Mittwoch, 22. März 2017

REZENSION: "AchtNacht" (Sebastian Fitzek)

Copyright Droemer Knaur


Titel: AchtNacht
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Thriller
Verlag: Droemer Knaur
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Klappenbroschur (12,99 €)
Seiten: 416
ISBN: 978-3-426-52108-3



Was würdet ihr tun, wenn es eine Todeslotterie gäbe und ihr eine ungeliebte Person als vogelfreies Mordopfer für eine Nacht nominieren könntet? Am 8.8. um 08:08 Uhr beginnt die AchtNacht, in der ein Mensch straffrei getötet werden kann - ein Internetphänomen, das bald schon bitterer Ernst wird. Denn als Anreiz versprechen die anonymen Betreiber der Seite demjenigen, der den sogenannten Achtnächter zur Strecke bringt, eine Belohnung von 10 Millionen Euro. Wie viele Menschen werden sich wohl auf die Jagd begeben? Und wem steht die gefährlichste Nacht seines Lebens bevor?

Das Cover gefällt mir insgesamt ziemlich gut - dass es ein Fitzek ist, kann man jedenfalls nicht übersehen. :D Von der Gestaltung her passt es natürlich perfekt zur Handlung und die dunklen Farben lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Thriller handelt. Wie immer ein absoluter Eyecatcher vom Droemer Knaur Verlag.

Wer sich schon immer gefragt hat, was wohl dabei herauskommt, wenn ein Thrillerautor, der für seine abgedrehten und schaurigen Ideen bekannt ist, sich einen Horrorfilm wie "The Purge" anschaut, der bekommt hier die Antwort: AchtNacht. Der neue Roman von Sebastian Fitzek ist inspiriert von eben genanntem Blockbuster und mir war von vornherein klar: Wenn sich der Fitzek dieses brisanten und verstörenden Stoffes annimmt, kann das nur gut werden. Übrigens finde ich es super sympathisch, dass er sowohl vor der eigentlichen Geschichte als auch im Nachwort darauf eingeht, dass die Idee zu seinem neuen Thriller aus einem aktuellen Film stammt. Intertextualität ist schließlich ein wesentliches Merkmal unserer Kultur und vor allem Literatur und das hat nichts mit "Ideenklau" oder dergleichen zu tun, sondern mit Rezipieren und Weiterentwickeln. Also schon mal Chapeau an Herrn Fitzek, dass er sich auf diesen Stoff eingelassen hat.

Was ist die Grundidee? Natürlich erzählt Fitzek "The Purge" nicht neu, sondern greift die verstörende Zukunftsvision einer "Säuberung" oder auch "Menschenjagd", die einmal im Jahr stattfindet, um den Drang der Menschen zur Gewalt zu befriedigen, auf und entwickelt sie weiter. In AchtNacht heißt es nicht "Alle gegen alle", sondern "Alle gegen einen". Dahinter steht die Frage, ob die Möglichkeit, einen ungeliebten Menschen als vogelfrei zu erklären und ein astronomisches Kopfgeld auf ihn auszusetzen, die niedersten Instinkte in den Menschen wecken und sie zu skrupellosen Jägern, zu Killern machen kann. Was als psychologisches Experiment beginnt, wird in Fitzeks Roman gefährliche Realität und gipfelt schließlich in die sogenannte AchtNacht, die Nacht, in der eine ganze Nation hinter einem zufällig ausgewählten Opfer herjagt.

Was sich wie ein ziemlich schräges und extrem brutales Computerspiel anhört, ist tatsächlich ein so verstörendes Konzept, dass es einem schon vor dem Lesen einen Schauer über den Rücken jagt. Denn man weiß von Anfang an: Aus der Luft gegriffen ist das absolut nicht. Im Gegenteil - wir leben in einer Welt, in der das Internet zur gefährlichen Waffe werden kann, Cybermobbing, Darknet. Hier ist einfach alles möglich. Wenn also eine Seite mit der Aussicht auf eine saftige Belohnung zur Ächtung und am Ende sogar Ermordung einer Person aufruft - ist das nicht möglich? Ich denke: Absolut! Wie schnell ein solches Experiment außer Kontrolle geraten könnte, zeigt Fitzek auf äußerst mitreißende, verstörende, brutale und absolut packende Art und Weise.

