Dienstag, 23. Mai 2017

13 Gedanken zu "Tote Mädchen lügen nicht" (Jay Asher)

Copyright cbt


Titel: Tote Mädchen lügen nicht
Autor: Jay Asher
Genre: Jugendroman / Thriller
Verlag: cbt
Erscheinungsjahr: 2012
Format: Taschenbuch (8,99 €)
Seiten: 288
ISBN: 978-3-570-30843-1


Eine Kiste mit 7 Kassetten stellt Clays ganzes Leben auf den Kopf. Denn als er die erste einlegt und auf "Play" drückt, ist es die Stimme von Hannah Baker, die ihm unglaubliche Dinge erzählt. Hannah, die an der Schule einen gewissen Ruf hatte und in die Clay heimlich verliebt war. Hannah, die sich vor zwei Wochen auf tragische Weise umgebracht hat. Und nun ist es an Clay, die Puzzleteile zusammenzusetzen und zu verstehen, was Hannah zu dieser verzweifelten Tat brachte. Denn auf den Kassetten nennt sie 13 Gründe, die zu ihrem Selbstmord führten. 13 Personen und ihre Taten. Und Clay ist einer davon...

Ich hab mich in der Buchhandlung bewusst für die ältere Ausgabe und gegen das Cover zur Serie entschieden, weil ich dieses hier einfach aussagekräftiger und beunruhigender finde. Ein bisschen wirkt es auch wie das Cover eines Thrillers - für mich auf jeden Fall ein Eyecatcher.

Erst einmal vorab: Ich habe das Buch gelesen, nachdem ich die Serie vor etwa einem Monat beendet habe. Und ich habe so viel zu dieser Geschichte zu sagen, dass ich die Rezension dieses Mal ein wenig anders aufbauen werde. Im Folgenden könnt ihr nachlesen, welche 13 Gedanken mir zu Jay Ashers Tote Mädchen lügen nicht durch den Kopf gehen. Und auch den ein oder anderen Vergleich zur Netflix-Serie muss ich einfach ziehen. Im Anschluss daran würde ich natürlich gerne wissen, was ihr über Buch und Serie denkt - also sagt mir eure ehrliche Meinung bitte in den Kommentaren. Los geht's.

1. Unkonventionell und spannend - die Sache mit den Kassetten

Zunächst ein paar Worte zum Aufbau des Romans und gleichzeitig der Serie: Von Anfang an hat mich die Idee mit den Kassetten fasziniert. Ich finde es originell und zugleich besonders mitreißend, dass Buch und Serie in 13 Kapitel beziehungsweise Folgen eingeteilt sind und dass in jedem dieser 13 Abschnitte ein anderer Grund für Hannah Bakers Selbstmord zur Sprache kommt. Dieser ziemlich unkonventionelle Abschiedsbrief soll vor allem dem Titelhelden Clay helfen, zu verstehen, warum Hannah sich umbringen musste. Zugegeben, dass sie dabei auf Kassetten zurückgreift, mag antiquiert und wenig zeitgemäß wirken, allerdings muss man sich einerseits vor Augen halten, dass das Buch bereits 2008 erschien (zu dem Zeitpunkt hatte zumindest der ein oder andere noch einige Kassetten zuhause oder im Auto rumliegen, ich selbst hatte nur ein Kassettenradio im Auto) und andererseits diese Form von Vermächtnis vielleicht auch als Ausdruck von Hannahs spezieller Art sehen. Irgendwie hat das Ganze für mich zu ihr gepasst.

