Montag, 3. April 2017

"Als Autor lebt man nicht nur ein Leben": INTERVIEW mit Fantasy-Autorin Mary Cronos


Auf der Leipziger Buchmesse gab es für mich auch eine kleine Premiere: Ich durfte mein erstes "Live-Interview" führen und zwar mit der Fantasy-Autorin, Künstlerin und Fotografin Mary Cronos. 2015 hat sie als Selfpublisherin ihren Debütroman Nafishur Praeludium in zwei Büchern veröffentlicht und arbeitet nun an sechs weiteren Fortsetzungen. Im Interview spricht sie über ihre Fantasywelt Nafishur, über das Schreiben und Planen und über das, was ihr als Autorin wichtig ist.

© Buntes Tintenfässchen

Getroffen habe ich mich mit Mary Cronos im CCL der Leipziger Messe, wo wir uns ein ruhiges Plätzchen für unser Gespräch suchten. Dieses habe ich dann aufgenommen und später abgetippt - ihr könnt also so gut wie ungefiltert lesen, über was wir uns so alles unterhalten haben. Viel Spaß dabei ;)

Svenja: Zum Warmwerden erstmal eine allgemeine Frage: Wieso Schreiben – was fasziniert, begeistert dich daran?

Mary Cronos: Oh, sehr viel, sehr viel! Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß, in andere Welten einzutauchen. Egal, wo ich langgehe, wen ich treffe, was ich unternehme: Heraus kommen mindestens zwei, drei Geschichten, die ich gerne schreiben möchte. Der härtere Prozess ist eigentlich nicht das „Schreiben Wollen“ und „Fasziniert davon sein“, sondern das Selektieren: Was mache ich im Buch und was behalte ich als schöne Geschichte für mich im Hinterkopf? Aber es ist einfach schön, dass man nicht nur ein Leben leben kann. Ich finde das auch bei Schauspielern interessant: Die haben ja viele verschiedene Rollen, in die sie schlüpfen können. Aber als Autor hat man noch viel, viel mehr und man kann vor allem entscheiden, was diese Rollen so machen, was die Figuren anstellen sollen. Diese Vielfalt ist natürlich toll!

Svenja: Da bin ich auf jeden Fall ganz bei dir – das ist ja auch genau das, was mich am Lesen so fasziniert. Du bist ja in erster Linie als Autorin auf der Buchmesse unterwegs, aber wirst du auch ein bisschen Leser sein und vielleicht die ein oder andere Lesung besuchen – oder bleibt dafür eher keine Zeit?

Mary Cronos: Für Lesungen bleibt nicht so viel Zeit. Ich habe zum Beispiel gerade eine Autorenkollegin getroffen, die nachher eine Lesung hat und ich habe versprochen, dass ich versuchen werde, zu ihr zu kommen. Wenn man jemanden kennt, dann möchte man natürlich dabei sein und hören, wie derjenige sich anstellt – aber es bleibt verblüffend wenig Zeit. Es ist so viel, was man in diesen wenigen Tagen machen kann, möchte und muss, dass es sehr schwer ist, zu selektieren. Ich nehme mir jedes Mal vor, selbst auch Lesungen zu besuchen, ich bin schließlich selbst ein leidenschaftlicher Fantasy-, Krimi- und Thriller-Leser. Ich meine zu Herrn Fitzek – das Thema hatten wir ja vorhin schon – möchte ich natürlich auch. Vielleicht wenigstens von dem einen oder anderen größeren Autor etwas signiert bekommen. Ich liebe es einfach, ein signiertes Buch in der Hand zu halten. Aber es ist sehr schwierig, das mit den anderen Terminen zu vereinbaren und das Geschäftliche steht nun einmal im Vordergrund.

Svenja: Apropos: Dein erster Roman, „Nafishur“, ist im Fantasy-Genre angesiedelt. Hast du dich bewusst für dieses Genre entschieden oder kam es einfach so über dich?

