Montag, 6. März 2017

REZENSION: "Das Buch der Spiegel" (E. O. Chirovici)

Copyright Goldmann Verlag


Titel: Das Buch der Spiegel
Autor: E. O. Chirovici
Genre: Krimi
Verlag: Goldmann
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (20,00 €)
Seiten: 384
ISBN: 978-3-442-31449-2



Als Peter Katz, ein New Yorker Literaturagent, eine Mail des Autors Richard Flynn erhält, ist er sofort Feuer und Flamme. Sie enthält die ersten Kapitel von Flynns Manuskript, in denen er von seiner Zeit als Student und der Ermordung des renommierten Psychologie-Professors Joseph Wieder berichtet. Der Fall liegt mehr als 25 Jahre zurück und wurde nie aufgeklärt - will Flynn, der unheilbar an Krebs erkrankt ist, den Mörder entlarven oder gar selbst den Mord gestehen? Während seiner Nachforschungen muss Peter feststellen, dass Flynn bereits verstorben und der Rest des Buches verschwunden ist. Fasziniert von dem mysteriösen Mordfall, begibt er sich selbst auf Spurensuche und stößt schon bald auf den Namen Laura Baines: Eine ehemalige Studentin Wieders und eine enge Vertraure des Professors, von der Flynn behauptet, sie sei seine Freundin gewesen. Hat der Fall vielleicht etwas mit ihr und dem verschollenen Manuskript Joseph Wieders zu tun?

Das Cover ist der absolute Hammer! Ich finde es großartig, weil es so mysteriös und blutig wirkt und schon verdeutlicht, dass jede Geschichte immer zwei Seiten hat. Symbolisch und bildlich absolut gelungen.

Das Buch der Spiegel ist der erste Roman in englischer Sprache des rumänisch-stämmigen Autors E. O. Chirovici. Bei der Aufmachung hat der Verlag auf jeden Fall alle Register gezogen, denn ich konnte an diesem Cover und dem rätselhaften Klappentext einfach nicht vorbeigehen. Ob sich das gelohnt hat? Den Einstieg fand ich auf jeden Fall etwas holprig, denn man lernt den vermeintlichen Protagonisten Peter Katz zwar kurz kennen, nach wenigen Seiten liest man aber erstmal "gemeinsam mit ihm" das Manuskript von Richard Flynn und taucht in dessen Erinnerungen ein. Chirovici gelingt es hier ziemlich gut, einem fiktiven Autor eine Stimme, eine Geschichte und einen eigenen Schreibstil zu geben - ein Kniff, den nicht unbedingt jeder Schriftsteller beherrscht.

Auch die Ausgangssituation ist spannend: Flynn nimmt in seinem angeblich autobiographischen Werk Bezug auf den Mord an dem Princeton-Professor Joseph Wieder Ende der 1980er Jahre und deckt gleichzeitig seine eigene Beziehung zu dem Mann auf. Die Krux dabei: Weder Katz noch der Leser selbst weiß, inwiefern Flynns Schilderungen der Realität entsprechen und an welcher Stelle er seine Fantasie spielen lässt. Es beginnt also eine spannende Spurensuche nach dem verschwundenen Rest des Manuskripts, nach den Personen, die damals von der Polizei verdächtigt wurden, und bald auch nach einem zweiten verschollenen Buch. Dem Buch, dessen Veröffentlichung Wieder vor seinem Tod plante, das danach aber nie erschien.

Besonders spannend wird die Geschichte vor allem durch die Befragungen der verschiedenen Personen, die alle irgendwie zu lügen scheinen und teilweise feindselig auf Katz' Fragen reagieren. Der Roman ist aufgebaut wie ein klassischer Krimi, die Handlung eher gemächlich. In der Mitte war sie mir sogar einen Ticken zu gemächlich und langatmig, hier hätte ich mir noch mehr Geheimnisse und vielleicht ein bisschen mehr Action gewünscht. Ansonsten finde ich Chirovicis Stil aber einfach unglaublich gut und bemerkenswert. Der Kreis der Verdächtigen ist von Anfang an limitiert, doch immer wenn man denkt, Katz stünde kurz vor der Auflösung, wird alles wieder über den Haufen geworfen. Falsche Spuren verlaufen im Sand, neue Fährten tun sich auf - und das ist sehr spannend mitzuverfolgen.

Der Fokus liegt durchgehend auf dem Mordfall, das Privatleben der Ermittler wird kaum thematisiert. Und damit wäre ich schon an dem Punkt, der Das Buch der Spiegel meiner Meinung nach so besonders macht. Denn Peter Katz ist nicht der einzige Ermittler. Der Literaturagent bittet den befreundeten Journalisten John Keller um Hilfe, aus dessen Sicht die Geschichte anschließend erzählt wird. Dieser wiederum wendet sich im Zuge seiner Recherchen an den pensionierten Polizisten Roy Freeman, der den Mord an Wieder damals untersuchte und immer noch daran zu knabbern hat, dass er den Fall nie aufklären konnte. Im letzten Drittel des Romans übernimmt er das Ruder. Ich finde dieses Konzept wahnsinnig faszinierend, denn jede der drei Personen bringt andere Ideen und Gedanken zu dem Fall mit und konzentriert sich auf Dinge, die sein Vorgänger völlig aus den Augen verloren hat.

Ich muss allerdings sagen, dass mich des Rätsels Lösung am Ende nicht so umgehauen hat wie die mühsame Schnitzeljagd davor. Ich finde, bei dieser Geschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes eher der Weg das Ziel. Die Methoden der unterschiedlichen Ermittler und die Vergangenheit der Verdächtigen hat mich mehr mitgerissen als am Ende die Aufklärung des Mordfalls. Was ich wiederum grandios finde: Nicht auf alle Fragen findet Freeman am Ende auch eine Antwort. Einige Widersprüche bleiben und so ist es am Leser, die Geschichte weiterzuspinnen. Auf jeden Fall ein raffinierter Zug des Autors!

Ich verneige mich vor Chirovicis Fähigkeiten als Autor, denn stilistisch gesehen ist sein Roman Das Buch der Spiegel ein schlichtweg genialer Krimi - so raffiniert erzählt, dass ich trotz der im Mittelteil etwas zähen Handlung nicht aufhören konnte zu lesen. Der Fall selbst hätte für meine Begriffe packender und mysteriöser sein können, insgesamt aber hat mich dieses Buch wirklich überzeugt und ich bin sehr gespannt auf weitere Werke aus Chirovicis Feder.



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