen und was übrig bleibt, sind lieblos aneinandergereihte Szenen, die es einfach nicht schaffen, den Hörer zu fesseln. Mein Rat an euch ist also: Lasst euch von Christmas verzaubern, aber greift hierfür unbedingt zuerst zum Taschenbuch!




(Da die Hand immer noch schmerzt, sind die Texte nach wie vor mit Links geschrieben)

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