Sonntag, 26. Februar 2017

REZENSION: "Young Elites #1 - Die Gemeinschaft der Dolche" (Marie Lu)

Copyright Loewe Verlag


Titel: Young Elites - Die Gemeinschaft der Dolche
Autor: Marie Lu
Genre: Fantasy
Verlag: Loewe
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Hardcover (18,95 €)
Seiten: 416
ISBN: 978-3-7855-8353-1


Als vor vielen Jahren das gefürchtete Blutfieber in Kenettra wütete, wurden einige Kinder gezeichnet und verfügen fortan über außergewöhnliche Kräfte. Unter ihnen ist auch die 16-jährige Adelina, die auf der Flucht vor ihrem jähzornigen Vater entdeckt, dass sie Illusionen heraufbeschwören kann, um ihre Gegner zu verwirren. Aufgrund ihrer Macht wird schon bald die Gemeinschaft der Dolche auf sie aufmerksam, eine Geheimgesellschaft, die die sogenannten Begabten versammelt, trainiert und auf den Kampf gegen den König vorbereitet. Ihr Anführer, der sich selbst "der Schnitter" nennt, trainiert Adelina höchstpersönlich und erkennt, dass ihre Kräfte ungewöhnlich mächtig sind. Wenn sie nicht lernt, sie zu kontrollieren, könnte sie auch der Gemeinschaft der Dolche zum Verhängnis werden...

Das deutsche Cover von Young Elites gefällt mir ziemlich gut, weil es mystisch und geheimnisvoll wirkt und man sich das Mädchen auf dem Bild sehr gut als Adelina vorstellen kann. Ich mag vor allem auch den Kontrast zwischen dem dunklen Hintergrund und dem beinahe weißen Haar. Ein sehr gelungenes Cover, das zur Geschichte passt.

Marie Lus dystopische Jugendbuchreihe Legend hat mir unglaublich gut gefallen und da stand es für mich außer Frage, dass ich auch ihren neuen Roman Young Elites - Die Gemeinschaft der Dolche unbedingt lesen muss. Dabei handelt es sich um den ersten Teil einer Fantasy-Trilogie, für die Lu erneut eine völlig neue, faszinierende Welt entworfen hat, inspiriert vom Italien des Mittelalters. Die Namen, die Orte, die Landschaften und auch die Gesellschaft in Kenettra: All das hat mich an das alte Venedig oder Florenz erinnert. Um dieses Grundgerüst herum hat Lu eine fantastische, magische Welt kreiert, die mich von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen hat. In der kurzen Autorenbeschreibung auf dem Einband steht, dass Marie Lu ein großer Fan von "Assassin's Creed" ist und das merkt man auf jeden Fall ganz deutlich. Weil sie ihre Fantasy-Welt Kenettra auf historische Orte aufbaut, wird sie besonders authentisch und plastisch, sodass man komplett in sie eintauchen kann.

Obwohl ja Fantasy nicht direkt mein Genre ist, haben mich auch die fantastischen Elemente in Young Elites begeistert. Die Begabten, die ihre Kraft aus der Energie der Menschen ziehen und damit je nach Fähigkeit zum Beispiel den Wind oder das Feuer kontrollieren oder eben wie Adelina Illusionen heraufbeschwören können, sind einfach wundervoll entworfen und dabei keine aalglatte Helden, sondern ambivalente Charaktere, die für ihr oberstes Ziel (den König zu stürzen) alles tun würden. Die Beschreibungen der übernatürlichen Kräfte haben mich ebenso fasziniert wie das gesamte Konstrukt der Elite, die an einem Lusthof im Verborgenen operiert und neue Mitglieder rekrutiert. Gleichzeitig greift Lu auch einen Aspekt auf, der zurzeit in vielen Jugendbuchreihen und Dystopien eine Rolle spielt: Die Malfettos (wie man die vom Blutfieber Gezeichneten nennt) werden von der Regierung als Sündenböcke missbraucht, gejagt, auf Scheiterhaufen verbrannt und ausgegrenzt. Das hat mich nicht nur an die Judenverfolgung (auch schon im Mittelalter, etwa in Venedig) erinnert, sondern auch an Geschichten wie Das Feuerzeichen, Flawed und Infernale.