2. Nichts für schwache Nerven

Egal ob man das Buch lesen oder sich die Serie anschauen will: Das Thema ist nichts für schwache Nerven. Hannahs Erlebnisse sind teilweise sehr erschreckend (in der Serie sind sie noch wesentlich drastischer) - das Resultat sowieso. Es ist ein schmerzliches Thema, das nicht nur für Clay und seine Klassenkameraden unbequem ist, sondern auch für den Leser. Denn unweigerlich denkt man beim Lesen an die eigene Schulzeit zurück, an die Momente, in denen man vielleicht selbst von anderen gemobbt wurde und an die Momente, in denen man womöglich etwas Dummes gemacht oder gesagt, jemanden ausgelacht oder gar drangsaliert hat. Niemand will sich wirklich damit auseinandersetzen (übrigens ist das auch im Buch so), aber Jay Asher zwingt einen dazu. Er zeigt, welch weitreichende Konsequenzen selbst Handlungen haben können, die uns selbst unbedeutend und gar nicht so schlimm vorkommen.

3. Gar nicht so schlimm?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele vor allem am Anfang dachten: Ach, was hat sie sich denn so? Das ist doch alles gar nicht so schlimm! Und genau das sind für mich verheerende Gedanken, die dazu führen, dass man Hannahs Selbstmord und die Rolle, die ihre Klassenkameraden dabei spielten, verharmlost. Denn das große Problem des Romans ist, dass man Hannahs Gefühle die meiste Zeit über schlichtweg nicht nachvollziehen kann. Man erfährt durch die Kassetten eigentlich nur die nackten Fakten - was diese in Hannah auslösten, bleibt fast durchgehend unausgesprochen. In der Serie ist das besser gelöst. Man sieht, wie Hannah sich verändert, wie sie reagiert und bald ist einem klar: Sie ist depressiv. Und damit weiß man auch, dass man ihre Reaktionen als psychisch gesunder Mensch gar nicht nachvollziehen können KANN. Im Buch kann man das allerdings nur erahnen. Das Gefährliche dabei ist, dass Erwachsene vielleicht nur denken "Was für eine Überreaktion", Teenager aber sehen möglicherweise ein Vorbild in Hannah, weil sie nicht wissen, dass sie krank und gar nicht mehr dazu in der Lage ist, rational zu denken und einen Ausweg zu sehen. Den es gibt.

4. Wer ist Hannah?

In der Serie erfahren wir es, im Buch nicht. Denn hier gibt es kaum eine Rahmenhandlung (einmal abgesehen von Clays Kommentaren während des Hörens und der ein oder anderen Unterhaltung zwischen ihm und Tony) und wir lernen Hannah eigentlich nur als Stimme kennen. Eine Stimme, die ihre Sicht der Dinge schildert, absolut subjektiv und doch irgendwie nüchtern. Man spürt, dass Hannah zum Zeitpunkt der Aufnahme ihren Entschluss bereits gefasst hat und dass es nichts hätte geben können, dass sie noch umstimmt. Einerseits ist das ein faszinierender Blickwinkel, andererseits eben nur einer von eigentlich vielen, die das Buch dringend nötig gehabt hätte. Ich denke, dass Jay Asher Hannah (und auch die anderen Charaktere) bewusst eher anonym und oberflächlich gehalten hat, um die Allgemeingültigkeit der Geschichte hervorzuheben - so etwas kann eben immer und überall, an jeder Schule und in jedem Land der Welt passieren. Aber: Er reduziert die Personen zu sehr auf die Geschehnisse, so sehr, dass man sie kaum als echte Menschen mit echten Gefühlen wahrnehmen kann. Das trifft vor allem auf Hannah, aber auch auf Clay zu.

