Donnerstag, 4. Mai 2017

REZENSION: "Die letzte Nacht der Titanic - Augenzeugen erzählen" (Walter Lord)

Copyright S. Fischer Verlag


Titel: Die letzte Nacht der Titanic - Augenzeugen erzählen
Autor: Walter Lord
Genre: Sachbuch / Tatsachenbericht
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2012 (Original 1955)
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 272
ISBN: 978-3-596-19269-4


Der Untergang der Titanic ist bis heute ein Mysterium, das nach wie vor Millionen von Menschen fasziniert und immer wieder neue Fragen aufwirft. Walter Lords "Die letzte Nacht der Titanic" von 1955 ist mittlerweile ein Sachbuchklassiker, der minutengenau entschlüsselt, was in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 geschah, wie die Mannschaft und die Passagiere reagierten, wie das CQD der Titanic umliegende Schiffe und ihre Besatzungen in Alarmbereitschaft versetzte und wie schließlich mehr als 1500 Menschen beim schlimmsten Schiffsunglück der Geschichte den Tod fanden.

Was soll man dazu sagen - das Buchcover ist großartig! Ich mag es, dass es eine Zeichnung des Schiffsunglücks zeigt und keine Fotografie oder Rekonstruktion. Das macht das Ganze mystischer und passt zu der Ära, die gewissermaßen mit dem gigantischen Schiff untergegangen ist.

Seit ich zu meinem 7. Geburtstag (ich glaube zumindest, dass es der 7. war - also 1998) die VHS zu James Camerons monumentalem Blockbuster "Titanic" geschenkt bekam (ja, früh übt sich), bin ich fasziniert vom Untergang dieses luxuriösen Ozeandampfers, um den sich so viele Legenden ranken wie um kein anderes Schiff. Man könnte also sagen, seit ich denken kann, denke ich an die Titanic. Klar, dass ich irgendwann auf Walter Lords Tatsachenbericht aus dem Jahr 1955 stoßen musste - Die letzte Nacht der Titanic ist die Vorlage für den ehemals erfolgreichsten Film aller Zeiten und gilt als Bibel der Titanic-Forschung. Völlig zurecht, muss ich sagen.

Was mir schon mal sehr gut gefallen hat, ist, dass Lord sich tatsächlich ausschließlich auf das Schiffsunglück konzentriert und mit seinem Bericht wenige Momente vor dem Zusammenstoß mit dem Eisberg einsetzt. Er verwebt die Aussagen von Besatzungsmitgliedern und Passagieren miteinander und rekonstruiert auf diese Weise den Hergang des Unglücks minutiös und plausibel. Dabei liefert er einen Querschnitt durch alle Aufgabenbereiche (vom Heizer über den Bäcker bis hin zum Kapitän) und Klassen. Auffällig ist dennoch, dass vor allem Passagiere der ersten Klasse zu Wort kommen. Das war für mich etwas unbefriedigend, lässt sich aber ganz einfach damit erklären, dass die Boote aufgrund der 1912 noch fest in den Köpfen der Menschen verankerten Klassenhierarchie zuerst mit Erste-Klasse-Passagieren besetzt wurden, weshalb es unter ihnen logischerweise wesentlich mehr Überlebende gibt.

Diesen Umstand kritisiert Lord an mehreren Stellen deutlich und gibt hier auch einen kleinen Einblick in den Umgang mit Überlebenden und die Berichterstattung nach dem Untergang. Diese Aspekte waren für mich ebenso interessant wie das Unglück selbst. Darüber hinaus fokussiert sich Lord nicht ausschließlich auf die Geschehnisse auf der Titanic, sondern bezieht auch das kleine Schiff Californian mit ein, welches in der Nacht vom 14. auf den 15. April 10 Seemeilen entfernt am Rand des Eisfeldes lag und zeitweise Sichtkontakt mit der Titanic hatte, deren Seenot aber einfach nicht erkannte. Später kommt auch zur Sprache, wie die Carpathia, das einzige Schiff, das zur Rettung eilte, vom SOS der Titanic erfuhr und darauf reagierte. Die prompte Reaktion des Kapitäns, die besonnene Vorbereitung einer Rettungsaktion und die Besorgnis der Crew-Mitglieder der Carpathia haben mich sehr bewegt.

Ich erinnere mich an einen Satz aus einer Dokumentation, in dem es hieß, die tatsächlichen Ereignisse in dieser kalten Aprilnacht 1912 seien teilweise noch dramatischer gewesen als die Darstellung des Untergangs in Camerons Blockbuster. Unglaublicherweise bestätigt Lords Buch das. Von Captain Smiths Handlungsunfähigkeit über den verzweifelten Überlebenskampf der Dritte-Klasse-Passagiere bis hin zu mehreren Männern, die sich stundenlang auf einem umgedrehten Floß hielten, bevor sie buchstäblich in letzter Sekunde von einem Rettungsboot aufgenommen wurden. In Lords Buch erfährt man viele Dinge, die man über den Untergang noch nicht gewusst hat, erkennt aber auch Szenen aus dem Film wieder, was beweist, wie nah sich Cameron tatsächlich an die wahren Geschehnisse gehalten hat.

Vor Walter Lords umfangreicher Recherchearbeit und seiner unglaublich detailgenauen Nachzeichnung der Ereignisse muss man auf jeden Fall den Hut ziehen. Imponiert hat mir außerdem sein Schreibstil, denn Die letzte Nacht der Titanic liest sich über weite Strecken wie ein packender Krimi und hält einen eigentlich durchgehend in Atem. Meine Faszination für den gesunkenen Ozeanriesen ist nach der Lektüre jedenfalls noch gestiegen.

Von diesem Sachbuch bin ich wirklich begeistert: Walter Lords Die letzte Nacht der Titanic ist ein gründlich recherchierter und brillant erzählter Tatsachenbericht, der einen ebenso packt und mitreißt wie ein spannender Thriller. Vor allem Titanic-Fans kommen hier absolut auf ihre Kosten.



2 Kommentare:

Tina hat gesagt…

Eine toller Rezension zu einem Buch, das ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Es kann sein, dass ich die Dokumentation gesehen habe. Aber das ist schon sehr lange her. Ich konnte das Buch jetzt bei Tauschticket ergattern, ich bin gespannt!

Liebe Grüße
Tina

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu Tina :)

Ich bin gespannt, wie du das Buch findest! Ich bin auch nur durch Zufall darauf gestoßen - ein großes Glück für einen Titanic-Geek wie mich :D Du kannst ja mal bescheid sagen, wie es dir gefallen hat.

Liebe Grüße
Svenja

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