Mittwoch, 5. April 2017

REZENSION: "Good as Gone" (Amy Gentry)

Copyright C. Bertelsmann


Titel: Good as Gone
Autor: Amy Gentry
Genre: Thriller / Psychothriller
Verlag: C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Klappenbroschur (12,99 €)
Seiten: 320
ISBN: 978-3-570-10323-4


Die 13-jährige Julie verschwindet eines Nachts spurlos aus ihrem Elternhaus. Einzige Zeugin ist ihre jüngere Schwester Jane, die sich im Schrank versteckt und so beobachtet, wie Julie von einem Unbekannten mit einem Messer bedroht und entführt wird. Ihre Eltern, Anna und Tom, sind außer sich und setzen alle Hebel in Bewegung, um ihre Tochter zu finden - doch vergeblich, Julie bleibt verschwunden. Erst 8 Jahre später steht sie als erwachsene Frau urplötzlich vor Toms und Annas Haustür. Überglücklich schließen sie ihre Tochter in die Arme. Doch was anfangs wie ein wahrgewordener Traum scheint, wird nach und nach immer mysteriöser. Anna kommen Zweifel an Julies Geschichte und schließlich auch an deren Identität. Wer ist die Frau, die sich als das Entführungsopfer ausgibt, und was hat sie vor?

Das Cover ist düster und nicht so überladen, was mir insgesamt recht gut gefällt. Im Mittelpunkt stehen der Titel und die Silhouette des Mädchens, das in einem Lichtstreif steht - passt perfekt zur Story und macht schon deutlich, dass mit der verlorenen Tochter irgendetwas nicht stimmen kann.

Good as Gone ist der Debütroman der us-amerikanischen Autorin Amy Gentry und sorgte noch vor Erscheinen für Aufsehen. Klar, dass ich neugierig auf die Geschichte war - bei der Zusatzinfo, gepaart mit dem spannenden Klappentext und dem geheimnisvollen Cover. Irgendwie hat sich das für mich alles wie eine Folge von "Criminal Minds" angehört, die perfekte Ausgangssituation also.

Bereits in den ersten Kapiteln geht es spannend los, denn als Leser verfolgt man die Entführung der 13-jährigen Julie aus der Perspektive ihrer jüngeren Schwester und das anschließende Martyrium der Eltern Anna und Tom mit. Gentry schafft eine bedrückende, beklemmende Grundstimmung, die einen von Beginn an packt und nicht mehr loslässt. Es gelingt ihr unglaublich gut, diese Unvollständigkeit und die tiefe Trauer darzustellen, die die Familie auch 8 Jahre nach Julies Verschwinden noch beherrscht. Man spürt als Leser ganz deutlich, dass die Familie irgendwie zerrissen ist, auch wenn sie nach außen hin normal und glücklich erscheint.

Dass irgendetwas nicht stimmt - dieses Gefühl hat sich schon nach den ersten Seiten in meinem Kopf festgesetzt und sich durch die gesamte Handlung gezogen. Ebenso wie das auch bei der Protagonistin Anna der Fall ist, die sich anfangs alle Mühe gibt, einfach nur glücklich zu sein, die Zweifel aber irgendwann nicht mehr ausblenden kann. Ihren inneren Zwiespalt ebenso wie die Auswirkungen, die Julies unerwartetes Auftauchen auf das Familiengefüge haben, sind ungemein anschaulich dargestellt und einfach packend mitzuverfolgen. Besonders interessant fand ich vor allem die Situation von Jane, die ihr Leben lang im Schatten ihrer verschwundenen Schwester stand und mit ihrer Rückkehr natürlich noch weiter in den Hintergrund gerät. All das ist unglaublich tragisch und bedrückend.

Gut gefallen hat mir außerdem, dass Gentry Julies Mutter Anna nicht nur als trauernde, verzweifelte Frau darstellt (und dabei womöglich glorifiziert), sondern sie in all ihren Facetten und somit auch ihre Wut und vor allem ihre Menschlichkeit zeigt. Manchmal habe ich sie als regelrecht unsympathisch empfunden, was auf mich aber in diesem Zusammenhang wiederum authentisch wirkt. Man kann als Außenstehender einfach ihren Schmerz nicht in vollem Maße nachvollziehen und damit logischerweise auch nicht immer die Art, wie sie damit umgeht.

Der Fokus liegt jedoch nicht nur auf Anna, sondern ebenso auf Julie beziehungsweise der Frau, die sich als diese ausgibt. In eingeschobenen Kapiteln taucht man als Leser ein in ihre Vergangenheit, was stellenweise recht verwirrend ist - die junge Frau hat viele Leben gelebt, viele Namen gehabt und vor allem viel Schlimmes erlebt. Ich fand diese Sequenzen sehr intensiv, was hingegen etwas schade war, ist, dass ich mir doch recht bald ein ziemlich genaues Bild von "Julie" und vom Ausgang der Geschichte machen konnte. Ich habe immer gehofft, dass es noch einmal einen unvorhergesehenen Twist gibt, der all meine Vermutungen über den Haufen wirft, doch der blieb leider aus.

Somit fand ich das Ende auf der einen Seite faszinierend, bewegend und beeindruckend, auf der anderen Seite aber wenig überraschend. Der Thriller bewegt sich circa ab der Mitte ziemlich konsequent in eine Richtung und wenn man aufmerksam liest, geht einem etwas zu bald ein Licht auf. Auch habe ich die Erklärungen am Ende als einen Ticken zu langatmig empfunden - schade, denn ansonsten hat mir Gentrys Romandebüt insgesamt wirklich gut gefallen.

Good as Gone ist ein intensiver, bedrückender Thriller, der erschreckend genau zeigt, wie ein Entführungsfall alles verändert und wie schwer es für die Familie ist, zur Normalität zurückzukehren. Bis zur Hälfte in etwa fand ich die Geschichte unglaublich packend und genial konstruiert, leider entwickelte sich die Handlung danach jedoch wenig spannend weiter und ich wusste schon ziemlich genau, wie das alles enden würde - und hatte recht damit. Deswegen kann ich der ansonsten grandiosen Geschichte keine volle Punktzahl geben.



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