5. Stichwort Clay - die gute Seele des Buches

Clay ist der eigentliche Protagonist in Tote Mädchen lügen nicht, allerdings ein wesentlich passiverer als Hannah, die ja bereits tot ist. Das ist außergewöhnlich, aber auch ein wenig unglücklich. Denn zumindest ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass Clay lediglich das Mittel zum Zweck ist. Er ist es, den wir dabei beobachten, wie er Hannahs Vermächtnis zum ersten Mal hört. Er, der gute, brave Junge, der eine blütenweiße Weste hat - in jeder Hinsicht. Er, der sich eigentlich nichts hat zuschulden kommen lassen. Er, der keine Ahnung hat, warum zur Hölle er als einer der Gründe für Hannahs Selbstmord auf ihren Kassetten sein soll. Und auch dem Leser ist das schleierhaft, bis zur Auflösung (zu der ich natürlich nichts verrate, für all diejenigen unter euch, die weder Buch noch Serie kennen). Das ist eine ziemlich clevere Lösung, lieber Jay Asher. Denn einerseits ist Clay ja involviert, er war in Hannah verliebt (wobei seine Schwärmerei im Buch nicht wirklich glaubwürdig transportiert wird - ganz anders in der Serie) und wir fühlen automatisch mit ihm. Es muss ja für ihn schließlich doppelt so hart sein, sich das alles anzuhören. Aber er ist auch nicht wirklich involviert, steht irgendwie am Rand, was es Asher erlaubt, auf ungefährlichem Terrain zu bleiben. Denn eigentlich wäre es um ein Vielfaches interessanter, einem der wirklich "Schuldigen" über die Schulter zu schauen. Aber gleichzeitig eben auch problematischer, kontroverser. Schade eigentlich, denn Clay bleibt blass. Nur eine Konstruktion, ein Mittel. Aber nicht wirklich ein Mensch aus Fleisch und Blut.

6. Und wer sind die anderen?

Ja, wer sind sie? Jessica, Alex, Justin, Marcus, Bryce, Courtney etc. Wir kennen ihre Namen, wir wissen, was Hannah über sie erzählt. Aber nicht mehr. In der Serie erfährt man, wie jeder von ihnen auf die Anschuldigungen reagiert, ihre Charaktere haben Tiefe, sind ambivalent. Man sieht ihre Furcht, ihren Hass und ihre Verzweiflung. Nicht so im Roman. Wie bereits erwähnt, existiert eine so ausgeprägte Rahmenhandlung wie in der Netflix-Adpation nicht. In der Gegenwart, in der Clay Hannahs Stimme auf den Kassetten lauscht, kommen diese Personen gar nicht vor. Wir sehen sie also ausschließlich durch Hannahs Augen - eine verzerrte Sichtweise, die es nicht erlaubt, objektiv über sie und ihr Handeln zu urteilen und sich als Leser überhaupt eine eigene Meinung zu bilden. Schlimmer Fehler, denn so werden alle Charaktere lediglich auf das reduziert, was Hannah in ihnen sieht. Die Gründe für ihren Selbstmord. Und das ist eine sehr einseitige Betrachtung, die zur Folge hat, dass man mit Hannah konform geht, den "anderen" die Schuld gibt, ohne sich aber mit deren tatsächlichen Absichten auseinanderzusetzen. Hier hätte Asher die "Täter" miteinbeziehen und zeigen müssen, dass es eben nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Nicht nur gute, durch und durch nette Clays auf der einen und gehässige, skrupellose Bryce's oder Justins auf der anderen Seite. Asher macht es sich viel zu leicht und dem Leser damit doppelt schwer. Differenziertheit? No way, nicht in diesem Buch!

