Samstag, 6. Mai 2017

REZENSION: "Kein Elch. Nirgends." (Sebastian Lehmann)

Copyright Aufbau Verlag


Titel: Kein Elch. Nirgends.
Autor: Sebastian Lehmann
Genre: Humor
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2014
Format: Taschenbuch mit Broschur (8,99 €), E-Book
Seiten: 204
ISBN: 978-3-7466-3084-7

Angeödet vom tristen Berlin zieht es Sebastian raus in die Welt- Nach New York, nach Lissabon, nach Stockholm... wobei er an letzterem Ort hauptsächlich nach Elchen Ausschau hält. Bisher vergeblich. Dafür sieht er reihenweise gutaussehende, blonde glückliche Kleinfamilien, also adoptiert er mit seiner Freundin spontan ein hyperintelligentes schwedisches Kleinkind. Allerdings müssen sie feststellen, dass das auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Dann doch lieber ein Elch.
In solchen und anderen skurrilen Episoden schildert Sebastian Lehmann seine Begegnungen mit überfreundlichen Amerikanern, philosophischen Späti-Verkäufern sowie Vorzeigefamilien und von seiner Freundschaft mit Vin Diesel - wobei die Übergänge von Realität und FIktion natürlich fließend sind. 

Zwar ist die Gestaltung äußerst schlicht, aber die menschliche Silhouette mit Elchgeweih reißt es wieder raus. Mir geht es nämlich wie Sebastian Lehmann: Ich mag Elche ;-)
Ich habe bereits diverse Male angemerkt, dass ich gerne wortgewandten, intelligenten Rednern zuhöre, soll heißen: Poetry Slammer. Speziell solche, die mich trotz eines philosophischen Tenors zum Lachen bringen können - und Sebastian Lehmann ist einer davon. Typisch für humoristische Texte von Poetry-Slammern wie ihn ist die überspitzte Darstellung der Ereignisse. Darauf war ich eigentlich auch gefasst, allerdings kam der Humor nur bedingt bei mir an. Das Übertriebene und Skurrile, das ich normalerweise mag, funktionierte in reiner Textform nicht in Gänze. Damit, dass Sebastians fiktives Alter Ego eng mit Vin Diesel befreundet ist und dass diverse Nebenfiguren Reinkarnationen von Philosophen (z.B. Nietzsche) darstellen, kam ich noch klar. Auch die Beschreibungen eines "typischen" überfreundlichen US-Amerikaners oder eines hyperintelligenten, gut aussehenden Schweden konnte ich gut verkraften. Diese Passagen konnten mir sogar das ein oder andere Schmunzeln entlocken. Mit dem Thema Tod als Running Gag hatte ich allerdings herbe Probleme. Gefühlt jede dritte seiner Kurzgeschichten endet mit seinem (grausamen) Ableben. Das war mir spätestens nach dem fünften Mal einfach zu viel. Aber immerhin ist er sich dessen bewusst und hat das selbstreflexiv an sich bzw. seinen Geschichten kritisiert. Jetzt beim Schreiben überlege ich außerdem, ob er vielleicht auch Kritik an dem heutigen "Trend" üben wollte, Geschichten (ob schriftlich, mündlich oder audiovisuell vermittelt) mit einem (tragischen) Tod enden zu lassen. Es ist lediglich eine Vermutung meinerseits, aber wenn ich es aus der Perspektive betrachte, würde meine Kritik bedeutend schwächer ausfallen. Wahrscheinlich wäre mir das permanente Sterben nicht so negativ auffallen, wenn ich längere Pausen bei der Lektüre gehabt und nur hin und wieder ein paar der sehr kurzen Kapitel gelesen hätte. Für mich als "Binge-Leser" war das jedoch oftmals anstrengend. Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, ich hätte mich überhaupt nicht amüsiert, denn das stimmt nicht. Es gab durchaus lustige Passagen und an sich hat mir auch der lockere Ton zugesagt. Allgemein mag ich Sebastian Lehmann von seiner Art her (zumindest die, die er der Öffentlichkeit vermittelt - ich kenne ihn ja nicht persönlich), da ich mich mit einigen seiner Ansichten bzw. mit seiner Lebenseinstellung gut identifizieren kann, weshalb ich das Buch auch nicht abgebrochen habe. 
Ich schätze, im Endeffekt fehlte mir schlicht die auditive Komponente: Beim Vortragen kann man ganz andere Akzente setzten, den Sprechrythmus situativ anpassen, Pausen einbauen, um eine bessere Wirkung zu erzielen usw. Das entfaltet eine ganz andere Wirkung als ein "starrer" Text. Daher ziehe ich seine Auftritte in Zukunft vor, da er dort für mich angenehmer zu konsumieren ist.
",Und was mache ich jetzt?', frage ich mich und setze mich resigniert aufs Sofa. Der Späti-Nietzsche streicht sich nachdenklich den riesigen Schnurrbart zurecht. ,Wenn du dir morgen wieder die Frage stellst: Aufstehen oder liegen bleiben? Bleib liegen.'" (S. 20)

Die Texte können leider nicht die Wirkung eines Live-Vortrages entfalten und waren daher statt unterhaltsam eher anstrengend. Insofern man (im Gegensatz zu mir) die Kapitel in kleinen Portionen mit ausreichend großen Pausen rezipiert, könnte dieser negative Effekt jedoch abgemildert oder gänzlich umgangen werden.


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