Mary Cronos: Die Idee zu „Nafishur“ ist fast zehn Jahre alt. Zu Beginn meines Studiums war da diese Idee, die lustigerweise aus einem Rollenspiel entstand. Ich habe zu dieser Zeit RPGs gespielt (vielleicht sagt das ja dem einen oder anderen etwas). Das sind diese Forenrollenspiele, bei denen man sozusagen ein Drehbuch schreibt. Jeder übernimmt eine andere Rolle und man „schreibt“ sich praktisch gegenseitig – so entstehen die Geschichten. Ich selbst habe mir am Anfang vor allem Rollenspiele zu „Vampire Diaries“ und „Twilight“ ausgedacht, die ich dann zusammen mit anderen gespielt habe. Irgendwann hieß es dann: „Wir wollen nicht immer nur „Twilight“ und „Vampire Diaries“ spielen – kannst du dir nicht mal was Neues ausdenken?“ Und dann habe ich zusammen mit zwei Freunden gespielt und sie gefragt: Was wollt ihr denn sein? Ich war völlig genrefrei. Die eine Freundin sagte: „Natürlich ein Vampir“ (wir waren etwas geprägt in der Zeit). Und die andere meinte darauf: „Vampir wäre schon toll, aber Hexe irgendwie auch.“ Warum nicht einfach beides? Als Dritte im Bunde konnte ich ja nun nicht auch noch „Vampir“ sagen, obwohl ich es gerne gewesen wäre, also sagte ich: „Okay, dann bin ich Hunter und jage euch lieber.“ Und so waren die Charaktere Dariel, Cara und Ginga geboren. Dariel sollte übrigens ursprünglich nicht überleben - jetzt hat er ein eigenes Buch und ich schreibe die gesamte Geschichte seinetwegen gleichzeitig aus zwei Perspektiven. Eigentlich sollte er innerhalb des ersten Kapitels sterben, weil er als Hunter versucht, die Vampire umzubringen und es ihm nicht gelingt.

Svenja: Das klingt auf jeden Fall abgefahren :D – also kam die Idee zu einem Roman praktisch völlig unerwartet beim Spielen über dich?

Mary Cronos: Ja, es ist einfach aus diesem Spiel und dieser spontanen Idee heraus entstanden. Vor „Twilight“ und all diesen anderen Sachen war ich eigentlich nie Fantasy-Leser – natürlich abgesehen von „Harry Potter“. Wer hat „Harry“ nicht gelesen? Das war sozusagen das One-and-Only und ansonsten habe ich eigentlich nur klassische Krimis gelesen. Erst mit „Twilight“ kam dieser Gedanke auf, diese Vampir-Orientierung. Das hat uns dann aber bald nicht mehr gereicht und deshalb diese Ausweitung und diese total neue Welt.

Svenja: Was für eine coole Geschichte! Wie viel Zeit ist denn dann vergangen, von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript? Und was war das für ein Gefühl, endlich das fertige Buch in den Händen zu halten?

Mary Cronos: Oh wie das war – hmm! Das Buch in der Hand zu halten, war einfach ein wahnsinnig toller, wahr gewordener Traum. Ich glaube, das ist der Moment, in dem jedem Autor die Pipi in den Augen steht. Einfach berührend. Das Buch ist so etwas wie ein Baby, das man manchmal ja sogar jahrelang mit sich herumträgt – in meinem Fall ja wie gesagt fast 10 Jahre. Am Anfang stand ja nur diese Idee, die zunächst lediglich ein Rollenspiel war. Da hatte ich noch nicht den Plan, daraus ein Buch zu machen. Aber diese Idee wurde immer komplexer und komplexer und irgendwann habe ich mir gedacht: Eigentlich wäre es schade, wenn man nicht mehr aus der Geschichte macht. Und so fing ich an, die Geschichte zusammen mit einer Freundin zu planen. Das Buch wollten wir eigentlich gemeinsam schreiben, aber sie hat es dann zeittechnisch leider nicht geschafft. Also fing ich alleine an zu schreiben, was jetzt auch schon wieder 6 oder 7 Jahre her ist. Während des Studiums hatte ich dann einfach nicht viel Zeit und so habe ich stattdessen alle Bände geplant. Insgesamt werden es ja 2 Mal 7 Bände – da kommt also ein bisschen was auf euch zu! Und ich verspreche euch, dass ihr diesmal nicht so lange auf die Folgebände warten müsst. Der erste Teil ist ja nun schon eine Weile draußen. Leider kam mein Examen dazwischen und so war es ein bisschen schwierig, nebenbei noch die Bücher voranzubringen. Deshalb hat sich alles ziemlich in die Länge gezogen, aber dadurch war es auch ein sehr spannender Prozess. Und: Ich habe jetzt die gesamte Reihe komplett geplant, ich muss sie nur noch schreiben.