7. Aber da sind ja noch die Eltern...

Genau, die Eltern! Die in der Serie fast durchgehend verständnis- und liebevoll, nett, offen und hilfsbereit - vor allem aber präsent sind. Im Buch lernen wir allerdings nur ganz kurz Tonys Vater sowie Clays Mutter kennen. Letztere wirkt durchaus zugänglich, tut die Ausreden ihres Sohnes aber viel zu schnell ab und geht kaum auf ihn ein. Hannahs Eltern, die in der Serie verzweifelt und mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass der Selbstmord ihrer Tochter aufgeklärt, dass er thematisiert und diskutiert wird, spielen in der Romanvorlage kaum eine Rolle. Wir erfahren nur auf Hannahs Kassetten, dass sie zurzeit andere Probleme haben und die Verhaltensveränderungen ihrer Tochter nicht bemerken. Jay Asher stellt es tatsächlich so dar, wie Hannah es empfindet: Dass keiner der Elternteile aller involvierten Schüler sich wirklich um seine Kinder kümmert. Dass die Jugendlichen allein sind mit ihren Problemen und dass es dann durchaus zu solch einer verzweifelten Tat kommen kann, wie Hannah sie begeht. Ist das die richtige Message? Will Asher Eltern und Lehrer damit sensibilisieren, wachrütteln und ihnen zeigen, dass sie die Probleme von Teenagern ernster nehmen sollen? Vielleicht, aber man darf nicht vergessen, dass Tote Mädchen lügen nicht ein Jugendbuch ist. Und ein Jugendlicher, der sich in der Pubertät naturgemäß sowieso schon von seinen Eltern und anderen Erwachsenen abkapselt, sieht sich beim Lesen darin bestätigt. Erkennt vielleicht, dass es wirklich sinnlos ist, mit seinen Eltern über seine Probleme zu sprechen. Und fühlt sich dann womöglich derart allein gelassen wie Hannah. Oh, oh - das ist definitiv die falsche Richtung und die falsche Botschaft.

8. Na gut, aber die Lehrer - die Lehrer gibt's ja auch noch!

Ja, könnte beziehungsweise sollte man denken. Die Lehrer sind im Buch allerdings ebenso passiv und teilnahmslos wie die Eltern oder auch gar nicht involviert. Einerseits zeigt Asher damit Probleme auf, wie sie vermutlich in den meisten Highschools und Oberschulen hierzulande an der Tagesordnung sind. Lehrer, die einfach zu viele Schüler haben, selbst überlastet und daher gar nicht dazu in der Lage sind, auf jede Veränderung zu achten, jede Gefahr wahrzunehmen und rechtzeitig zu handeln. Lehrer, die von einem Schüler geäußerte Selbstmordgedanken nicht ernst genug nehmen, weil sie es a) als jugendlichen Leichtsinn und b) als das übliche Teenager-Drama abtun, während sie c) nicht den wahrhaftigen Hilferuf dahinter sehen. Jay Asher macht genau auf diese Missachtung aufmerksam und das ist einerseits wichtig, andererseits muss ich aber auch hier sagen: Jugendbuch! Im Dialog mit dem Lehrer oder einem Elternteil mag diese Intention herauskommen, allein im stillen Kämmerlein... nicht.

9. Was macht der Autor also?

Er lässt seinen Leser im Regen stehen. Ein so komplexes, vielschichtiges, kontroverses und brisantes Thema darf einfach nicht so im Raum stehen gelassen werden, wie Asher das tut. Mir ist klar, dass er seine Leser zum Mitdenken anregen will und Leerstellen sowie ein offenes Ende erfüllen innerhalb eines literarischen Werkes unbestreitbar eine wichtige Funktion. Jedoch nicht in dem Maße, in dem sie in Tote Mädchen lügen nicht zu finden sind. Gepaart mit der einseitigen Perspektive, dem emotional zwar involvierten, aber nicht eben engagierten Clay und der Passivität aller Erwachsenen ergibt sich ein Gesamtbild, das erschreckend ist. Irgendwie hat man am Ende das Gefühl, dass Hannah sich umbringen MUSSTE. Furchtbar, oder? Denn das musste sie nicht, aber das lässt der Autor unausgesprochen und während einem erwachsenen Leser die Botschaft zwischen den Zeilen klar ist, sieht ein Teenager mit vielleicht ähnlichen Problemen wie Hannahs in ihrem Handeln möglicherweise den einzig plausiblen Ausweg - Stichwort Werther-Effekt.

