Freitag, 23. Juni 2017

REZENSION: "Das Erbe der Sterne" (James P. Hogan)

Copyright Heyne Verlag

Titel: Das Erbe der Sterne (Riesen-Trilogie #1)
Autor: James P. Hogan
Genre: Science Fiction
Verlag: Heyne
Erscheinungsjahr: 2016 (Original 1977)
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 352
ISBN: 978-3-453-31764-2


2028: In einer verborgenen Höhle auf dem Mond wird die Leiche eines Mannes gefunden, der offensichtlich nicht zu den dort stationierten Wissenschaftlern gehört. Das Ganze wird noch mysteriöser, als sich herausstellt, dass Charlie - wie die Leiche fortan genannt wird - bereits seit 50.000 Jahren tot ist. Eine wahre Sensation und ein kniffliges Rätsel, das ein ganzes Heer an Wissenschaftlern um den aufstrebenden Dr. Hunt zu lösen versucht. Welcher Zivilisation gehört Charlie an und wie kam er vor 50.000 Jahren auf den Mond? Die bei ihm gefundenen Aufzeichnungen enthüllen Unglaubliches...

Das Cover sieht absolut nach Sci Fi aus - und für mich ziemlich beeindruckend. Es strahlt irgendwie etwas Ruhiges und Geheimnisvolles auf und mir gefällt der Gedanke, zwischen den Buchdeckeln auf eine Entdeckungsreise durch den Weltraum zu gehen. Sehr atmosphärisch und gelungen!

Vor einigen Wochen bekam ich urplötzlich Lust auf einen richtig guten Science Fiction Roman - ich habe keine Ahnung, wo dieses Verlangen herkam, denn obwohl mein Freund (der alte Trekkie) in diesem Genre zuhause ist, beschränkten sich meine Erfahrungen diesbezüglich bisher auf die neuen "Star Trek"-Filme, auf "Star Wars" und auf Dystopien, von denen immerhin ein paar zu Sci Fi gezählt werden können. Das war's dann auch und damit war ich eigentlich immer recht zufrieden. Doch dann kam sie plötzlich über mich - die Reiselust. Ich wollte mich aufmachen, um ferne Galaxien zu erkunden. Und meine erste Station ist James P. Hogans Das Erbe der Sterne, der Auftakt der "Riesen"-Trilogie und ein Klassiker der sogenannten "Hard Science Fiction" von 1977. Inspiriert von Stanley Kubricks Film "2001 - Odyssee im Weltraum" (den ich übrigens ziemlich verstörend und seeeeeeeehr langatmig fand, aber das ist eine andere Geschichte).

So viel zu den Eckdaten. Nun aber zum Roman und der hat es wirklich in sich. Zumindest, wenn man wie ich ein Science Fiction Neuling ist. Die Ausgangssituation hat mich aber sofort fasziniert: Im Jahr 2028 (aus heutiger Sicht also gar nicht mehr weit in der Zukunft) wird auf dem Mond eine mysteriöse Leiche gefunden und ziemlich schnell stellt sich heraus, dass diese Leiche dort bereits seit 50.000 Jahren liegt. Ein spektakulärer Fund, der natürlich sofort die renommiertesten Wissenschaftler der Welt auf den Plan ruft. Ich war gleich von Anfang an elektrisiert von "Charlie", der nachweislich der menschlichen Spezies angehört, aber doch wohl kaum von der Erde stammen kann. Schließlich war vor 50.000 Jahren noch nicht einmal annähernd an Raumfahrt zu denken.

Und genau dieser Widerspruch ist das Hauptthema des Romans. Es geht also nicht um Kriege im Weltraum, um Aliens oder um Entdeckungstouren auf anderen Planeten. Es geht ausschließlich darum, das Rätsel um Charlies Herkunft mithilfe wissenschaftlicher Methoden zu lösen. Der Fokus liegt dabei auf Dr. Hunt, der verschiedene Doktortitel hat und offensichtlich ein Genie ist, auch wenn ich irgendwie nicht ganz mitbekommen habe, auf welchem Gebiet genau. Er ist jedenfalls ein freier Geist, der wissenschaftlich argumentiert, aber ganz nach guter alter Sherlock-Holmes-Manier auch das Undenkbare und das eigentlich Unmögliche in seine Überlegungen einbezieht. Ihm steht der ziemlich konventionell eingestellte und leidenschaftliche Anhänger der Evolutionstheorie Danchekker gegenüber, der feststellt, dass Charlie menschlich ist, womit er seiner Meinung nach von der Erde stammen MUSS.