Svenja: Vor dieser Arbeit, der gesamten Planung im Vorfeld, hätte ich vermutlich auch den größten Respekt.

Mary Cronos: Allein das Storyboard – ist einfach unglaublich lang. Ich habe, glaube ich, 200 bis 300 Seiten nur zum Entwurf der Welt. Wie sie beschaffen ist, von der Dichte des Planeten und dessen Umlaufgeschwindigkeit um seine Sonne bis hin zu Sternbildern, politischem System, Gesetzen, Strafsystem, Natur, Tiere, Pflanzen – alles! Ich habe mir wirklich alles neu ausgedacht – Religion, Philosophie, Lebenseinstellungen und selbst Schöpfungstheorien. Es ist einfach irre. Und ich weiß auch noch gar nicht, wie viel davon ich letztlich in den Büchern aufgreifen kann. Aber allein das umfassende Wissen von dieser Welt sorgt dafür, dass man im Prinzip viel realistischer schreibt. Ich merke das jetzt beim zweiten Band: Ich bin wirklich komplett in dieser anderen Welt drinnen und laufe dort gedanklich mit lang. Ich sehe sie richtig, kann sie riechen, schmecken…

Svenja: Bleiben wir doch gleich mal bei der fremden Welt Nafishur - Der Klappentext klingt ziemlich mysteriös und macht Lust auf mehr. Kannst du mir vielleicht kurz und knapp erzählen, was den Leser erwartet und was die Geschichte ausmacht?

Mary Cronos: „Nafishur“ ist eine High-Fantasy-Reihe, die als klassischer Vampirroman zu beginnen scheint. Es beginnt praktisch mit einer Geschichte um Vampire, die irgendwie nicht ganz normal sind, mit denen irgendetwas nicht stimmt, und einen Hunter, der der Meinung ist, dass alle Vampire gleich sind und einfach nur geköpft oder gepfählt werden müssen. Er merkt jedoch ziemlich schnell, dass er bei diesen Vampiren an seine Grenzen stößt, weil er zum Beispiel nicht damit gerechnet hat, dass sie ihre Gestalt ändern können, mit Feuerbällen nach ihm werfen und ähnliches – wo Vampire doch eigentlich selbst ein eher schlechtes Verhältnis zu Feuer haben. Ich glaube, daran merkt man dann schon, dass „Nafishur“ keine so ganz normale Vampirgeschichte ist.
© Mary Cronos
Die ersten beiden Bände, die man bisher lesen kann, sind sozusagen das Vorspiel, das „Praeludium“. Der Handlungsort ist hier noch Paris – ich bin damals extra hingeflogen, um die Locations selbst auszukundschaften. Ab dem zweiten Band geht es dann tatsächlich in diese fremde Welt, eine Parallelwelt zu unserer. Sie ist unserer Welt in vielen Dingen ähnlich, es gibt zum Beispiel viele Mythologien hier, die dort begründet sind (wie Atlantis und Stonehenge), und es gibt dort wiederum Legenden, die hier begründet sind, sodass die beiden Welten doch in gewisser Weise miteinander verknüpft sind. Und: Nafishur besteht rein aus Magie. So gibt es etwa das Feuerreich mit Menschen, die sich selbst entzünden können, und dazu passenden Tieren und Pflanzen. Jedem Reich in Nafishur liegt sozusagen ein anderes Element zugrunde und dieses jeweilige Element prägt dort alles und sorgt für das Gleichgewicht.
Das ist die Grundlage für die Story und unsere Helden, auf die man in den ersten beiden Bänden trifft, müssen diese neue Welt dann kennenlernen.

