Donnerstag, 23. Februar 2017

REZENSION: "Painting Marlene" (Sabine Ludwig)

© Oetinger Audio
Titel: Painting Marlene
Autor: Sabine Ludwig 
Genre: Jugendroman / Thriller
Verlag: Oetinger Audio (nur noch als Download erhältlich)
Sprecher: Tanja Geke, Jona Mues
Erscheinungsjahr: 2015
Format: Hörbuch (14,99 €), Klappenbroschur, eBook
Länge: 303 Minuten (384 Seiten), gekürzte Lesung
ISBN: 9783837362800

Nach dem Tod ihres Vaters zieht die 18-jährige Marlene in dessen ehemalige Wohnung, um endlich unabhängig von ihrer Mutter zu sein und ihr eigenes Leben zu leben. Gemeinsam mit ihren besten Freunden Rike und Georgie verbringt Marlene ihre Freizeit hauptsächlich auf Partys, nicht zuletzt, um endlich ihrem Schwarm Jasper näherzukommen. Doch irgendetwas an der Wohnung ihres Vaters ist merkwürdig - vor allem das Porträt, das Marlenes Vater einst von ihr anfertigte und das das einzige Erinnerungsstück an ihn ist. Irgendwie scheint sich Marlenes Ebenbild auf der Leinwand zu verändern, gleichzeitig fühlt sie sich verfolgt. Doch wer ist der Stalker - der widerliche Hausmeister Wedau, Georgie oder vielleicht sogar Jasper?

Das Cover ist düster und wirkt mit dem nur zur Hälfte zu sehenden Gesicht im Vordergrund geheimnisvoll und bedrohlich. Es passt also gut zur Geschichte, auch wenn ich es trotzdem etwas unauffällig und unkreativ finde.

Geschichte und Erzählstil

Painting Marlene von Sabine Ludwig lag nun schon eine halbe Ewigkeit auf meinem SuB - dem Buch ging es jetzt endlich mittels Hörbuch an den Kragen. ;) Fasziniert haben mich an der Geschichte von Anfang an die Parallelen zu Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray. Denn im Mittelpunkt der Handlung steht, wie der Titel ja bereits vermuten lässt, ein Porträt der 18-jährigen Protagonistin Marlene, das sich seit ihrem Einzug in der ehemaligen Wohnung ihres Vaters verändert. Anders als bei Wilde hat es damit aber nichts Übersinnliches auf sich. Während Marlene anfangs an sich selbst zweifelt und ihre Mutter sie für psychotisch hält, weiß man als Leser eigentlich von Beginn an, dass Marlene einen Stalker hat, der sich in ihrer Abwesenheit Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft und das Gemälde manipuliert, um sie zu verängstigen und in seine Arme zu treiben.

Ein wirklich spannendes Konzept und eine interessante, moderne Interpretation von Wildes Romanstoff. Faszinierend ist auch das Konstrukt, das Ludwig um diese Idee herum aufbaut: Irgendwie scheint jeder in Marlenes näherem Bekannten- und Freundeskreis etwas zu verbergen, ihr etwas zu verschweigen und so ist es unmöglich, zu durchschauen, wer der mysteriöse Stalker ist. Das ist ziemlich geschickt aufgebaut und erinnert an einen Kriminalroman, denn es gibt recht viele falsche Spuren und auch Marlene tappt lange im Dunkeln. Sie selbst ist als junge Protagonistin ziemlich gut getroffen: Noch ganz schön grün hinter den Ohren, naiv und dabei doch entschlossen, auf eigenen Beinen zu stehen und unabhängig von ihrer Mutter zu sein.

Die Handlung braucht jedoch eine ganze Weile, um in Fahrt zu kommen, und baut sich Stück für Stück auf. Einerseits ist das authentisch, denn Marlene weiß ja lange nicht, dass sie gestalkt wird, bis sich schließlich die merkwürdigen Begebenheiten häufen und das sich ständig verändernde Bild sie in den Wahnsinn treibt. Andererseits hätte ich mir schon mehr Nervenkitzel gewünscht. Die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich hauptsächlich mit Marlenes Auszug, ihrer Schwärmerei für den gutaussehenden Jasper und ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, die nicht gerade begeistert davon ist, dass Marlene in die alte Wohnung ihres Vaters zieht. Hier hätte es einfach weniger Teeniedrama und ein bisschen mehr Thrill sein dürfen.

Dass der Stalker die ganze Zeit über in Marlenes Nähe ist und sie ab dem Tag ihres Auszugs beobachtet, weiß man trotzdem. Einmal durch die subtilen Hinweise, die kleinen Veränderungen, die man als Leser eher wahrnimmt als Marlene, und einmal durch den Perspektivwechsel innerhalb der Handlung. Die Kapitel werden nämlich immer wieder durch kleine Sequenzen unterbrochen, in denen Marlenes Stalker zu Wort kommt und in seinem Tagebuch festhält, was er getan hat und wie er über sie denkt. Ludwig legt dem Unbekannten dabei Worte in den Mund, die einen einfach schaudern lassen. Man weiß sofort, dass Marlene es mit einem Wahnsinnigen, einem psychisch kranken Menschen zu tun hat, der vor allem aufgrund seiner eigenen Vergangenheit besessen von ihr als reinem, unschuldigen Wesen ist. Hier geht Ludwig tief hinein in die Psyche eines Stalkers und das reißt einen als Leser unglaublich mit. Trotz der sich eher träge entwickelnden Handlung ist die Spannung also unterschwellig immer da, der Horror subtil, aber fesselnd. Das hat mit wiederum sehr sehr gut gefallen.

Bis zum Ende hatte ich wirklich keine Ahnung, um wen es sich bei Marlenes Stalker handelt, denn Ludwig wählt die Hinweise so geschickt, dass sie auf alle potentiellen Verdächtigen passen. Als sich die Handlung ganz zum Schluss jedoch zuspitzt, fällt es einem wie Schuppen von den Augen und es wird klar, dass alles in diese Richtung führte. Natürlich möchte ich nicht mehr dazu verraten, aber ich kann euch sagen: Das Ende ist auf jeden Fall gelungen und ziemlich überraschend.

Sprecher:

Painting Marlene wird von Tanja Geke und Jona Mues gelesen und ich kann nur sagen: Meine Güte, was für eine grandiose Umsetzung! Zum einen finde ich Tanja Gekes Stimme und ihre Interpretation von Marlene einfach fantastisch - man nimmt ihr den störrischen und später auch verängstigten Teenie komplett ab. Sie legt noch einmal eine ordentliche Portion Spannung und Emotion in die Handlung. Und dann sind da die Passagen, die Jona Mues liest - in der Rolle des Stalkers. Alter Schwede, als ich seine Stimme zum ersten Mal gehört habe, habe ich richtiggehend Panik und auf jeden Fall eine Gänsehaut bekommen. Er als der verrückte Stalker passt einfach wie die Faust aufs Auge, denn er spricht die Worte so bedrohlich und grausam, dass man sich direkt verstecken möchte. Davon werde ich garantiert noch Alpträume bekommen!

Painting Marlene ist ein klug erzählter und interessant gesponnener Jugendroman, der die fesselnde Geschichte eines jungen Mädchens und ihres Stalkers erzählt. Ich war wirklich fasziniert von Sabine Ludwigs Ideen und regelrecht schockiert von der grausam-grandiosen Vertonung. Allerdings hätte die Handlung für meinen Geschmack noch ein wenig rasanter und packender sein können. Ansonsten kann ich euch das Hörbuch aber auf jeden Fall empfehlen - sowas habt ihr noch nicht gehört!



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