10. Gab es für Hannah also vielleicht doch keinen anderen Weg?

Doch, auf jeden Fall. Das kommt in der Serie allerdings um einiges deutlicher heraus als im Buch. Hier ist Hannah fast ausschließlich eines: Opfer. Ein Opfer, das durch eine Demütigung nach der anderen in einen gefährlichen Strudel gerät und sich am Ende sogar nach dem letzten Stoß sehnt, der sie in ihrer Entscheidung bekräftigt und ihr die Bestätigung für den Selbstmord gibt. Clay sagt zwar immer wieder, dass er doch da gewesen wäre und wird dabei fast schon wütend auf Hannah, die die Chance nicht ergriffen hat. Aber: Hannahs Halbherzigkeit ist himmelschreiend. Das versteht man nicht so ohne Weiteres. In der Serie schon, denn zum einen sind die verschiedenen Auswege (Clay, die Lehrer, die Eltern) hier wirklich zum Greifen nah und zum anderen ist um einiges besser ersichtlich, wie Hannah nach und nach die Kontrolle verliert und dass sie einfach nicht mehr in der Lage dazu ist, eine helfende Hand zu ergreifen.

11. Das Problem im Buch - Die Kürze

Hier zeigt sich das größte Problem des Romans: Er ist zu kurz, zu reduziert. Von allem, was geschehen ist, von Clays Reaktion, von Hannahs Gefühlen bekommt man als Leser nur eine Ahnung. Andere Dinge wie die Gefühle der Beteiligten und Erwachsenen, die Reaktionen auf den Selbstmord innerhalb der Stadt und der Schule werden gleich gar nicht thematisiert. Es geht tatsächlich rein um Hannahs Vermächtnis und um ihre Sicht der Dinge. Das kann man so machen, ist in diesem Fall meiner Meinung nach aber der falsche Weg. Denn der Suizid wird in keinen Kontext gesetzt, er wird nicht diskutiert und hinterfragt. Er wird fast schon als logische Konsequenz aufgezeigt (im Roman - NICHT in der Serie!). Wo ich bei der Serie an so mancher Handlung Hannahs gezweifelt habe und vor allem ihr Selbstmord mich unglaublich geschockt und abgeschreckt hat, konnte ich mir beim Buch schlicht und ergreifend keine Meinung zu ihr bilden. Weil ich zu wenige Informationen hatte. Ich wusste nicht, was für ein Mensch sie ist, was für ein Mensch sie war. Sie erschien mir wie ein Abziehbild, das man nehmen und auf jeden beliebigen Menschen mit psychischen Problemen oder Depressionen kleben kann. Jay Asher dokumentiert den psychischen Absturz eines jungen Menschen, der irgendwann nicht mehr Herr seiner Gefühle, seines Lebens ist - er dokumentiert, aber er diskutiert nicht. Er platziert das Geschehene in einem leeren Raum und blendet das Drumherum aus. Das hat mich unendlich enttäuscht, denn gerade die Rahmenhandlung ist das, was mich an der Serie so fasziniert hat. Ich spreche hier zum Beispiel von Clays Kampf für Gerechtigkeit, von den Bemühungen der Eltern, den Selbstmord zur Sprache und ins Bewusstsein der Schüler und Lehrer zu bringen, und von den widersprüchlichen, verzweifelten und teils radikalen Reaktionen von Jessica, Bryce, Justin, Marcus und Co. Eben weil so viele in irgendeiner Weise an Hannahs Suizid beteiligt sind, verstehe ich nicht, wie man sie komplett ausblenden kann. Ich bin wirklich sehr froh darüber, dass die Macher der Netflix-Serie die Perspektive erweitert und die Auswirkungen von Hannahs Selbstmord auf die Stadt, die Schülerschaft und die Lehrer und Eltern miteinbezogen haben.