Svenja: Du hast ja schon einmal kurz angeschnitten, dass die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt wird. Vielleicht kannst du nochmal kurz erzählen, was genau dich an dieser Methode gereizt hat?

Mary Cronos: Ganz am Anfang hatte ich ja wie gesagt eine Freundin, mit der zusammen ich die Grundidee entwickelt habe. Unser genialer Plan war, dass ich Dariels Part schreibe und sie Caras, sodass es dann wirklich zwei verschiedene Personen sind, die die Geschichte schreiben. Leider habe ich ja dann letztlich doch beide Teile allein geschrieben, aber ich habe mir große Mühe gegeben, Cara und Dariel als zwei unterschiedliche Personen darzustellen. Ich finde es einfach interessant, sich die jeweils andere Perspektive vorzustellen. Wir kennen das ja aus unserem eigenen Leben – dafür muss ich keine Bücher lesen. Wenn ich einen Streit habe, wenn ich mit jemandem rede, wenn ich verliebt bin – was auch immer -, ich gehe immer von meiner Perspektive aus und frage mich nie: Wie sieht das eigentlich der andere? Und genau diese Frage stellt man sich, wenn man aus zwei Perspektiven erzählt. Bei Cara und Dariel ist das eben besonders interessant. Die beiden werden kein Liebespaar, es ist also nicht so, dass ich ein Pärchen von beiden Seiten beleuchte. Es gibt ja noch die dritte Figur, das ist Ginga – Caras beste Freundin –, und sagen wir, Dariel weiß noch nicht so genau, was sie für ihn ist. Anfangs wollen sie sich gegenseitig umbringen, aber wie das so oft ist: Leidenschaften können schon auch einmal ins Gegenteil umschlagen. Und dadurch, dass man die beiden Perspektiven hat, merkt man eben, dass Cara Dariel misstraut und sich ständig fragt: „Was ist das eigentlich für ein Typ – der wollte uns umbringen und warum ist der jetzt bei uns? Was soll das?“ Während Dariel wiederum denkt: „Die wollten mich umbringen!?“ Beide haben praktisch diesen Konflikt und diese Zweifel und so merkt man, wie sie vorsichtig aufeinander zugehen und sich kennenlernen. Als Autor kann man da viel ausprobieren und für den Leser ist es wiederum schön, dass er entscheiden kann, ob er lieber aus einer weiblichen oder einer männlichen Sicht lesen möchte. Man muss nicht beide Perspektiven lesen. Theoretisch reicht es, wenn man den Roman aus einer Perspektive liest, aber man hat natürlich einen besseren Überblick, wenn man beide Teile liest und dadurch viele Kleinigkeiten eher mitbekommt, die ansonsten vielleicht verloren gehen.

© Mary Cronos

Svenja: Der Aufbau der Geschichte klingt auf jeden Fall sehr spannend. Ich persönlich habe dann bei dieser Vorgehensweise manchmal ein Problem damit, dass sich vieles doppelt und die Handlung dadurch stellenweise etwas langatmig ist. Wie ist das bei „Nafishur“?

Mary Cronos: Ich habe von meinen Lesern gehört, dass es am besten ist, mit Dariel anzufangen und dann Cara zu lesen. In dem Fall sei es wohl total in Ordnung. Es gibt natürlich Dialoge, die in beiden Büchern enthalten sind – klar, die beiden reden ja auch miteinander. Aber alleine dadurch, dass es verschiedene Perspektiven sind, passiert viel mehr. Ich schreibe die Dialoge ja nicht nur runter, sondern lasse auch ganz viel im Hinterkopf der jeweiligen Person passieren. So wird es eben doch noch einmal eine andere Geschichte, eine andere Situation. Und natürlich erleben Cara und Dariel auch viel alleine, denn in den ersten Bänden lernen sie sich erst kennen und ab dem zweiten Band haben sie ganz unterschiedliche Aufgaben und sind in Nafishur in verschiedenen Bereichen aktiv. Die Wege kreuzen sich immer mal wieder und sie helfen sich auch gegenseitig, sodass sie schon dieselbe Entwicklung durchmachen, aber sie haben völlig andere Herausforderungen zu meistern. Deswegen ist es schon immer noch einmal etwas anderes, die Geschichte aus einer neuen Perspektive zu entdecken. Letztlich wäre es ja für mich selbst auch langweilig, die komplett gleiche Geschichte noch einmal zu schreiben.

