Samstag, 22. April 2017

REZENSION: "Courage zeigen - Warum ein Leben mit Haltung gut tut" (Sebastian Krumbiegel)

Copyright Gütersloher Verlagshaus


Titel: Courage zeigen - Warum ein Leben mit Haltung gut tut
Autor: Sebastian Krumbiegel
Genre: Sachbuch / Autobiografie
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (19,99 €)
Seiten: 224
ISBN: 978-3-579-08657-6


In erster Linie will Sebastian Krumbiegel, Sänger bei den "Prinzen", mit seiner Musik unterhalten - aber eben auch seine und vor allem eine gewisse Haltung transportieren. Denn Haltung ist dem Leipziger wichtig, ebenso wie Courage. Beide Dinge haben in seinem Leben bisher eine wichtige Rolle gespielt und das nicht erst seit dem brutale Übergriff auf ihn durch einen Neonazi. In seinem Buch lässt Krumbiegel einige prägnante Etappen seines Lebens Revue passieren, erzählt von Kindheit und Jugend in der DDR und dem Aufstieg seiner Band in den 90er Jahren - und er nimmt Bezug auf aktuelle Themen, die Stimmung im Land und besonders seiner Heimatstadt Leipzig.

Zu dem Cover kann man zugegebenermaßen nicht allzu viel sagen - es zeigt eben das markante Gesicht von "Prinzen"-Sänger Sebastian Krumbiegel in Nahaufnahme. Anders wäre es angesichts des Themas aber vermutlich gar nicht gegangen. So sticht das Cover auf jeden Fall ins Auge und man weiß mit einem Blick, um wen es geht.

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich ein Interview mit Sebastian Krumbiegel verfolgt, in dem er über sein Buch sprach, über AFD und Co. und auch über die Erlebnisse, die ihn geprägt haben. Mir haben seine Aussagen sehr imponiert, deswegen war für mich klar: Courage zeigen gehört auf meine Leseliste! Und was mir eigentlich schon nach Krumbiegels Interview klar war, hat sich mit der Lektüre nur bestätigt: Er ist ein außerordentlich kluger Kopf, ein sehr couragierter und manchmal unbequemer Mann, der vor allem eines immer tut. Eine klare Meinung vertreten!

Courage zeigen ist nicht unbedingt eine klassische Autobiografie - vielmehr erzählt Krumbiegel kurze, für ihn besonders prägnante Anekdoten aus seinem Leben und findet dabei immer einen Bezug zum aktuellen Weltgeschehen. Was mir sehr gut gefallen hat, ist, dass er auch immer selbstkritisch ist, so manches Handeln seinerseits hinterfragt und sich auch nicht davor scheut, von Erlebnissen zu berichten, die ihm im Nachhinein unangenehm sind. Man hat von Anfang an das Gefühl, dass er eine ehrliche Haut ist - jegliche Art von Heuchelei fehlt hier komplett. Krumbiegel bezieht zu einigen brisanten Themen (zum Beispiel und vor allem Rassismus, aber auch Stasi-Überwachung in der DDR) klar Stellung, gibt aber im selben Atemzug unumwunden zu, dass auch er nicht immer frei von Vorurteilen und dergleichen ist - auch wenn er das gerne wäre.

Das macht ihn für mich zu einem unglaublich sympathischen Menschen, dem man gerne zuhört (bzw. dessen Worte man gerne liest), weil man einfach spürt, dass er etwas zu sagen hat und dass dieses "Etwas" wichtig ist. Mit vielen seiner Meinungen und Einschätzungen bestimmter Ereignisse gehe ich außerdem absolut konform - Zivilcourage und Toleranz sind auch für mich essentielle Grundsätze, nach denen ich versuche mein Leben auszurichten. Und natürlich blicke ich genau wie Krumbiegel manchmal besorgt auf meine (Wahl)-Heimatstadt Leipzig (okay, "besorgt" ist mittlerweile wahrscheinlich das falsche Wort, vermutlich trifft es "beunruhigt" besser) und finde es wichtig, dass man Themen wie Rassismus, Legida und alles, was damit verbunden ist, offen anspricht.

Aber natürlich ist Krumbiegels Buch nicht nur ernst - es gibt auch zahlreiche witzige Anekdoten und Geschichten zum Schmunzeln. Geschichten über einen rebellischen Teenager, der seine Rolle als Mitglied des renommierten Thomanerchors nicht immer so ernst nahm, wie er es hätte tun sollen. Geschichten über einen jungen Musiker, der gern schon mal den ein oder anderen aufs Korn nimmt und manchmal nicht weiß, wann er besser die Klappen halten sollte. Vor allem aber waren es die sehr persönlichen Episoden aus Krumbiegels Leben, die mich bewegt und angesprochen haben. Beispielsweise seine Erlebnisse während der Montags-Demos in Leipzig, insbesondere jedoch der brutale Übergriff auf Krumbiegel und seinen Bandkollegen durch zwei Neonazis. Ich fand es einfach großartig, wie offen und ehrlich er über dieses offensichtlich traumatische Erlebnis spricht und wie er letztendlich einen Weg gefunden hat, um auch mit den Tätern seinen Frieden zu machen.

Kurzum: Krumbiegels Buch liest sich für mich als Leipzigerin durchgehend spannend, regt zum Nachdenken an, ist aber durchaus auch humorvoll und witzig. Man hat den Eindruck, man würde den Sänger dabei beobachten, wie er auf sein Leben zurückblickt, die ein oder andere Situation neu bewertet und auch (und das hat mir besonders imponiert) in einen aktuellen Kontext stellt. Durchaus überrascht hat mich auch Krumbiegels angenehmer, lockerer Schreibstil - obwohl, eigentlich sollte das nicht überraschen, schließlich ist er ja auch Songwriter. ;) Wer politisch zumindest ein ganz klein wenig interessiert ist, wie ich Anteil nimmt an der aktuellen Situation in unserem Land nimmt und obendrein auch noch gut unterhalten werden möchte, der ist mit Courage zeigen bestens beraten.

"Das einzige, was wir tun können oder was wir tun sollten, ist, uns darum zu kümmern, dass wir uns gegenseitig respektvoll behandeln, dass wir uns gegenseitig keinen Grund geben, einander mit Hass oder Wut zu begegnen, dass wir mehr nach Gemeinsamkeiten suchen, die uns miteinander verbinden, als nach Unterschieden, die uns voneinander trennen." (S. 23)

Mit Courage zeigen hat Sebastian Krumbiegel mich wirklich überrascht, weil es eben nicht nur für Leipziger den ein oder anderen Aha-Moment bereithält, weil es nicht nur unterhält. Das Buch ist mehr als eine einfache Autobiografie, denn es zeigt, wie wichtig es schon immer war und vor allem in der heutigen Zeit ist, eine klare Meinung zu vertreten und die auch zu verteidigen. Und das alles vermittelt Krumbiegel ganz ohne erhobenen Zeigefinger und, wenn es angemessen ist, auf humoristische Art und Weise. Mich hat das Buch restlos überzeugt.



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