12. Aber wenigstens wird mal darüber gesprochen!

Definitiv - Mobbing und Suizid von Teenagern sind Dinge, die man nicht tabuisieren darf - auf gar keinen Fall! Und daher finde ich es großartig, dass Jay Asher mit seinem kontroversen Roman und auch die Serie (übrigens nach Meinung von Fachleuten die bisher erfolgreichste Netflix-Serie) das Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese Thematik schärfen. Aber: Es gibt auch hier ein Aber. Denn während in der Serie der Umgang mit und die Verarbeitung von Hannahs Selbstmord im Mittelpunkt stehen, blendet Jay Asher gerade das erneut aus. Es gibt im Buch eine einzige Szene, in der im Unterricht über Suizid diskutiert wird. Doch weder die Lehrerin noch die Schüler zeigen großes Interesse an diesem Thema, haben spürbar Hemmungen, darüber zu diskutieren und tun es teilweise sogar als bloßen Versuch, Aufmerksamkeit zu erhalten, ab. Was wiederum Hannah in der Annahme bestätigt, niemand würde sich für ihre Probleme und ihre Sehnsucht nach einem radikalen Ende interessieren. Wie es nach der Tragödie an der Schule weitergeht - keine Ahnung. Sicher wollte Asher auch hiermit Raum für eigene Interpretationen schaffen, aber er liefert keinen Ansatzpunkt. Die Macher der Serie gehen einen großen Schritt weiter und das ist richtig und vor allem wichtig.

13. Was der Roman insgesamt mit mir gemacht hat

Zunächst zur Serie: Die Serie hat mich wütend gemacht, fassungslos, mich entsetzt und ungläubig zurückgelassen. Und mir so viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren geliefert. Und das habe ich im Anschluss daran auch getan - zusammen mit meinem Freund, meiner besten Freundin, meinem Kollegen. Ich finde, weder das Buch noch die Serie kann man unkommentiert lassen. Beides sollte am besten in der Gruppe konsumiert und besprochen werden, vor allem dann, wenn die Zuschauer/Leser Jugendliche sind. Und emotional hat mich auch der Roman absolut erreicht und mitgenommen, er war spannend bis zum Schluss und ließ sich in einem Rutsch lesen. Weil man gar nicht wegschauen kann und es irgendwann auch nicht mehr will. Aber (wie oft habe ich dieses Wörtchen nun schon geschrieben?) er lässt einen ziemlich hilflos zurück. Ich habe nach dem Lesen sogar fast nach den fehlenden Seiten gesucht. Nicht, weil mir das Ende nicht gepasst hätte, sondern weil einfach so viel gefehlt hat. Die Rezeption des Selbstmordes innerhalb der Geschichte wird komplett ausgeblendet und damit verfehlt Tote Mädchen lügen nicht seinen Bildungsauftrag, den es als Jugendbuch ohne Frage haben sollte. Es lässt zu viele Dinge offen (wobei ich wiederholen möchte, dass Leerstellen innerhalb von Romanen natürlich sinnvoll und notwendig sind, um den Leser zu aktivieren) und bietet letztlich ZU viel Raum für Spekulationen - die dann je nach geistiger Verfassung und Reife des Rezipienten in die falsche Richtung gehen können. Und das ist gefährlich und problematisch.

Erst einmal Danke an all jene, die diese Monster-Rezension bis zum Ende gelesen haben. Ich weiß, ich bin diesmal etwas eskaliert, aber Ashers Roman liefert nichtsdestotrotz eben auch eine ungeheure Menge an Stoff zum Nachdenken. Die Grundidee und die Umsetzung mit den Kassetten finde ich grandios und wichtig, das meiste andere hat mich allerdings unheimlich enttäuscht. Vor allem, da ich zuerst die Serie gesehen hatte und damit all die Ansatzpunkte, die Hannahs Suizid liefert, kannte und auch von der Romanvorlage erwartet habe. Ashers Buch ist für mich zu einseitig erzählt, die Geschichte kratzt an der Oberfläche und lässt so vieles aus, was für ein vollumfängliches Verständnis nötig gewesen wäre. Ich kann den Hype um das Buch daher ganz und gar nicht verstehen, auch wenn es in jedem Fall spannend war und einen mitgenommen hat. Dem Hype um die Serie wiederum gebe ich Recht.