Svenja: Ein kleiner Themenumschwung: Nafishur ist ja doch eine recht fremde Welt - in welche fremden Welten tauchst du denn selbst gerne ein? 

Mary Cronos: Zurzeit natürlich vor allem in Nafishur – so ironisch das auch klingt, denn es ist eben schwierig, viele verschiedene Sachen gleichzeitig zu machen. Ich schreibe ja gerade an den zwei nächsten Bänden von „Nafishur“ und arbeite an einem weiteren Buch für meine Agentur, das dann in den Verlag gehen soll. Ich bin praktisch ein Hybridautor und fange gerade damit an, auch Verlagsbücher zu schreiben. Und damit habe ich schon 3 Bücher und 3 Welten, in die ich eintauchen muss. Ich habe natürlich viele schöne Bücher zuhause liegen und lese auch viele Bücher gleichzeitig – je nach Stimmung. Ich liebe vor allem die Reihe von Ben Aaronovitch, die mit „Die Flüsse von London“ anfängt.

Svenja: An den Büchern bin ich ja leider gescheitert – es hat mich einfach nicht umgehauen.

Mary Cronos: Echt nicht? Mich hat das total umgehauen. Ich bin ja wie gesagt Fantasy- und Krimi-Fan und da ist die Mischung aus beidem für mich natürlich das gelobte Land. Ich finde, dass Ben Aaronovitch unglaublich gut dieses London beschreibt. Ich habe das Gefühl, ich laufe selbst durch die Straßen. Es ist mir nicht zu viel und nicht zu wenig, ich finde es einfach unglaublich authentisch und echt.

Svenja: Das hatte mir wiederum auch ganz gut gefallen, aber ich hatte das Gefühl, dass die magische Welt und die reale Welt in den Büchern irgendwie nicht ganz zueinander gefunden haben.

Mary Cronos: Ich glaube, das ist vielleicht auch ein bisschen das, was er zeigen will, dass es einfach schwierig ist, diese magische Welt mit der anderen zu verbinden. Vielleicht ist das auch gerade die Message dahinter. Im Buch versucht die Hauptperson als Polizist quasi beides miteinander zu verbinden, wobei sein Chef hingegen in erster Linie Magier ist.

Svenja: Na, vielleicht geb ich dem Aaronovitch irgendwann einmal noch eine Chance ;) Erstmal habe ich aber noch eine Frage: Seit mir ein Autor in einem Interview mal gesagt hat, das Buch, das man am liebsten lesen möchte, solle man selbst schreiben, stelle ich diese Frage gern. Also wie sieht das bei dir und „Nafishur“ aus – ist es das Buch, das du am liebsten selbst lesen möchtest?

Mary Cronos: Auf jeden Fall – ja. Ich habe zwar ganz viele Buchideen und all meine anderen Charaktere sind jetzt auch gerade ein wenig sauer auf mich, aber „Nafishur“ begleitet mich einfach schon unglaublich lange und alleine durch diese Zeit kenne ich die Figuren unheimlich gut. Ich möchte es zu gerne lesen und deswegen natürlich auch zu gerne daran schreiben. Das habe ich während meines Examens gemerkt. Meine Examensarbeit habe ich – ich hoffe, dieses Interview liest nie einer meiner ehemaligen Dozenten – in zweieinhalb Wochen geschrieben statt in 3 Monaten, weil ich in den anderen zweieinhalb Monaten nur an „Nafishur“ geschrieben habe. Ich habe versucht, es zu verdrängen und ich habe versucht, mir zu sagen: Nein, du schreibst jetzt stur deine Arbeit und wenn die fertig ist, dann, dann kannst du „Nafishur“ schreiben. Tja, ich habe es nicht lange durchgehalten.

