Dienstag, 11. April 2017

REZENSION: "Mädchen aus Papier" (Sina Flammang)

Copyright cbt
 
Titel: Mädchen aus Papier
Autor: Sina Flammang
Genre: Jugendroman
Verlag: cbt
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover mit Schutzumschlag (16,99 €), eBook
Seiten: 352
ISBN: 978-3-570-16460-0
Schon seit ihren Kindheitstagen weiß Mari, dass das Leben alles andere als gerecht ist. Sie war fünf, als sie ihre Schwester Annika verlor, als sie plötzlich in einem Einkaufszentrum verschwand und nicht wieder auftauchte. Seitdem wohnt Mari widerwillig regelmäßig einem Gruppentreffen für "Hinter-bliebene" von vermissten Angehörigen bei. Bis plötzlich das Unmögliche geschieht: Annika wird gefunden! Maris Welt müsste jetzt eigentlich wieder perfekt sein. Stattdessen fangen mit Annikas Rückkehr die Probleme erst richtig an. Nach und nach scheint Mari alles zu verlieren, was ihr Halt gibt. Irgendwann ist ihr alles zu viel: sie packt ihre Sachen und flieht - raus aus Deutschland in den Süden, mit Clementine und Ole an ihrer Seite.

Ich finde es toll, wie hier mit dem Objektivfokus gespielt wurde. Der Kontrast zwischen scharfem Vordergrund und verschwommenen Hintergrund verleiht dem relativ wenig spektakulären Motiv etwas Besonderes.
Am Anfang war ich, um ehrlich zu sein, etwas enttäuscht. Die Geschichte läuft eher gemächlich an und hat mich nicht wirklich in den Bann ziehen können. Ich wusste nicht so recht, was ich von Mari halten sollte. Aber irgendwann (ich glaube, es war so nach dem ersten Drittel) kam dann der Punkt, als mir die Geschichte unter die Haut zu gehen begann. Vielleicht lag es daran, dass Sina Flammang sehr viele nachdenkliche, philosophische Abschnitte in die Handlung einbaut, welche Maris Gedanken widerspiegeln und sie, gemessen an ihrem zarten Alter, sehr reif und klug wirken lassen. Vielleicht lag es daran, dass die Geschichte mit jeder Seite komplexer und ereignisreicher wird. Zu Beginn machte Mari (trotz ihrer Interaktionen mit Niklas) einen eher isolierten, passiven Eindruck auf mich. Aber spätestens ab den Gruppentreffen kam die Handlung allmählich ins Rollen und wurde dadurch für mich interessanter. Einen nicht unwesentlichen Anteil haben daran Clementine und Ole bzw. die Dynamik zwischen den Dreien und ihre Art, miteinander umzugehen. Die Tatsache, dass sie sich gegenseitig unabhängig von ihren Macken und Eigenarten (z.B. Clementines überdrehte und im Kontrast dazu Oles grummelige Art) akzeptiert haben, war für mich Beweis genug, dass diese Freundschaft unglaublich stark und keine oberflächliche Zweckgemeinschaft ist. Zwar sieht das auf den ersten Blick nicht wirklich so aus, aber je länger man die Drei "beobachtet", desto mehr ist man davon überzeugt. Ich liebe es einfach, wenn mehrere Underdogs zusammenfinden und sich trotz ihrer widersprüchlichen Persönlichkeiten ergänzen.
Vollständig emotional involviert war ich dann ab dem Moment, an dem Annika zurückgekehrt ist, denn dadurch wird Maris Leben zunehmend komplizierter statt leichter. Mit jeder Seite hat sich bei mir mehr und mehr Wut aufgestaut: auf Annika, auf Maris Eltern, auf Niklas und auf Clementine. Aber der Reihe nach.
Die Reunion mit Annika hätte wunderbar sein können. Nach all den Jahren des Hoffens, Suchens und Wartens haben sich mit ihrer Wiederkehr alle Träume von Mari und ihrer Familie erfüllt. Es war natürlich abzusehen, dass die Wiedereingliederung in den familären Kreis nicht ganz so einfach werden würde. Schließlich hat Annika den längsten (und prägendsten) Teil ihrer Kindheit bei einer anderen Frau verbracht. Ihre Eltern und ihre Schwester müssen ihr da wie Fremde vorgekommen sein. Sowohl ihre emotionale Distanziertheit als auch ihre Geheimniskrämerei waren verständlich und ich hätte sie ihr leicht verzeihen können - wenn es nur das gewesen wäre. Aber was sie sich teilweise geleistet hat, hat mich wahrlich auf die Palme gebracht. Das Schlimmste daran war allerdings, dass ihre Eltern ihr jeden Fehltritt verziehen und ihr quasi Absolution erteilt haben, während Mari wie ein aufmüpfiges, eifersüchtiges Kind behandelt wurde. Ich kann durchaus verstehen, dass sie das Gefühl hatte, ihr würde auf einen Schlag alles genommen. Die ganze Situation war einfach unfair!
Damit ist auch schon begründet, warum mich ihre Eltern so aufgeregt haben. Ich kann es nicht leiden, wenn Geschwister ungleich behandelt werden (wahrscheinlich, weil ich selbst eine Schwester habe), die zwei das aber einfach nicht realisiert haben.Ich erwarte ja gar nicht, dass Eltern perfekt sind, und behaupte auch nicht, dass die Situation für sie nicht auch vertrackt gewesen ist, aber dafür, dass sie bewusst die Augen vor der Wahrheit (die ihnen Mari mehr als ein Mal gesagt hat) verschlossen haben, fehlt mir jegliches Verständnis.
Auch meine Wut auf Niklas, Maris Love-Interest, steht u.a. im Zusammenhang mit den oben genannten Punkten. Jedoch hatte ich ihn schon vorher weder richtig sympathisch, noch passend für Mari gefunden. Eine gewisse andere Person war mir in der Beziehung wesentlich lieber.
Last but not least war ich auch auf Clementine sauer, weil sie sich selbst mit ihrer Magersucht (nennen wir das Kind doch beim Namen) zugrunde gerichtet hat. Zugegeben: da spielt bei mir eine äußerst persönliche Komponente mit hinein, sodass ich dahingehend möglicherweise überempfindlich bin. Trotzdem denke ich, dass dieses Thema niemanden unberührt lässt. Was mich daran besonders gestört hat, war jedoch weniger, dass sie nichts gegessen hat, sondern dass die anderen das stillschweigend hingenommen haben. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt war ich mir nicht einmal sicher, ob sie sich Clementines Krankheit überhaupt bewusst gewesen sind. Mir war des Öfteren wirklich nach Schreien zumute. 
Der Plot hat sich daher insgesamt als wesentlich konfliktreicher und komplexer herausgestellt, als ich zu Beginn vermutet hatte. Die einzelnen Themen hat Sina Flammang meiner Meinung nach sehr gekonnt miteinander verknüpft und gut portioniert: ich war zwar oftmals angesichts der Ungerechtigkeit sprachlos und (stellvertretend für Mari) am Rand der Verzweiflung, aber mit meinen Nerven war ich (Gott sei Dank) nicht am Ende. Es ist definitiv ein Roman, den man nicht ganz so schnell verarbeitet. Einige der oben genannten Aspekte nagen immer noch an mir und bei manchen Personen (wie z.B. Annika) bin ich mir auch jetzt nicht ganz klar, ob ich sie leiden kann oder nicht. Manchmal ist es jedoch völlig ausreichend, wenn eine Figur in einer Grauzone bleibt.
Ein wenig für Verwirrung hat bei mir jedoch der Umstand gesorgt, dass der angekündigte Trip in den Süden sehr lange auf sich hat warten lassen. Basierend auf dem Klappentext ging ich davon aus, dass er den Hauptteil der Handlung einnehmen würde, aber das war nicht der Fall. Daher wurden bei mir diesbezüglich die falschen Erwartungen geweckt. Im Endeffekt war es nicht sonderlich tragisch und hat meinen Gesamteindruck nicht negativ beeinflusst, ich war lediglich überrascht. 


