Freitag, 17. Februar 2017

REZENSION: "Mein schlimmster schönster Sommer" (Stefanie Gregg)

Copyright Aufbau Verlag


Titel: Mein schlimmster schönster Sommer
Autor: Stefanie Gregg
Genre: Roman
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2017
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 304
ISBN: 978-3-7466-3321-3



Spontan in den Urlaub fahren: Das ist es, was der Arzt Isabel bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus geraten hat. Normalerweise ist das überhaupt nicht ihr Stil, doch was hat sie schon zu verlieren? Also kauft sie kurzentschlossen einen alten VW-Bus samt Fahrer und macht sich an der Seite von Hippie Rasso auf den Weg nach Freilassing. Anschließend will sie weiter in die Provence. Doch es kommt alles anders und ein aberwitziger Roadtrip beginnt, auf dem Isabel lernt, ihr altes versnobtes Leben hinter sich zu lassen und offen zu sein für etwas völlig Neues. Und vielleicht auch für eine neue Liebe...


Das Cover zu Mein schlimmster schönster Sommer gefällt mir ziemlich gut - ziemlich bunt, ziemlich verrückt, ein bisschen abgedreht und dabei Hoffnung gebend. Genauso wie auch Isabels Geschichte ist.

Tatsächlich gibt es bisher eigentlich kein Buch aus dem Berliner Aufbau Verlag, das mich so richtig enttäuscht hat. Vielmehr treffen die meisten der Romane bei mir komplett ins Schwarze. Und weil das so ist, habe ich mich ganz besonders auf Stefanie Greggs neuen Roman Mein schlimmster schönster Sommer gefreut. Der Klappentext hat mich direkt angesprochen und ich habe mich auf einen lustigen, vielleicht auch manchmal absurden Roadtrip an der Seite der todkranken Isabel gefreut. Ob ich mich da zu früh gefreut habe?

Definitiv nein! Denn schon nach den ersten Seiten war mir klar: Das hier ist etwas ganz Besonderes. Wieso? Weil es eine Geschichte ist, die berührend ist, ohne schmalzig zu sein. Die ans Herz geht, ohne übermäßig sentimental zu sein. Die einen zum Lachen bringt, ganz ohne erzwungene Komik. Eine Geschichte, die ganz einfach so ist wie das Leben: Überraschend, dramatisch, alles andere als rosarot und doch so wunderschön.

Es geht zugegebenermaßen um ein Thema, das in der Romanwelt (und vor allem im Jugendbuch-Genre) aktuell sehr präsent ist. Ein Thema, das definitiv wichtig ist, aber zu oft viel zu dramatisch umgesetzt wird. Es geht um Krebs - genauer gesagt um einen männerfaustgroßen Tumor in Isabels, Greggs Protagonistin, Bauch. Ohne unnötiges und ellenlanges Vorgeplänkel wird man als Leser sofort auf den ersten Seiten damit konfrontiert, praktisch in die Situation hineingeworfen - ganz genauso, wie das die Diagnose mit dem Patienten tut. Aber man hat gar keine Zeit, allzu lange darüber nachzudenken, denn schon stürzt sich die eigentlich sehr bodenständige und konventionell veranlagte Isabel Hals über Kopf in ein völlig verrücktes Abenteuer.

Dieser erfrischend andere, klare und von vorne bis hinten ehrliche Erzählstil trägt die Geschichte und macht sie in meinen Augen zu etwas ganz Außergewöhnlichem. Gregg verzichtet einfach auf übermäßige Sentimentalitäten, wie man sie aus anderen Romanen mit diesem Themenschwerpunkt kennt, aber ohne dass die Geschichte dadurch distanziert oder gar kalt wirken würde. Es ist eben, wie es ist, und sowohl Isabel als auch der Leser muss sich damit abfinden. Das ermöglicht es, den folgenden Roadtrip quer durch Bayern so richtig genießen zu können. Wie auch Isabel entspannt man sich schon direkt nach dem spontanen Bullie-Kauf und lässt sich einfach treiben. Dabei jagt eine abstruse Begebenheit die nächste - ob das nun Nackt-Yoga mit einer Gruppe veganer Senioren oder der Urnentransport in Rassos Bullie ist. Dabei wirkt jedoch nichts aufgesetzt, sowohl die Charaktere als auch die Schauplätze und Geschehnisse sind von vorne bis hinten authentisch.

Und dann gibt es da noch einen Autor, auf den Gregg immer wieder diskret anspielt. Ein Autor, der das Lieblingsbuch ihrer Protagonistin Isabel geschrieben hat. Und diese Parallele ist einfach bemerkenswert, denn es handelt sich dabei um Wolfgang Herrndorf (Tschick), der dem Tumor in seinem Gehirn zuvor kam und sich 2013 das Leben nahm. Wenn man Herrndorf und seine Werke kennt, dann merkt man beim Lesen von Mein schlimmster schönster Sommer ganz deutlich, dass sich Stefanie Gregg von ihm hat inspirieren lassen. Keine Resignation angesichts der Krankheit, aber einfach Akzeptanz und (klingt abgedroschen, ist aber so) "das Beste daraus machen". Übrigens fasst es der Titel des Romans auch ziemlich gut zusammen: Dieser Sommer ist der schlimmste für Isabel, weil sie von ihrer Krankheit erfährt und akzeptieren muss, dass sie bald sterben könnte. Aber es ist auch ihr schönster Sommer, weil sie endlich mal richtig lebt, aus ihrem Alltag ausbricht und verrückte Dinge tut, durch sie vor allem sich selbst völlig neu entdeckt. Krebs ist scheiße, keine Frage. Aber dieses Buch zeigt, dass es immer Hoffnung gibt - Hoffnung auf das Leben, das man tief im Inneren führen möchte.

Berührend, tiefgründig, ehrlich und lustig-traurig: Mein schlimmster schönster Sommer von Stefanie Gregg ist ein ganz besonderes Buch, in das ich mich bereits nach den ersten Seiten verliebt habe. Das Thema ist traurig, keine Frage - aber so unglaublich gut umgesetzt, dass man sich einfach mit Isabel freuen muss. Dass sie diese eine Chance nutzt und im Angesicht des Todes endlich das tut, was sie schon lange hätte tun sollen: Leben. Die Geschichte ist einfach inspirierend und Greggs Erzählstil so klar und auf den Punkt, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Ein absolutes Must-Read!



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