Svenja: Ha, das kenn ich von meiner Bachelorarbeit, die ich auch in nur wenigen Tagen statt mehreren Monaten geschrieben habe. :D Bei mir war es natürlich das Lesen! 
Zum Schluss würde ich gerne noch auf das Thema Buchblog zu sprechen kommen. Du selbst suchst den direkten Kontakt zu Bloggern in den sozialen Netzwerken – so haben wir uns ja auch kennengelernt. Wie wichtig findest du als Autor die Zusammenarbeit mit Bloggern und auch den Kontakt zum und den intensiven Austausch mit dem Leser?

Mary Cronos: Sehr wichtig! Mir macht das auch total viel Spaß. Ich finde es schön, dass es inzwischen immer mehr zum Usus wird, dass sich die Autoren öffnen. Das ist Teil unserer immer transparenter und globaler werdenden Welt. Man ist einfach so schön miteinander vernetzt und ich glaube, die Bloggerszene ist da eine faszinierende Mischform, die eben versucht, aus dem „Leser-Sein“ heraus eine gewisse Professionalität an den Tag zu legen und da eben eine Verbindung zu schaffen. Deswegen macht mir das Spaß und ich meine, ich habe eben noch nicht den Namen „Fitzek“ oder „J. K. Rowling“ – dann würdet ihr wahrscheinlich einfach zu mir kommen. Aber ich muss euch erst noch ein wenig von „Nafishur“ erzählen und wenn euch das dann hoffentlich genauso gut gefällt wie den meisten, die es bisher gelesen haben, dann geht mir das vielleicht irgendwann nach Band 2 oder 3 so, dass ihr mich dann nach einem Interview fragt. Dann freu ich mich auch sehr und werde immer versuchen, das möglich zu machen, weil ich das einfach toll finde. Der Austausch macht großen Spaß.

Svenja: Umgekehrt ist das natürlich bei mir genauso. Ich finde es auch wahnsinnig toll, dass viele Autoren mittlerweile auf die Blogger zugehen, dass daraus dann oft ein lieber Kontakt steht und man sozusagen eine persönliche Ebene hat. Sodass man sich direkt über das jeweilige Buch austauschen kann, auch wenn mal es kritischere Stimmen sind.

Mary Cronos: Das muss ja letztlich auch sein! Ich möchte ja, dass sich meine Bücher verkaufen und vor allem natürlich, dass ihr Spaß daran habt, sie zu lesen. Was nützt es mir denn, wenn ich sage „Ich will das aber so machen“, das aber dann keinem gefällt? Deswegen finde ich das viel schöner. Ich gebe mir immer Mühe, dass meine Bücher gewissermaßen einen besonderen Touch haben – wie die Methode mit den zwei Perspektiven zum Beispiel. Ich glaube, das gibt es bisher so noch nicht – jedenfalls nicht so exzessiv, dass es zwei eigenständige Bücher sind. Ich habe es von vornherein so geplant und was ich selbst bei Fantasy-Reihen nicht so mag, ist, wenn man merkt, der Verlag wollte aus der Geschichte einfach noch mehr rausholen und hat den Autoren solange bearbeitet, dass er sagt: Okay, ich schreibe halt noch einen weiteren Band und noch einen und noch einen… Diese Fortsetzungen klingen so gewollt, so hintendran gedrängt. Das finde ich dann immer schade. Bei „Nafishur“ ist eben der Vorteil, dass ich während meines Studiums die 2 Mal 7 Bände komplett durchgeplant habe. So sind zum Beispiel schon im ersten Band Andeutungen enthalten, die erst im siebten aufgelöst werden, sodass es einen Bogen über alle Bände hinweg gibt. Ich finde einfach, auch Fantasy braucht Logik und muss nachvollziehbar sein.

Svenja: Hast du dich da vielleicht ein bisschen an Rowling orientiert? Sie hat ja auch die kompletten 7 Bände durchgeplant, bevor sie mit dem Schreiben begonnen hat.