Und jetzt seid ihr gefragt: Steinigt mich, widersprecht mir, korrigiert mich. Oder stimmt mir zu. Wie steht ihr zu Buch und/oder Serie? Ich bin gespannt auf eure Meinungen :)


(Geschrieben von Christian Schaller)

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

2 von 5 Sternen ist aber schon arg wenig :(

Svenja Prautsch hat gesagt…

Das stimmt, aber ich fand das Buch insgesamt auch leider sehr schwach. Da war für mich nicht mehr drinnen :/

Liebe Grüße
Svenja

Marius hat gesagt…

Ich habe zuerst das Buch gelesen und habe nun mit der Serie begonnen. Bislang bin ich von der Serie gar nicht so sonderlich begeistert. Es wurde ganz vieles, was mir als wichtig erscheint, verändert oder gar nicht bildlich so dar gestellt, wie es dann doch im Buch beschrieben war. Das zerstört mir meine erwartung etwes und vorallem mein Geistiges Bild, welches ich mir beim lesen gemacht habe. allein die Optik von Courtney hat mich total erstaunt. irgendwie hab cih mir so überhaupt nicht vorgestellt. Davon bin ich leider etwas enttäuscht. Ich bin aber auch noch nicht so weit mit der Serie.

Zum Buch selber, die Punkte, die du in deiner Rezension ansprichst, kann ich zum Grossteil so unterschreiben, aber auch erst nachdem ich deine Rezension gelesen hatte. Denn Vorher habe ich diesen Aspekt des Jugendbuches total ausgeblendet. Für mich, als Mitte 20er,der eher wenig liest hat mich dieses Buch echt Berührt. Eventuell habe ich es auch einfach anders Verstanden und deshalb gar nicht an die Jugend gedacht.

Das Buch versteht sich an vielen Stellen so "naja, etwas übertrreibt sie ja schon" (wie du beschrieben hast) wobei die Serie etwas abgeändert wurde und mehr auf das Thema Mobbing eingeht. (soweit ich das bis hierhin beurteilen kann)
Letzendlich hatte ich nämlich zum Ende des Buches mehr das Gefühl, dass sie sich nicht umbringt, weil sie gemobbt wurde sondern eigentlich weil sie nicht damit klar kommt, was sie erlebt hat. Bezogen auf die Kasetten die nach Clay`s Kasette kamen. Der "Mobbing Aspekt" (mobbing ist für mich hier das falsche Wort, ich kann aber kein besseres finden grade) nimmt eher nur einen kleinen Teil ein und hat den Butterflyeffekt ausgelöst, dass sie das was sie erlebt hat, erst erleben konnte.

Ich bin gespannt, wie die Serie ab Tape 10 umgesetzt ist.

Alles in allem, fand ich das Buch Wahnsinnig gut und habe es auch ratzfatz durchgelesen. Die Art, WIE es erzählt wurde fand ich genau richtig, kein großes drum herum, sondern eher der Kern der geschichte. es geht um SIE und warum SIE es gemacht hat. Und als nebenrolle, was hat Clay damit zu tun.
Allerdings stimme ich auf jedenfall zu, bei der Tatsache, dass es sich um ein Jugenbuch handelt, wäre eine etwas genauere Ausführung und eben auch eine bessere Beschreibung möglicher Auswege besser angebracht gewesen.

Ich wäre eher bei 3-4 Sternen.


Deine Seite gefällt mir und ich habe sie nur zufällig gefunden. Da ich jetzt wieder mehr lesen will und werde, werde ich hier sicher öfter vorbei schauen und hoffentlich die ein oder andere Empfehlung für mich finden.

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