Sonntag, 5. März 2017

REZENSION: "Das Erbe der Elfen (Die Hexer-Saga #1)" (Andrzej Sapkowski)

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Titel: Das Erbe der Elfen
Autor: Andrzej Sapkowski
Genre: Fantasy
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2009
Format: Broschierte Ausgabe (14,90 €), E-Book
Seiten: 380
ISBN: 978-3-423-24754-2

Seit dem Überfall auf Cintra gilt Prinzessin Cirilla als vermisst. Niemand weiß, was mit ihr passiert ist. Doch allmählich verbreitet sich das Gerücht, sie wäre noch am Leben. Verborgen vor den Augen der Menschen, Zwerge und Elfen ist Ciri bei Geralt von Riva aufgewachsen, seines Zeichens Hexer und als solcher vielerorts verachtet, gefürchtet und gehasst. Doch wider des allgemeinen Vorurteils entpuppt sich Geralt als fordernder, aber rücksichtsvoller Vormund.
Als ein Fremder Nachforschungen über seinen Zögling anstellt und dabei über Leichen geht, fürchtet Geralt um sein gut gehütetes Geheimnis. Und scheinbar ist er nicht der Einzige, der Interesse an der verwaisten Prinzessin hat, denn in ihr scheinen ungeahnte Kräfte zu schlummern, die die Zukunft ganz Temeriens beeinflussen können. Für den Hexer steht fest: Wenn er Ciri in Sicherheit wissen will, muss er herausfinden, wer ihre Verfolger sind - und notfalls seinem Ruf als Meister der Klinge und skrupelloser Mörder gerecht werden.

Es ist vielleicht nicht das aufregendste Cover, aber in Anbetracht des Genres passend, auch wenn es 'kriegerischer' aussieht, als die Handlung eigentlich ist.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich ein wenig skeptisch gegenüber den Romanen gewesen bin. Als Fan der Witcher-Videospiele konnte ich mir kaum vorstellen, dass die literarische Vorlage die düstere Atmosphäre einfangen und der Spannung, Komplexität, Dynamik und dem (Spiel-)Spaß gerecht werden könnte. Ich wurde eines Besseren belehrt! Ich kann vollkommen nachvollziehen, warum jemand basierend auf Sapkowskis Fantasy-Reihe eine Videospiel-Serie entwickelt hat. Sowohl der Plot als auch die Charaktere und der Weltentwurf mit seinen über- und widernatrülichen Wesen liefern ausreichend interessanten Stoff.
In diesem ersten Band erhält man quasi eine Einführung in die Welt und die wichtigen Personen, von denen es eine Fülle gibt, sowie deren Beziehungen untereinander. Ich weiß nicht, ob man dem wirklich folgen kann, wenn man die Spiele nicht kennt, aber ich finde schon, dass Sapkowski einen sehr guten Eindruck von den einzelnen Akteuren vermittelt hat. Für mich war es eher ein Wiedersehen mit alten Bekannten: abgesehen von Geralt stehen der Trombadour Rittersporn, die Zauberinnen Yennefer und Triss Merigold, Ciri, Foltest... die Liste könnte ich immer weiter führen. Den Einzigen, den ich vermisst habe, ist der Scoia'tael Iorweth, für den zugegebenermaßen eine Schwäche habe. Ich hoffe, er hat demnächst seinen großen Auftritt (wahrscheinlich muss ich mich bis zum dritten Band gedulden).
Dank der Vielzahl an Charakteren sieht man sich auch mit einem äußerst komplexen Beziehungsgeflecht konfrontiert. Nur nach und nach dröselt man auf, wer mit wem, wann und warum in welcher Weise verbunden war oder ist. Das kann verwirrend sein, aber hier kann im Notfall das Witcher-Wiki Abhilfe verschaffen. Natürlich gibt es auch hier amouröse Anwandlungen, aber in der Hinsicht wird es zu keinem Zeitpunkt kitschig oder überdramatisch. Soll heißen: es gibt keine herzerwärmenden Liebesbekundungen oder große romantischen Gesten. Wie tief (und verzwickt) die Gefühle bestimmter Personen (u.a. Geralts und die gewisser Zauberinnen) füreinander sind, muss man sich aus dem Subtext erschließen. Und soll ich ehrlich sein? Das gefällt mir verdammt gut! Es verleiht dem Ganzen deutlich mehr Authentizität und Reife. Allgemein ist mein Eindruck von der Charakterisierung der Figuren sehr positiv, da man sie in einem Umfang und von einer Seite kennenlernt, die ein Spiel nicht in Gänze transportieren kann. Geralt straft seinem Ruf als gewissenloser Auftragsmörder eindeutig Lügen, denn er erscheint mir hier deutlich sanfter. Er ist zwar immer noch mürrisch und verschlossen, aber er zeigt - besonders gegenüber Ciri - viel Einfühlungsvermögen. Außerdem mag ich seine Ehrlichkeit und Direktheit: er beschönigt nichts, steht für seine Fehler und akzeptiert, was bzw. wer er ist. 
Auch Yennefer und Triss Merigold sind mir dank Sapkowskis Ausführungen deutlich sympathischer geworden, denn wenn ich ehrlich bin, war ich ihnen gegenüber immer etwas negativ gestimmt. Sie sind trotz ihres häufig kühlen Auftretens äußerst empfindsam und ich bin gespannt, wie sich das Verhältnis der drei weiterentwickeln wird. 
Mein einziger Wertmutstropfen beim Lesen war, dass sich die Story sehr langsam entfaltet. Es gibt nicht sonderlich viele actionreiche Momente, dafür sehr viele Dialoge und Wissensinput. Das ist natürlich notwendig, um die erwähnte Einführung in die komplexe Welt mitsamt seiner Historie zu ermöglichen. Ein Pluspunkt ist, dass ich dadurch neue Hintergrundinfos zum Spiel erhalten habe (ich neige dazu, Texte in Videospielen mehr zu überfliegen), was der Geschichte mehr Tiefgang verleiht. Bisher ist das Geschehen jedoch noch mehr oder weniger undurchsichtig. Es gibt ein paar kryptische Andeutungen (durch Ciris Visionen) und die Grundsteine für zukünftige, dramatische Ereignisse sind gelegt, an aufrührenden Momenten mangelt es jedoch noch. Dennoch ist die Geschichte super und fesselnd erzählt. Sapkowski hat einen angenehmen Stil und ein Gespür für Feinheiten. Außerdem verleiht er der Erzählung - trotz aller Fantasyelemente - eine gewisse Authentizität. Das liegt zum Teil an seinen Formulierungen. Besonders die wörtliche Rede ist sehr realistisch wiedergegeben, d.h. mit abgehackten und/oder unvollständigen, manchmal scheinbar unzusammenhängenden Sätzen und Sprechpausen. Das ist nicht Jedermanns Sache, und für gewöhnlich mag ich das auch nicht sonderlich, hier hat es mich weniger gestört. 

