Dienstag, 20. Juni 2017

REZENSION: "Abgeschnitten" (Sebastian Fitzek, Michael Tsokos)

Copyright Lübbe Audio
Titel: Abgeschnitten
Autor: Sebastian Fitzek, Michael Tsokos
Genre: Thriller
Verlag: Lübbe Audio
Sprecher: Simon Jäger, David Nathan
Erscheinungsjahr: 2012
Format: Hörbuch (10,99 €), TB, eBook
Länge: 427 Minuten (400 Seiten)
ISBN: 978-3-7857-4749-0

Paul Herzfeld ist Rechtsmediziner und hat schon einiges gesehen, doch die entsetzlich zugerichtete Frauenleiche, die nun auf seinem Seziertisch liegt, übertrifft alles bisher Dagewesene. Und es sind nicht nur die Verstümmelungen, die Herzfeld zusetzen: Im Kopf der Leiche findet er einen Zettel mit einer Telefonnummer - der Handynummer seiner Tochter Hannah. Sie wurde verschleppt und mit der Botschaft schickt der Täter Herzfeld auf eine grausame Schnitzeljagd, die als nächstes nach Helgoland führt. Doch die Insel ist aufgrund eines Jahrhundertsturms vom Festland abgeschnitten und Herzfeld bleibt nur eine Möglichkeit, um an die in der nächsten Leiche versteckten Informationen zu kommen: Er muss der jungen Comiczeichnerin Linda, die an seiner statt die Obduktion führt, per Telefon Anweisungen geben. Doch reicht die Zeit, um Hannah zu retten?

Das Cover gefällt mir ganz gut: Schlicht und simpel, aber dabei subtil bedrohlich und schauderhaft. Ich mag es!

Geschichte und Erzählstil:

Auf die Gemeinschaftsarbeit von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos war ich wirklich gespannt: Psycho trifft Rechtsmedizin. Diese Kombi klang auf jeden Fall vielversprechend. Und da Anfang des nächsten Jahres die Verfilmung von Abgeschnitten mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle in die Kinos kommt, war es an der Zeit, mich des Romans anzunehmen. Für Nervenkitzel auf dem Weg zur Arbeit entschied ich mich für das Hörbuch.

Und das hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Bereits zu Beginn baut sich Spannung auf, die sich kontinuierlich steigert und am Ende eines jeden Kapitels in einen kleinen Höhepunkt gipfelt. Das hat mir schon einmal sehr gut gefallen. Ebenso wie der Protagonist Paul Herzfeld, dessen Arbeit als Rechtsmediziner bis ins Detail beschrieben wird. Das hat mich wiederum an Simon Becketts Hunter-Reihe erinnert und bringt frischen Wind in Fitzeks doch sehr schematischen (aber stets gelungenen!) Schreibstil. Mir gefällt es, wie Fitzek und Tsokos es geschafft haben, ihr jeweiliges Spezialgebiet in die Geschichte einfließen zu lassen und ihre Stärken miteinander zu verweben. Man merkt hierbei deutlich, dass die kranke Psyche des Täters, sein Katz-und-Maus-Spiel mit Herzfeld und sein Motiv auf Fitzeks Konto gehen, während Tsokos die Methodik und die Analysetechnik mithilfe der Obduktion beisteuert. Eine sehr gelungene Mischung!

Der Fall selbst beginnt verworren und bleibt es auch. Herzfeld, an seiner Seite ein stinkreicher, aber trotteliger Praktikant, ein türkisch stämmiger Hausmeister, der auf schlechte Witze steht und auf den Tod kein Blut sehen kann, und eine junge Comiczeichnerin mit zweifelhafter Vergangenheit, muss einer blutigen Spur von Leichen quer durch Deutschland folgen, um den Aufenthaltsort seiner Tochter zu erfahren. Eine geschickt konstruierte, grausame Schnitzeljagd, bei der einen bald nichts mehr überrascht. Im positiven Sinne. Hier werden wirklich alle Register gezogen - von diversen abgeschnittenen Körperteilen über kleine Kapseln in den Speiseröhren bis hin zur genitalen Pfählung. Schauderhaft, manchmal ziemlich eklig, aber für Thriller-Fans auf jeden Fall unterhaltsam.

Die Personenkonstellation ist ebenfalls sehr überzeugend. Wie schon gesagt, das "Ermittler-Team" setzt sich aus einem Haufen ziemlich kurioser Typen zusammen, von denen Herzfeld noch der normalste ist. Auch der Täter (oder sind es angesichts des ausgeklügelten Plans vielleicht doch mehrere Täter?) hat es faustdick hinter den Ohren. Hier spielt alles einfach grandios zusammen und was mir besonders gefällt, ist, dass Herzfeld keineswegs der strahlende Held in goldener Rüstung ist, den man vielleicht erwarten würde. Auch er hat sich dem ein oder anderen moralischen Dilemma zu stellen und am Ende sogar der Frage, ob er nicht der Auslöser für Hannahs Entführung war. 

Am Ende laufen alle Stränge zusammen - allerdings nicht, bevor Herzfeld und seine Mitstreiter nicht im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gegangen sind. Ich muss sagen, dass die Auflösung im Gesamtkontext der Handlung dann doch etwas schwach und enttäuschend war. Ich verrate natürlich nichts, aber schon das Motiv des Mörders konnte mich nicht so richtig überzeugen. Und die allerletzte Szene hat es für mich in gewisser Weise so richtig versaut. Nicht, dass es komplett schlecht gewesen wäre, aber für mein Empfinden einfach etwas müde für so einen fulminanten und rasanten Handlungsverlauf. Trotzdem hat mich Abgeschnitten bis zum Ende gefesselt und großartig unterhalten.

Sprecher:

Ein Wort zu Simon Jäger und David Nathan: Dreamteam! Ich liebe beide Synchron- beziehungsweise Hörbuchsprecher. Ach was, ich vergöttere sie! David Nathan noch einen Ticken mehr als Simon Jäger. Er hat Fitzeks und Toskos' Geschichte erst so richtig schaurig gemacht. Für alle, die sich fragen, wer David Nathan ist: Er ist die Stamm-Synchronstimme von Johnny Depp. Muss ich mehr sagen!? Eine brillante Hörbuch-Produktion!

Als Gemeinschaftswerk des deutschen Meisters des Psychothrillers Sebastian Fitzek und des Rechtsmediziners Michael Tsokos hat mich Abgeschnitten wirklich überzeugt. Grandiose Figuren, eine herrlich blutige Schnitzeljagd und ein meisterhaft gesponnenes Rätsel haben mich glänzend unterhalten. Nur das Ende war nicht ganz nach meinem Geschmack, worüber mich allerdings die sensationelle Vertonung mit Simon Jäger und David Nathan hinwegtrösten konnte.




(Da die rechte Hand immer noch schmerzt, sind die Texte nach wie vor linkshändig geschrieben)

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