Sonntag, 19. Februar 2017

REZENSION: "Der Fürst des Nebels" (Carlos Ruiz Zafón)

Copyright S. Fischer Verlag


Titel: Der Fürst des Nebels
Autor: Carlos Ruiz Zafón
Genre: Schauerroman / Fantasy
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2016 (Original 2010)
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 240
ISBN: 978-3-596-18726-3



Mit seiner Familie zieht Max in ein einsames Haus am Meer, um den Schrecken des Krieges zu entfliehen. Doch dort angekommen, merkt Max schnell, dass irgendetwas mit dem Haus und überhaupt mit der Gegend ganz und gar nicht stimmt. Der kleine Junge, der vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen ertrank, der schaurige Skulpturengarten hinter dem Haus und schließlich der alte Leuchtturmwärter, der von einem grausamen "Fürst des Nebels" erzählt. Gibt es die gruselige Sagengestalt wirklich und wenn ja, wieso ist sie hinter Max' Familie her? Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Alicia und seinem neuen Freund Roland geht Max der Sache auf den Grund und stößt dabei auf eine offene Rechnung und ein verhängnisvolles Versprechen...

Das Cover fängt die düstere Stimmung, die Zafón mit seinen Worten heraufbeschwört, perfekt ein. Der graue Hintergrund und die verwitterte Mauer mit Leuchtturm im Zentrum des Bildes schaffen direkt eine schaurige Atmosphäre und spiegeln auch den Inhalt wunderbar wieder. In meinen Augen ein sehr stimmungsvolles Cover.

Der spanische Autor Carlos Ruiz Zafón ist einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller - sein Roman Der Schatten des Windes war für mich sozusagen der Übergang von Jugendromanen in die anspruchsvollere moderne Literatur. Um seine früheren Werke habe ich bislang aus unerfindlichen Gründen einen Bogen gemacht, mich aber jetzt endlich an sie herangetraut. Und den Anfang macht für mich Der Fürst des Nebels, Zafóns Romandebüt und eine düstere, melancholische Schauergeschichte.

Mit den jungen Protagonisten Max, Alicia und Roland spricht Zafón vielleicht auch eher ein jüngeres Publikum an, die Welt, die er mit seinen Worten erschafft, ist aber auch bereits in diesem Roman einfach gewaltig. Zunächst einmal siedelt er die Schauergeschichte um den Jugendlichen Max und den geheimnisvollen Fürst den Nebels irgendwo am Meer und irgendwo im Krieg (ich vermute der Zweite Weltkrieg, aber das ist nur meine persönliche Interpretation) an, wodurch die Handlung irgendwie schwerelos und vor allem zeitlos wird. Das passt wunderbar zu der düster-melancholischen Grundstimmung. Das Ganze wirkt in gewisser Weise nicht greifbar und weit weg, wird jedoch durch Zafóns Worte zum Leben erweckt.

Die Handlung braucht zugegebenermaßen etwas, um in Fahrt zu kommen, dann allerdings bricht sie mit voller Wucht über einen herein. Das Magische, das Grauenvolle wird zunächst nur angedeutet (etwa durch den verwunschenen Skulpturengarten, in dem die Statuen ihre Positionen und Gesichtsausdrücke verändern) und bahnt sich fast schon unbemerkt einen Weg in das Leben von Max und seiner Familie. Schranktüren, die sich von selbst öffnen, gruselige Stimmen und die sturmgepeitschte See, die eine dunkle Faszination auf Max und seine Freunde ausübt - das alles sorgt für absolutes Gänsehautfeeling. Mit seinem malerischen, sehr plastischen Erzählstil beschwört Zafón die Bilder eines heimgesuchten Küstenortes herauf und man fühlt sich an die alten, eher subtilen Horrorfilme in Schwarz-Weiß erinnert. Einfach großartig!

Fasziniert hat mich auch die unterschwellige Bedrohung, die vom Fürst des Nebels ausgeht - einer Art Magier, der seinen Opfern einen Herzenswunsch erfüllt, bevor er sie zu ewiger Treue verpflichtet und grausame Dinge tun lässt. Was mir an Zafóns Romanen (und damit auch an Der Fürst des Nebels) besonders gut gefällt, ist, dass zwei Welten miteinander verschwimmen und ineinander übergehen, bis man die Grenzen nicht mehr ausmachen kann. Max' Familie zieht in das seit Jahren leer stehende und in irgendeiner Weise verfluchte Haus am Meer und aktiviert damit die im Verborgenen lauernden, magischen Kräfte des Nebelfürsten - so dringt das Fantastische in die scheinbar reale Welt ein und das wirkt auf den Leser absolut natürlich und authentisch. Man kann sich einfach wunderbar vorstellen, dass in so einem verwunschenen Haus mit kuriosem Skulpturengarten etwas Übersinnliches vor sich geht.

Das einzige, was in meinen Augen nicht ganz so gut gelungen ist wie beispielsweise bei Der Schatten des Windes, ist das Ende. Für meinen Geschmack ist es zu chaotisch und im Verhältnis zur düsteren, spannenden Handlung einfach ein wenig enttäuschend. Es hat mich (ganz im Gegensatz zur Geschichte an sich) dann doch wieder zu sehr an Jugendfantasy erinnert und wurde dem stimmungsvollen Schauerroman nicht ganz gerecht. Trotzdem hat mich Der Fürst des Nebels aber insgesamt mit der grandiosen Atmosphäre begeistert und schlichtweg in seinen Bann gezogen.

Für mich ist Der Fürst des Nebels nicht Zafóns bester Roman, aber definitiv eine grandios erzählte Schauergeschichte, die von der düsteren Atmosphäre lebt. Ich hatte beim Lesen stellenweise Gänsehaut und war wieder einmal wie gebannt von Zafóns Worten. Er ist einfach ein Meister.



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