Alles in Allem hat Das Erbe der Elfen meine Erwartungen übertroffen. Durch die ausführlichen, liebevollen Beschreibungen der Figuren und ihrer Beziehungen sowie der komplexen Welt hat sich meine Begeisterung für und Liebe zur Witcher-Reihe nur verstärkt - auch wenn die Action noch steigerungsfähig ist. Aber nicht nur für Fans des Videospiels ist die Fantasy-Reihe eine Lektüreempfehlung, denn man kann sie auch ohne Vorkenntnisse genießen. 



 

5 Kommentare:

An Chan hat gesagt…

Huhu,

ich habe, nachdem mir The Witcher 3 auf der PS4 so gut gefallen hat, auch mit den Büchern von Sapkowski angefangen. Bisher habe ich allerdings nur die Kurzgeschichtenbände gelesen, die Hauptreihe lese ich im Laufe dieses Jahres noch. :) Ich bin schon gespannt, wie es mir gefallen wird. Die Kurzgeschichten fand ich jedenfalls überwiegend gelungen und ich war überrascht, wie gut sie die düstere Atmosphäre hervorrufen, die man auch aus den Videospielen kennt.

LG Alica

Katharina P. hat gesagt…

Hallo Alica,
da werde ich ja direkt neidisch. "The Witcher 3" habe ich immer noch nicht gespielt, da ich PC-Zockerin bin und mein aktueller Laptop einfach nicht die nötigen technischen Voraussetzungen erfüllt. Solange ich keinen neuen habe, wird das wohl auch nix -.-"
Die eine Kurzgeschichtensammlung "Der letzte Wunsch" habe ich auch schon gelesen. Für jemanden, der Witcher 1 & 2 kennt, ist das genial, weil die einzelnen Geschichten quasi die Aufgaben sind, die man im Videospiel zu meistern hat. Da schwelgt man sofort in Erinnerungen :-D

Liebe Grüße,
Katha

An Chan hat gesagt…

Ich hab sozusagen hinten angefangen mit den Videospielen: Erst The Witcher 3 auf der PS4 und aktuell sitze ich noch an The Witcher 2 am Laptop, aber das hakt etwas oft, das ist nervig. >.>

"Der letzte Wunsch" habe ich auch gelesen. Die Geschichten konnte ich mir beim Lesen auch sehr gut als Aufgaben im Spiel vorstellen. :D Außerdem habe ich noch "Das Schwert der Vorsehung" und "Zeit des Sturms" gelesen. Letzteres war etwas zäh, aber "Das Schwert der Vorsehung" hat mir auch sehr gut gefallen. Meine Mutter hat die ganze Reihe, daher leihe ich mir die 5 Hauptbände bald mal von ihr aus. ^^

LG Alica

Katharina P. hat gesagt…

Also ich hab jetzt mit "Zeit der Verachtung" angefangen, also Band 2. Ich bekomme die auch ausgeliehen, allerdings von ner Freundin^^ Aber ich find's genial, dass deine Mom die Bücher hat. Habt ihr allgemein denselben Geschmack in punkto Büchern?
Dass das Spiel hackt, ist wirklich doof. Nichts ist nerviger als ein ruckelndes Spiel. Liegst's am PC oder am Spiel?

Liebe Grüße,
Katha

An Chan hat gesagt…

Ja, meine Mutter liest vor allem High-Fantasy, durch sie bin ich überhaupt dazu gekommen, so viel und gerne Fantasy zu lesen. :) Zwar hat sie hauptsächlich ältere Reihen, aber ich leihe mir immer wieder gerne etwas von ihr aus.

Ich glaube es liegt am PC, der ist jetzt auch schon ein paar Jährchen alt und spinnt seit einiger Zeit immer öfter rum... >.> Ich fürchte für Videospiele taugt er nicht mehr so gut...

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