Die Dynamik zwischen Hunt und Danchekker ist sehr spannend und grandios dargestellt. Als Leser wird man Zeuge unzähliger wissenschaftlicher Analysen und Debatten, die Charlies Herkunft und das Rätsel um seinen Fundort, den Mond, Stück für Stück enthüllen. Diesen Prozess bildet Hogan äußerst detailgenau und absolut glaubhaft ab. Auch wenn ich sagen muss, dass das alles zwar für mich als Laien wissenschaftlich fundiert wirkt, ob es aber wirklich so ist oder ob die Abläufe und Methoden in Das Erbe der Sterne doch eher wenig authentisch und plausibel sind - dazu kann ich wirklich nichts sagen. Da müsste ein erprobter Science Fiction Leser ran :D Mich jedenfalls haben die vielen verschiedenen Thesen, die außergewöhnlichen Methoden und schließlich die Lösung des Rätsels absolut fasziniert und überzeugt. Und man darf nicht vergessen, dass der Roman im Jahr 1977 veröffentlicht wurde. Also vor genau 40 Jahren und zu diesem Zeitpunkt stellte man sich die Zukunft sicher noch ganz anders vor, als wir das vielleicht heute tun.

Ich war jedenfalls gebannt von dem Rätsel um Charlie und all die sensationellen Entdeckungen, die sich an seinen Fund anschließen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht alles verstanden habe. Hogan hat zwar einen sehr flüssigen Schreibstil - er schreibt jedoch auch sehr, sehr, sehr wissenschaftlich. Und wenn man, wie ich, nur ein geringes technisches Verständnis hat, wird es spätestens im zweiten Drittel des Romans ziemlich knifflig, den komplexen Beweisketten der Wissenschaftler zu folgen. Das ist aber natürlich absolut subjektiv, denn wie gesagt: Viel Ahnung von der Materie habe ich nicht. Unterhalten wurde ich trotzdem großartig, auch wenn ich einige meiner Ansprüche ausblenden musste. Denn im Mittelpunkt der Geschichte stehen tatsächlich Charlie und der Prozess, der zur Lösung des Rätsels um seinen Tod und seine Herkunft führt. Die agierenden Figuren hingegen rücken an den Rand des Geschehens - sie sind nur die Werkzeuge, die klugen Köpfe, die Charlie auf die Spur kommen.

Auch die politischen und gesellschaftlichen Zustände im Jahr 2028 werden nur oberflächlich erwähnt. Charakteristisch ist für Hogans Roman außerdem, dass Frauen so gut wie keine Rolle spielen. Es gibt lediglich eine weibliche Rolle, die nicht mehr als 2, 3 Sätze spricht und nicht wesentlich zur Handlung beiträgt. Ich habe gelesen, dass das typisch ist für die Science Fiction Literatur der 1960er und 1970er Jahre (korrigiert mich, wenn ihr etwas anderes wisst). Unglaubwürdig ist es dennoch, dass ausschließlich weiße Männer mit der Untersuchung von Charlies Leiche und der anschließenden Reise im Weltraum (ja, die gibt es auch) betraut sind. Stellt euch auf jeden Fall auf eine lange wissenschaftliche Untersuchung und wenig bis keine Action ein. Wer damit kein Problem hat, der wird von Das Erbe der Sterne begeistert sein. Und nach dem spektakulären Ende will ich nun auch unbedingt wissen, wie es in den Folgebänden weitergeht. Denn Charlie hat noch viel zu erzählen.

Mein erster Science Fiction Roman! Er war zeitweise anstrengend, seeehr wissenschaftlich und in Bezug auf die Charaktere nicht immer authentisch, vor allem aber: Fesselnd, faszinierend und unglaublich genial konstruiert. Wo es Stanley Kubrick mit "2001" nicht gelungen ist, mich vom Hocker zu reißen, hat mich James P. Hogan mitgenommen auf eine fantastisch, spannende Reise in die Zukunft, die noch so viel mehr verspricht. Wer auf Science Fiction und vor allem wissenschaftliche Romane steht, dem sei Das Erbe der Sterne dringend ans Herz gelegt.




Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag zur Verfügung gestellt - vielen Dank dafür!

2 Kommentare:

Honest Magpie hat gesagt…

Wie schön, dass klassische SciFi jetzt immer mehr thematisiert wird. Neben den Young Adult-Romanen, die auf jedem Blog zur Genüge rezensiert werden, ist das eine willkommene Abwechslung.
Danke für deine Rezension :)

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu :)

Danke dir auch hier nochmal ;) Demnächst werden von mir einige Sci Fi Rezensionen kommen, allerdings nicht nur zu klassischer bzw. hard Science Fiction. Es sind auch neuere Sachen dabei. Ich versuche gerade, mich in dem Genre ein bisschen zu orientieren und schnupper mal überall rein. :)

Liebe Grüße
Svenja

Kommentar veröffentlichen