"Das Gedächtnis ist hinterhältig. Denn alles, was du je vergessen wolltest, hat sich unverrückbar in deinem Schädel festgesaugt und wird dich niemals loslassen. Es ist, als würde dein eigenes Gedächtnis doch mit bösen Erinnerungen foltern, immer und immer wieder; und je mehr du etwas vergessen willst, desto deutlicher wird es. Wie ein Polaraoid, das langsam Farbe annimmt. Und am Ende bist du selbst dein größter Feind." (S. 198)

"[...] manchmal ist das Gehirn wie ein vergesslicher Schauspieler, dem man nur das richtige Stichwort zuzuwerfen braucht, und schon kommt die Erinnerung zurück." (S. 297)

Sina Flammangs Debüt hat mich - nach einigen Anlaufschwierigkeiten - sehr beeindruckt. Sowohl die Story als auch die Charaktere sind definitiv nicht spurlos an mir vorüber gegangen - manche im positiven, manche im negativen Sinne - und letztlich habe ich in vielerlei Hinsicht mehr von der Geschichte bekommen, als ich mir erhofft hatte. Ich werde mein Auge auf Flammangs künftige Werke haben!



Zum Schluss will ich mich von ganzem Herzen beim cbt für das wunderbare Besprechungsexemplar bedanken :-)

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