Donnerstag, 16. Februar 2017

REZENSION: "Die Therapie" (Sebastian Fitzek)

Copyright Lübbe Audio
Titel: Die Therapie
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Psychothriller
Verlag: Lübbe Audio
Sprecher: Simon Jäger
Erscheinungsjahr: 2007
Format: Hörbuch (10,99 €), TB, eBook
Länge: 300 Minuten (336 Seiten)
ISBN: 978-3-7857-3378-3

Während eines Arztbesuches verschwindet Josy, die 12-jährige Tochter des renommierten Psychiaters Viktor Larenz, spurlos. Auch 4 Jahre nach der Tragödie gibt es noch immer keine Anhaltspunkte für ihren Verbleib. Um endlich mit der Sache abzuschließen, zieht Larenz sich in sein abgelegenes Ferienhaus auf der Nordseeinsel Parkum zurück und arbeitet dort an einem Interview. Doch er wird schon bald gestört und zwar von einer mysteriösen Frau namens Anna Spiegel - eine erfolgreiche Kinderbuchautorin, die unter Schizophrenie leidet und Larenz bittet, sie zu therapieren. Zunächst widerwillig beginnt er mit den Therapiesitzungen, muss jedoch schon bald feststellen, dass Anna Spiegel ein grausames Geheimnis hütet. Eines, dass mit Josys Verschwinden zu tun hat. Die Situation auf der durch einen Sturm völlig abgeschnittenen Insel spitzt sich zu...

Das Cover des Hörbuchs ist das der ersten Ausgabe und deswegen natürlich mittlerweile schon ein wenig überholt. Ich persönlich empfinde es auch als etwas altbacken, was vor allem an den Farben und der überdimensionierten, roten Schrift im Vordergrund liegt. Das Motiv gefällt mir hingegen recht gut und passt zur Handlung.

Geschichte und Erzählstil:

Die Therapie ist Sebastian Fitzeks Debütroman und damit das Buch, das ihn 2006 quasi über Nacht zum Bestsellerautor machte. Das ist schon ein ziemlich beeindruckender Erfolg und ein guter Grund, sich den ersten Psychothriller aus der Feder des "deutschen Meisters" nochmal genauer anzuschauen. Ich selbst habe den Roman zum ersten Mal vor ein paar Jahren gelesen und konnte mich ehrlich gesagt nicht mehr besonders gut daran erinnern. Deswegen habe ich mir kurzerhand das Hörbuch, gelesen von Simon Jäger, geschnappt und bin noch einmal an der Seite von Fitzeks Protagonist Viktor Larenz auf die einsame Nordseeinsel Parkum gereist.

Ausgangspunkt in Die Therapie ist eine Kindesentführung und zwar erlebt man als Leser/Hörer im ersten Kapitel mit, wie Viktor Larenz im Wartezimmer eines Allergologen darauf wartet, dass seine Tochter Josy aus dem Behandlungsraum zurück kommt - was sie jedoch nie tut. Larenz reagiert panisch und bricht schließlich zusammen. Von dort aus springt die Handlung vier Jahre nach vorn und nun befindet man sich zusammen mit Larenz in dessen Ferienhaus auf Parkum, wo er an einem Interview für eine Illustrierte arbeitet. Ab hier, genauer mit dem plötzlichen Auftauchen der Schizophrenie-Patientin Anna Spiegel, wird die Handlung nun stetig verworrener und mysteriöser.

Anna Spiegel fasziniert einen mit ihren Ausführungen zu ihrer komplexen Krankheit (ihre Romanfiguren werden für sie real und tun dann genau das, was sie geschrieben hat) von Anfang an. Als Leser schlüpft man quasi in die Rolle des behandelnden Psychiaters Viktor Larenz und ist ebenso gebannt wie er, als Anna plötzlich von einer ihrer Romanfiguren erzählt, der sie begegnet ist. Es handelt sich hierbei um Charlotte, ein todkrankes Mädchen, das den Ursprung ihrer Krankheit erkunden will und bald schon vermutet, vergiftet zu werden. Die Parallelen zu Viktors Tochter Josy fallen sofort auf und so beginnt man sich zu fragen: Wie kann es sein, dass Anna eine schizophrene Vision von einer realen Person hat? Dazu häufen sich auch auf Parkum die unerklärlichen Geschehnisse und als Leser gerät man ebenso wie Doktor Larenz in einen gefährlichen Strudel aus Wahn und Wirklichkeit. Schon hier gelingt es Fitzek außerordentlich gut, die Grenzen zwischen Psyche und Realität verschwimmen zu lassen und irgendwann kann man einfach nicht mehr sagen, was nun tatsächlich passiert und was der Krankheit Anna Spiegels entspringt.

Zwischendrin springt die Handlung aber auch noch immer wieder zu einer anderen Stelle und zwar in die tatsächliche Gegenwart, in der sich Viktor Larenz als Patient in einer psychiatrischen Einrichtung befindet. Es drängt sich also von Anfang an die Vermutung auf, dass hinter Josys Entführung, ihrer Krankheit, dem plötzlichen Auftauchen von Anna Spiegel und den Ereignissen auf Parkum doch mehr steckt, als es den Anschein hat. Und so ist es auch, denn (mittlerweile kann man ja sagen: wie für Fitzek typisch) das Ende wird tatsächlich mehrmals über den Haufen geworfen und gipfelt dann in einer so wahnwitzigen, aber dabei genialen Auflösung, dass man als Hörer wirklich erst zur Ruhe kommt, wenn Simon Jägers Stimme sagt: "Sie hörten...".

Ich muss allerdings sagen, dass ich Die Therapie beim zweiten Mal Lesen nicht mehr ganz so verstörend und schaurig fand, obwohl ich wirklich nur noch eine vage Vorstellung von der Handlung hatte. Ich glaube, ich weiß mittlerweile einfach, dass es bessere, noch radikalere und abgedrehtere Bücher von Fitzek gibt. Nichtsdestotrotz haben mich die Abgründe, die sich in Die Therapie auftun, und die Komplexität der Schizophrenie auf jeden Fall fasziniert. Und ich kann absolut verstehen, dass Fitzeks Romandebüt eingeschlagen ist wie eine Bombe.

Sprecher:

Ja, was soll ich dazu sagen!? :D Simon Jäger, der unter anderem als deutsche Synchronstimme von Heath Ledger und Matt Damon bekannt ist, liest einfach genial. Es gelingt ihm großartig, bedrohliche, schaurige Situationen perfekt umzusetzen und man ist von Anfang bis Ende in der Handlung gefangen. Es gibt kaum einen Hörbuchsprecher, dem ich so gerne zuhöre. Allerdings hat mir die Produktion selbst nicht ganz so gut gefallen, da Jägers Stimme ab und an ziemlich geschallt hat, als würde er in einer Turnhalle (oder eben im Tonstudio) stehen. Das hätte nicht sein müssen. Ansonsten eine absolut überzeugende Vertonung.

Nicht ganz so schaurig und absurd wie Fitzeks spätere Romane, aber doch ein fesselnder, unvorhersehbarer Psychothriller, der einen in die Abgründe des menschlichen Gehirns entführt: Die Therapie verspricht auf jeden Fall kurzweilige Spannung von vorne bis hinten und ein wirklich unglaubliches, herrlich abstruses Ende. Dazu noch Simon Jägers einzigartige Stimme und fertig ist das Hörvergnügen!



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