Donnerstag, 27. April 2017

REZENSION: "Infernale #2 - Rhapsodie in Schwarz" (Sophie Jordan)

Copyright Loewe Verlag


Titel: Infernale - Rhapsodie in Schwarz
Autor: Sophie Jordan
Genre: Dystopie / Jugendroman
Verlag: Loewe
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (18,95 €)
Seiten: 384
ISBN: 978-3-7855-8369-2


Nachdem Davy gemeinsam mit ihren Freunden aus Mount Haven geflohen ist, bestimmt vor allem eines ihr Leben: Die Erinnerung an den schrecklichen Mord, den sie gezwungen war zu begehen. Nun hat sie die Bestätigung, dass sie nicht nur das Mörder-Gen in sich trägt, sondern auch tatsächlich gefährlich ist. In Mexiko erhofft sie sich ein neues Leben, doch auf der Flucht wird sie verletzt und von dem Widerstandskämpfer Cade gefunden. Er gibt ihr neue Hoffnung: Nicht nur auf eine Zukunft im Widerstand, wo sie etwas bewegen kann, sondern auch auf eine neue Liebe...

Wie schon das Cover zu Band 1 gefällt mir dieses hier vom Aufbau her ziemlich gut. Aber: Es wirkt lange nicht mehr so düster, mit dem pinkfarbenen Hintergrund fast schon ein bisschen kitschig. Darf man hier vielleicht statt einer bedrohlichen Dystopie eine 08/15 Teenie-Romanze erwarten?

Sophie Jordans Infernale war eines meiner Jahreshighlights 2016, weil ich die Dystopie einfach so realistisch, so bedrückend und genial erzählt fand. Eigentlich sollte Band 2 der Dilogie bereits im Sommer erscheinen, doch der Termin wurde mehrmals verschoben, bis das Buch dann im März tatsächlich endlich veröffentlicht wurde. Und hier ist sie: Meine Meinung zu Infernale - Rhapsodie in Schwarz.

Die Geschichte knüpft fast nahtlos an das Ende des ersten Bandes an: Nach ihrer Flucht aus Mount Haven treffen wir Davy, Sean, Sabine und Gil in einem Unterschlupf nahe der mexikanischen Grenze wieder, wo sich die vier darauf vorbereiten, die USA zu verlassen und Zuflucht in einem Flüchtlingslager in Mexiko zu suchen. Doch was spannend endete, liest sich zunächst sehr zäh an: Der Fokus liegt auf Davys Gefühlsleben, ihrem inneren Kampf mit der schrecklichen Tat, die sie in Mount Haven begehen musste, und dem stetigen Entfremden von Sean. Einerseits ist die detaillierte Innensicht gut und hervorragend gelungen, denn schließlich ist es nur logisch, dass ein junges Mädchen wie Davy einen Mord einfach nicht verarbeiten kann. Andererseits verliert Jordan dabei die Brisanz des großen Ganzen aus den Augen (die Entdeckung des Mörder-Gens HTS und die Jagd auf sogenannte Träger durch die Regierung) - und das bleibt leider so.

Davy wird also während der rasanten Flucht von Sean und den anderen getrennt - sie bleibt schwer verwundet zurück. Und hier kommt eine völlig neue Figur ins Spiel: Caden, seines Zeichens Anführer der größten Widerstandsbewegung und natürlich ein unglaublich gut aussehender, loyaler, liebevoller, moralisch einwandfreier Typ. Anfangs sträubt Davy sich jedoch gegen ihn, wehrt sich mit Händen und Füßen - und das ist der Moment, in dem sie mir einfach unsympathisch wurde. Klar, man kann verstehen, dass sie ihre Freunde finden und wissen will, ob es ihnen gut geht. Davys chronische Undankbarkeit, ihr triefender Sarkasmus und ihr fast schon krankhafter Argwohn sind jedoch schlichtweg überzogen und nervig. Sie ist nicht mehr das harmlose, unbedarfte Mädchen aus Band 1, sicher. Aber zu was Davy geworden ist - das ist einfach schade.

Ebenso wie die dünne Handlung, die durchgehend eigentlich nur aus zwei wesentlichen Elementen besteht: Davy wird verletzt und muss gerettet werden, Davy wehrt sich mit aller Kraft gegen die ständig aufwallenden Gefühle für Caden. Ja, eigentlich geht es nur um Caden und Davy, die sich mal näherkommen, dann wieder nicht, dann wieder näher... und so weiter. Über die Arbeit der unterirdisch stationierten Widerstandsgruppe erfährt man insgesamt sehr wenig. Über die sich zuspitzende und allmählich verändernde politische Situation in der "Außenwelt" ebenfalls - nur die Nachrichten- und Interviewschnippsel zwischen den Kapiteln lassen vermuten, dass in den USA etwas vor sich geht. Mit unserer Heldin Davy und ihrem Lover hat das allerdings wenig bis gar nichts zu tun.

Beide sind - wie die meisten anderen Charaktere auch - erschreckend passiv. Man erfährt zwar immer mal wieder in Berichten und Gesprächen seitens Caden und seiner Mitstreiter, dass eine Aktion geplant, dass etwas passiert ist, dass etwas unternommen wird. Doch weder ist der Leser noch die Protagonistin Davy jemals dabei. Der Umschwung im Land, die vielen Proteste gegen die Stigmatisierung der HTS-Träger haben mit Davy rein gar nichts zu tun. Wir beobachten sie einfach nur dabei, wie sie sich im Unterschlupf mal wieder von einem Angriff oder sonst was erholt, gegen ihren ausdrücklichen Willen am laufenden Band mit Caden flirtet und mit ihrem Schicksal hadert.

Sehnsüchtig habe ich auf den großen Knall gewartet, darauf, dass die Handlung endlich Fahrt aufnimmt und Davy ihr rebellisches Wesen entfaltet, um tatsächlich etwas zu verändern. Doch Pustekuchen. Nichts dergleichen geschieht. Zu meiner großen Enttäuschung ist Infernale - Rhapsodie in Schwarz tatsächlich nur eine belanglose Romanze in einer dystopischen Welt, die aber nicht länger eine Rolle spielt. Das komplette bedrückende Szenario aus Band 1 fehlt. Ich kann gar nicht sagen, wie mich das enttäuscht hat. Hinzukommen der Rundum-Austausch der Charaktere, eine müde, vorhersehbare und nur (wirklich nur) im Ansatz hin und wieder spannende Story und ein Ende, das so kitschig ist wie ein Rosamunde-Pilcher-Roman. Wirklich, wirklich schade um die geniale Thematik aus Band 1.

Man nehme eine geniale Idee mit spannender Ausgangssituation, verstecke sie komplett hinter einer schwülstigen Liebesromanze und einem wenig durchdachten Plot und reichere das Ganze mit neuen, eher faden Charakteren an. Einmal gut rumrühren und herauskommt: Infernale - Rhapsodie in Schwarz. Das Buch ist alles andere als das spannende Finale einer Dilogie, das ich erwartet hatte. Überzeugend war hier insgesamt recht wenig, eigentlich nur die dystopische Welt, die leider viel zu kurz kommt, und der Grundgedanke hinter allem. Ansonsten hätte man sich die Fortsetzung wirklich sparen können.



Die Reihe:

1. Band: Infernale
2. Band: Infernale - Rhapsodie in Schwarz

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