Mary Cronos: Ehrlich gesagt wusste ich das damals noch nicht. Ich würde jetzt natürlich gerne „ja“ sagen. Letztlich merkt man das bei ihr ja auch. „Harry Potter“ ist einfach auch ein Gesamtkunstwerk, dem man wirklich anmerkt, dass das eine auf das andere aufbaut und zusammengehört. Und nicht: Es sollte noch ein bisschen mehr hintendran kommen.

Svenja: Von der Planung her klingt das bei dir und „Nafishur“ auf jeden Fall sehr ähnlich und ich bin unglaublich gespannt darauf.

Mary Cronos: Ich bin auch gespannt! Das ist das Schöne am Schreiben. Meine Charaktere überraschen mich immer wieder, tun Dinge, mit denen ich nicht rechne und die ich nicht geplant habe. Ich gebe mir Mühe, dass ich im Großen und Ganzen dahin komme, wo ich am Ende hin möchte, damit das Gesamtkonzept aufgeht, aber es ist oft genug so, dass Cara nach links geht, wenn ich sage: Geh doch mal nach rechts! Die Charaktere machen wirklich, was sie wollen, und dabei entstehen dann ganz andere Sachen. Wie gesagt, Dariel sollte bei dem Versuch, Ginga und Cara umzubringen, sterben. Stattdessen hat er ein eigenes Buch bekommen.

Svenja: Also gibt man als Autor ab und an die Führung ab und überlässt es der Geschichte, sich selbst weiterzuentwickeln? 

Mary Cronos: Ja, ich finde einfach, in dem Moment, in dem man die Figuren in seine Geschichte zwingt, wird die Handlung steif und die Dialoge wirken unecht. Das sind die Momente, in denen ich als Leser immer aus einem Buch aussteige, weil ich einfach merke, dass das Ganze konstruiert ist und so nicht passt. Es ist manchmal so, dass eine Figur viel lebendiger wird, als man das geplant hat und dann hat man zwei Möglichkeiten: Sie zurückzuschneiden und damit aber das Buch wahrscheinlich in seiner Leidenschaft zu töten und sich dabei auch selbst den Spaß am Schreiben zu nehmen, oder man lässt sich darauf ein und ist einfach gespannt, wo das Ganze hinführt. Du wirst es nicht glauben, aber obwohl ich die Autorin bin, weiß ich auch noch nicht zu 100 Prozent, was passiert. Meine Figuren überraschen mich da immer wieder.

Svenja: Wow – das klingt alles wirklich unglaublich spannend und du hast mich auf jeden Fall neugierig auf die Geschichte gemacht. Ich glaube, wir haben auch schon eine ganze Weile geredet (tatsächlich waren es übrigens 27 Minuten und 52 Sekunden). 

Mary Cronos: Ich kann dir höchstens noch von einem Special erzählen, das man nicht sieht und das auch nicht groß beworben wird. Es ist sozusagen eine Überraschung. Meine Bücher haben noch eine weitere Besonderheit: In ihnen sind QR-Codes versteckt. Wenn ihr die mit dem Handy oder Tablet einscannt, dann landet ihr auf versteckten Seiten meiner Autorenseite und dort findet ihr Interviews mit meinen Figuren, Illustrationen, Fotos von den Locations und viele weitere schöne Sachen. Ihr bekommt also lauter Insider-Infos und ab dem zweiten Band wird es dann auch so sein, dass ihr euch anschauen könnt, wie Nafishur aussieht. Ich bin ja auch als Künstlerin tätig und kann das mit den Illustrationen schön verbinden.

Svenja: Was für eine coole Idee! Gefällt mir wirklich unglaublich gut und ich bin schon sehr gespannt, wie sich das Ganze dann in die Geschichte einfügt. Und damit möchte ich dir herzlich für dieses ellenlange und dabei wirklich ehrliche, offene und unterhaltsame Interview danken!

Wenn ihr nach dem Interview genauso neugierig seid wie ich auf Mary Cronos' Reihenauftakt Nafishur - Praeludium, dann könnt ihr euch noch einmal ausgiebig auf ihrer *Autoren-Website* umsehen. Das Buch durfte übrigens schon bei mir einziehen - in nicht allzu ferner Zukunft erwartet euch also auch die Rezension! Danke für's Lesen ;)

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