An der Seite des diesjährigen Achtnächters Ben hetzt man als Leser atemlos durch diese völlig verrückte, unglaubliche Nacht - auf der Flucht von einem wütenden Mob, der dank des Internets stets auf dem Laufenden und Ben fast immer einen Schritt voraus ist. Und auf der Flucht vor kranken Menschen, die die AchtNacht nutzen wollen, um ihre perversen Triebe zu befriedigen und ein unvorstellbar grausames Spiel zu spielen. Eigentlich endet jedes Kapitel damit, dass sich die Situation für Ben, der es auch so schon nicht leicht im Leben hat, noch weiter zuspitzt. Und ich kann euch sagen: Leichte Kost ist das nicht! Natürlich fließt jede Menge Blut, brutale Übergriffe werden erschreckend plastisch dargestellt. Aber auch andere Themen spricht Fitzek in seinem Roman an. Themen wie Menschenhandel, Kinderprostitution, Kindesmissbrauch, Folter. Ich muss sagen, kein anderer Thriller hat mir bisher seelisch so weh getan.

Fitzek führt einem also mal wieder die dunkelsten Abgründe der menschlichen Psyche vor Augen und das so auf so anschauliche, schmerzliche Weise, dass zumindest ich stellenweise emotional total am Ende war. Auch die wilde Verfolgungsjagd lässt einen natürlich nicht zu Atem kommen - der gesamte Roman umfasst nicht einmal einen ganzen Tag. Die Situation spitzt sich Seite um Seite weiter zu, man verfolgt praktisch live mit, wie das Ganze vollkommen außer Kontrolle gerät. Man ist mittendrin und fragt sich immer wieder: Wie krank können Menschen eigentlich sein?

Anders als die meisten seiner Romane ist Fitzeks neues Buch kein reiner Psychothriller, sondern überraschend anders. In manchen Dingen bleibt er zwar seinem Schema treu (Protagonist, der eher durch Zufall in das Ganze hineingerät und während seiner Flucht denunziert wird, Tochter, die irgendwie in das Visier der Killer gerät), aber diese Motive sind nun mal typisch für Fitzek. Ansonsten ist der Thriller derart mitreißend, dass man ihn einfach in einem Rutsch durchlesen muss. Und am Ende kommt natürlich alles anders, als man glaubt. Lasst euch überraschen und auf jeden Fall auf diese wilde Verfolgungsjagd ein!

AchtNacht ist ein Pageturner, ein packender Thriller, hinter dem eine erschreckende (eine erschreckend vorstellbare!) Idee steckt. Was Fitzek aus dieser Idee gemacht hat, haut mich wirklich um. Für mich ist es sein bisher intensivstes, grausamstes und fesselndstes Buch und es zeigt eindrucksvoll, wie man einen schon vorhandenen Stoff nehmen und so umformen kann, dass er sein eigener wird. Herr Fitzek, Sie haben mich wieder einmal überrascht und komplett überzeugt!



5 Kommentare:

Lottasbuecher hat gesagt…

Liebe Svenja,
Ich danke dir herzlich für deine tolle Rezension. Ich habe mir vorgenommen nach meiner aktuellen Lektüre den neuen Fitzek zu lesen und war aber noch ein bisschen skeptisch. Dann kam deine Rezension. Toll. Ich habe jetzt hohe Erwartungen und freue mich sehr auf das Buch. 😬

Liebst, Lotta

Kitty hat gesagt…

Hallo liebe Svenja, :)
Ich habe das Buch gerade fertig gelesen und auch gerade schon meine Rezension abgetippt. Auf der Suche nach anderen Meinungen bin ich auf deine Rezension gestoßen und sehr froh, dass dich das Buch so begeistern konnte. :)
Bei mir ist es leider nicht so gut angekommen, aber das ist gar nicht schlimm. Dafür wird der nächste Fitzek wieder besser. ;)
Ich habe deine Rezension bei mir verlinkt. Ist das okay für dich?
Deine neue Leserin
Kitty ♥

Svenja Prautsch hat gesagt…

Hallo Kitty :)

Das ist natürlich absolut okay - vielen Dank dafür :) Schade, dass dich das Buch nicht so packen konnte, woran lag es denn?

Liebe Grüße
Svenja

Kitty hat gesagt…

Es war mir leider viel zu langweilig, zu vorhersehbar und mit den vielen Figuren konnte ich mich auch nicht anfreunden. Ich habe es echt versucht, es zu mögen, aber leider konnte ich das nicht. :/

Svenja Prautsch hat gesagt…

Aber da sieht man mal wieder, wie die Meinungen auseinander gehen. Ich fand es nun gar nicht langweilig, dafür traf "Das Paket" nicht ganz meinen Geschmack. :P

Liebe Grüße
Svenja

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