Montag, 13. März 2017

REZENSION: "Das Glück der kleinen Augenblicke" (Thomas Montasser)

Copyright Thiele Verlag


Titel: Das Glück der kleinen Augenblicke
Autor: Thomas Montasser
Genre: Roman
Verlag: Thiele Verlag
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Gebundene Ausgabe (20,00 €)
Seiten: 300
ISBN: 978-3-851-79362-8

Als die junge Lektorin Marietta Piccini per Zufall ein unvollständiges Manuskript in die Hände fällt, ist sie sich sicher, ein literarisches Juwel gefunden zu haben. Dieses Werk muss einfach verlegt werden! Die Sache hat nur einen Haken:  sie weiß nicht, wer der Autor ist. Ab sofort investiert sie all ihre Zeit in die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller. Basierend auf den Hinweisen im Roman folgt sie seinen Spuren quer durch London.

Das Cover würde ich als süß und erfrischend beschreiben. Als Buchliebhaber identifiziert man sich sofort mit dem abgebildeten Mädchen. Denn wir alle versinken ständig in guten Geschichten.

Das Erste, was mir aufgefallen ist, waren die schöne Formulierung und Verknüpfung der Wörter zu einem Gesamtgebilde. Die Sprache ist poetisch, verschnörkelt (im Sinne von ausschweifend) und teilweise sehr verschachtelt. Der nachdenkliche, pointierte Erzählton hat mich sehr an Romane von Nicolas Barreau und Valérie Tong Cuong erinnert, sodass er sich in meinen Augen zu einem "typischen Thiele-Verlag-Stil" (bzw. Hoffmann & Campe) entwickelt. Ich persönlich mag diese Art sehr gerne, denn sie zeugt von der Wortgewandtheit eines Autors, welche das Aushängeschild eines literarischen Werkes ist. Dieser Roman lebt definitiv von der Sprache. Dessen sollte man sich beim bzw. vor dem Lesen bewusst sein. Denn wenngleich durchaus durch Mariettas "Ermittlungsarbeit" etwas passiert, ist die Handlung insgesamt nicht sehr spannungsgeladen. Der Roman gehört eher zur "philosophischen" Sorte. Aufgrund der Verschachtelung bzw. Überlagerung verschiedener Erzählebenen ist er sehr komplex, allerdings gewährleistet die farbliche Abhebung der eigentlichen Handlung vom Geschehen des Manuskripts die Übersichtlichkeit. Durch die Kombination fällt es auch gar nicht großartig auf, dass es im Grunde nur sehr wenige zentrale "real" existierende Personen gibt: Marietta, ihr Verleger John Thornton und dessen Frau Violet sowie (zumindest teilweise) Mariettas Nachbar Dylan. Der sagenumwobene Romanautor bleibt ein Phantom, an dessen Stelle sein fiktiver Alter Ego Paul Swift tritt. Paradoxerweise ist es ausgerechnet Paul, der am umfassendsten charakterisiert wird. Man erfährt viel über seine Mentalität, seine Vorlieben und Macken. Darauf basierend lernt man die anderen Akteure kennen, denn sie erkennen sich teilweise in ihm wieder (z.B. "drehen" Paul und John beide "Däumchen"). Dieses subtile Hindeuten auf das Identifikationspotenzial von fiktiven Charakteren fand ich großartig
Dennoch muss ich gestehen, dass mir die Figuren nicht wirklich unter die Haut gegangen sind. Sie sind zwar allesamt liebenswerte, leicht träumerische, realitätsferne Persönlichkeiten, was ich durchaus mag, aber keine von ihnen konnte mich fesseln. Vielleicht fehlten mir dazu einfach ein paar Ecken und Kanten.
Ich hatte allerdings auch den Eindruck, als würden weniger die Personen im Vordergrund stehen, als vielmehr deren Überlagungen und Weltanschauungen (das meinte ich oben mit "philosophisch"). Durch diese wird der Roman zu einer Liebeserklärung in zweierlei Hinsicht: zum einen an die zahlreichen Autoren, die unermüdlich und mit Leidenschaft ihre Geschichten schreiben und nicht aufgeben, selbst wenn ihre Manuskripte nicht veröffentlicht werden. Eben diese unveröffentlichten Zeilen sind es, die in Thomas Montassers Geschichte eine tragende Rolle spielen und zum roten Faden werden. Sei es, weil die sorgfältigt getippten Worte eines anonymen Autors Marietta, John Thornton und Violet in Atem halten, oder weil Marietta sich eine Bibliothek unveröffentlichter Entwürfe zusammengestellt hat (in der ich nur zu gerne einmal stöbern würde) -im Buch jedenfalls ist das geschriebene Wort omnipräsent. Und wo könnte sich ein Buchliebhaber besser aufgehoben fühlen, als in einer solchen literaturliebenden (fiktiven) Gesellschaft?
Zum anderen ist es eine Liebeserklärung an das Unglück, an Rückschläge, an die Momente im Leben, in denen alles schief geht und man einfach nur frustriert aufschreien möchte. Das mag zunächst befremdlich klingen, aber wenn man den Roman gelesen hat, dann macht diese Aussage durchaus Sinn. Im Endeffekt kommt es nämlich immer darauf an, wie man mit der Situation (oder in diesem Fall eher Pechsträhne) umgeht: resigniert man oder versucht man, das Positive darin zu sehen? Paul Swift, der Protagonist des Manuskripts, verkörpert genau diese Einstellung. Seine Freundin verlässt ihn? Nun gut, dann beweist das nur, dass sie vielleicht einfach nicht zueinander gepasst haben und er nur weitere Jahre einer Beziehung gewidmet hätte, die früher oder später zerbrochen wäre. Sämtliche seiner Schallplatten wurden auf der einen Seite zerkratzt? Sehr ärgerlich, aber immerhin ist die B-Seite noch intakt. Endlich schenkt er wieder Liedern Aufmerksamkeit, die er sich viel zu selten angehört hat. Manche mögen ihn als unverbesserlichen Optimisten abtun, aber ich für meinen Teil kann nicht leugnen, dass seine Haltung etwas Inspirierendes hat. Ich wünschte, ich wäre in der Beziehung genauso wie er. Eben aufgrund dieser Erkenntnis war die Geschichte letzlich lesenswert.

"Sie ist weder grazil noch perfekt gekleidet, sie schminkt sich kaum und entspricht vielleicht nicht einmal sehr dem Schönheitsideal. Doch sie trägt ihre Seele mit aller Eleganz durchs Leben, zu eder ein Mensch nur fähig ist - zu der nur eine Frau fähig sein kann. Denn wenn auch etwa Intelligenz, Bildung und Empathie Frauen und Männer gleichermaßen zieren, so sollten Männer darüber hinaus vor allem Haltung zeigen und einen Sinn für Selbstironie, der ihre natürliche Lächerlichkeit relativiert. Frauen aber sind zur Anmut fähig. Sie vervollkommnet sie ..." (S. 264) 

Das herausragendste Merkmal des Romans ist seine malerisch formulierte, wortgewandte Prosa und der Fokus auf das Thema Literatur, wodurch ich als Buchliebhaberin mich sofort "zu Hause" gefühlt habe. Leider fehlte mir jedoch der intensive emotionale Bezug zu den Figuren, welcher meiner Begeisterung einen kleinen, aber entscheidenden Dämpfer verpasst hat.



Vielen Dank an den Thiele Verlag und Lovelybooks für das Exemplar!

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