Sonntag, 19. März 2017

REZENSION: "Das Mädchen im Strom" (Sabine Bode)

Copyright Klett & Cotta


Titel: Das Mädchen im Strom
Autor: Sabine Bode
Genre: Roman / Historisch
Verlag: Klett & Cotta
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (20 €)
Seiten: 350
ISBN: 978-3-608-96200-0



In Mainz kennt man die junge Gudrun als eigensinniges und ungewöhnlich schönes Mädchen, das im Rhein hinter den Kohleschleppern hergeschwommen ist und nicht nur ihrer Jugendliebe Martin den Kopf verdrehte. Doch als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, ändert sich für die Jüdin Gudrun Samuel und ihre Familie alles. Als junge Frau versucht sie, für sich und ihre Familie an gefälschte Ausreisepapiere zu kommen und wird erwischt. Nach einem Aufenthalt im Gefängnis gelingt ihr die Flucht in der transsibirischen Eisenbahn nach Shanghai. Unter dem Namen Judy baut sie sich hier ein neues Leben auf und wartet bang auf Nachrichten von ihrer Familie in Deutschland. Doch auch in Shanghai weht bald ein anderer Wind und Judy muss im jüdischen Ghetto ums Überleben kämpfen...

Das Cover wirkt aufgrund der Farbwahl (Grau und Rosa) sehr unscheinbar und leider auch nur wenig ansprechend. Das Motiv - die junge Frau an der Schiffsreling - passt zwar prinzipiell gut zur Geschichte und zur Handlungszeit, weckt aber meiner Meinung nach nicht unbedingt Interesse. Das Cover wirkt auf mich eher wie das eines Sachbuchs - man vermutet nicht unbedingt einen Roman dahinter.

Ich hatte die Chance, den ersten Roman der Sachbuchautorin und Journalistin Sabine Bode im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de zu lesen. Und ich muss sagen, dass mir der Austausch in der Gruppe speziell bei diesem Buch sehr gut getan hat. Warum? Vor allem, weil die Autorin mittels einiger Leerstellen und strikt abgearbeiteter Fakten Raum für Diskussion und Spekulation lässt. Einerseits ist das gerade bei diesem Thema, dem Zweiten Weltkrieg und der Judenverfolgung im Dritten Reich, ein sehr guter Ansatz. Andererseits blieb dabei leider das Emotionale auf der Strecke und ich für meinen Teil fühlte mich am Ende informiert, aber nicht berührt.

Aber der Reihe nach: Sabine Bode erzählt in Das Mädchen im Strom chronologisch die Lebensgeschichte ihrer fiktiven Protagonistin Gudrun Samuel, einer in Mainz aufgewachsenen Jüdin aus gutem Hause. Das Ganze ist aufgebaut wie eine Biografie und so ist es tatsächlich durchgehend Gudrun, die im Fokus steht. Über sie erfährt man eine ganze Menge, man schaut ihr beim Aufwachsen zu, verfolgt ihre erste Liebesbeziehung mit dem jungen Martin und beobachtet beeindruckt, wie sie nach der Machtübernahme der Nazis ein besseres Leben für sich und ihre Familie zu organisieren versucht. Im Prinzip ist Gudrun eine bewundernswerte, starke und außergewöhnliche junge Frau, deren Leben anfangs vielleicht von einem wohlhabenden, behüteten Elternhaus, später aber von großen Verlusten, Leid und Verzicht geprägt ist.

Gudrun ist eine vielschichtige, bemerkenswerte Person mit einer bewegten Lebensgeschichte - sympathisch war sie mir allerdings nie so wirklich. Sicher, für ihre Stärke und ihren Mut habe ich sie bewundert, emotional konnte ich aber einfach keine Bindung zu ihr aufbauen. Sie bleibt in gewissem Maße unerreichbar, unnahbar und als Leser hat man das Gefühl, nur von außen auf sie zu schauen. Es gab im ganzen Buch leider nur wenige Stellen, die mich richtig berührt und emotional mitgenommen haben und das ist angesichts der Thematik eigentlich erstaunlich. Ich hatte das Gefühl, dass Bode weniger Mitgefühl und Solidarität für ihre Heldin hervorrufen, sondern vielmehr schlicht und ergreifend eines von vielen möglichen Schicksalen junger Frauen (Jüdinnen) während des Zweiten Weltkriegs und danach porträtieren möchte.

Dazu passt auch der durchgehend nüchterne, sehr sachliche und geradlinige Erzählstil. Gudruns Erlebnisse und die zeitgeschichtlichen Ereignisse stehen im Vordergrund, Gefühle und das Innenleben der Figuren treten in den Hintergrund. Abgesehen von Gudruns bester Freundin Margot und ihrer Mutter Helene bleiben die meisten anderen Personen, denen sie im Laufe der Jahre begegnet, in gewisser Weise schattenhaft und oberflächlich. Ihnen fehlt es an Tiefe und so fiel es mir während der Lesens sogar schwer, mich an bestimmte Charaktere zu erinnern. Erschwert hat mir der nüchterne Erzählstil das Lesen überhaupt, die fehlende Kennzeichnung der wörtlichen Rede (für mich stets ein großer Minuspunkt bei Romanen und Erzählungen) lässt das Zwischenmenschliche irgendwie auf der Strecke bleiben. Man erfährt dabei auch nicht, wie eine Person etwas gesagt hat - das bleibt allein der Fantasie überlassen. Generell hatte ich das Gefühl, die Autorin überlässt zu viel dem Leser. Sie liefert die Informationen, das Grundgerüst - den Rest erledigt der Rezipient mithilfe seiner Vorstellungskraft. Über diesen Ansatz kann man sich sicherlich streiten, meinen Geschmack trifft der Stil allerdings nicht.

Grundsätzlich hat mich Gudruns Geschichte schon interessiert, vor allem weil sie einen (für mich) neuen Blickwinkel auf den Zweiten Weltkrieg eröffnet. Gudrun gelingt nach ihrer Festnahme die Flucht nach Shanghai, wo die Lebensumstände jedoch auch alles andere als gut sind. Ich fand es sehr spannend, das Kriegsgeschehen von dieser Metropole aus zu beobachten, in der auch Gudrun schlimme Jahre des Gefangenseins erlebt. Allerdings hat mich Bodes Art, diese Informationen in einer fiktiven Geschichte zu sammeln und zu verarbeiten, leider überhaupt nicht gefesselt. Alles in allem liest sich Das Mädchen im Strom einfach wie ein Sachbuch oder eine sehr trockene Biografie und hat es einfach nicht geschafft, mich in dem Maße zu erschüttern und gefangen zu nehmen wie das andere Bücher zum Thema Zweiter Weltkrieg getan haben.

Das Grundgerüst von Sabine Bodes Roman Das Mädchen im Strom ist durchaus überzeugend, die Lebensgeschichte des starrsinnigen Mädchens Gudrun außergewöhnlich. Gefesselt, mitgerissen, berührt, bewegt, schockiert und einfach abgeholt - all das hat das Buch zumindest bei mir allerdings nicht erreicht. Die Autorin schreibt mir persönlich zu nüchtern, zu distanziert und so bleiben die Figuren ohne emotionale Tiefe, die Geschichte wirkt trocken und leider etwas lieblos erzählt. Deswegen hat mich Das Mädchen im Strom insgesamt doch sehr enttäuscht.



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