Lu gelingt es in Young Elites außerordentlich gut, diesen ernsten Stoff (die Verfolgung der Minderheiten) in einen fantastischen Kontext zu setzen und so regt er zum Nachdenken an, reißt einen aber gleichzeitig absolut mit. Die Handlung selbst mag nicht unbedingt außergewöhnlich und einzigartig sein - schließlich geht es ja wieder einmal darum, Gleichgesinnte zu vereinen und den König zu stürzen, um selbst an die Macht zu kommen und bessere Lebensbedingungen für die Malfettos zu schaffen -, ist aber mit der geheimnisvollen Welt und den unglaublich gut gezeichneten Charaktere so genial herausgearbeitet, dass man das Buch einfach durchgehend gerne liest.

Die große Stärke der Geschichte sind jedoch (wie das auch schon bei Legend war) die Charaktere. Mit Adelina hat Lu wieder einmal eine starke, aber vor allem ambivalente Protagonistin geschaffen, die man bewundert, bedauert, aber stellenweise auch fürchtet und sogar abscheulich findet. Adelina ist alles andere als eine glatte Heldin und ist nicht nur äußerlich (sie hat aufgrund des Fiebers nur ein Auge und langes, weißes Haar) als Hauptfigur außergewöhnlich. Grundsätzlich war sie mir schon sympathisch, allerdings wird sie so von ihrer dunklen Macht beherrscht, dass ich teilweise richtiggehend schockiert war von ihrem Handeln und von ihren grausamen Gedanken. Vor allem gegen Ende war ich hin- und hergerissen und wusste nicht, ob ich Mitleid mit ihr empfinden oder sie hassen soll. Ebenso ging es mir auch mit dem Gegenspieler der Dolche, Teren, dem obersten Inquisitor, und mit dem Anführer der Gemeinschaft - dem Schnitter. Lus Figuren sind nicht einfach nur gut oder böse, schwarz oder weiß: Sie alle sind facettenreich und rufen beim Leser ganz widersprüchliche Gefühle hervor. Das hat mich sehr beeindruckt, weil es für einen Jugendroman doch ungewöhnlich ist und weil es die Geschichte tiefgründiger und düsterer macht.

Auch Lus Schreibstil hat mich wieder durch das Buch getragen und die Perspektivwechsel haben dafür gesorgt, dass man eben nicht uneingeschränkt auf Adelinas Seite steht, sondern sie auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und beurteilt. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich aber und das ist genau das, was mich auch bei Legend gestört hat: Lu konzentriert sich gerne auf Details, legt den Fokus auf die Gefühls- und Gedankenwelt der Charaktere. Grundsätzlich ist das großartig und verleiht der Geschichte Tiefe, allerdings hatte ich auch hier wieder das Gefühl, dass sich Lu ein wenig verrennt und so fand ich die Handlung stellenweise etwas langatmig. Das Meiste passiert (wie auch bei Legend) eben am Ende und ich hätte mir gewünscht, dass die Spannung und die Action ein wenig besser verteilt gewesen wären. Ansonsten ist die Die Gemeinschaft der Dolche aber ein wirklich gelungener, packender Reihenauftakt und ich bleibe auf jeden Fall dran.

Young Elites - Die Gemeinschaft der Dolche lebt von der genial entworfenen, plastischen Welt Kenettra und den facttenreichen, ambivalenten Charakteren. Beides gibt der ansonsten eher geradlinigen Handlung Tiefe und Originalität. Marie Lu gelingt es auch hier wieder, den Leser mit ihrer Detailgenauigkeit in ihren Bann zu ziehen, verliert sich aber stellenweise in ausladenden Beschreibungen, sodass die Handlung sich hier und da etwas zieht. Das ist aber mein einziger Kritikpunkt, ansonsten hat mich der Trilogie-Auftakt wirklich begeistert.



Die Reihe:

1. Band: Young Elites - Die Gemeinschaft der Dolche
2. Band: Young Elites - Das Bündnis der Rosen (Herbst 2017)
...ein weiterer Band folgt

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