Freitag, 24. Februar 2017

REZENSION: "Das zehnte Königreich" (Kathryn Wesley)

Copyright Piper Fantasy



Titel: Das zehnte Königreich
Autor: Kathryn Wesley
Genre: Fantasy
Verlag: Piper Fantasy
Erscheinungsjahr: 2011
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 526
ISBN: 978-3-4922-6780-9

Märchen sind reine Fiktion - da ist sich Virginia sicher, denn von ihrem Happily Ever After ist sie meilenweit entfernt: während sie in einem Restaurant als Bedienung arbeitet, muss sich ihr Vater als Hausmeister von seinem Vorgesetzen alles bieten lassen, steht aber dank seines täglichen Alkoholkonsums ständig vor der Kündigung.Als ihr auf dem Weg zur Arbeit auch noch ein Hund vors Fahrrad rennt und sie einen Unfall baut, fühlt sie sich erstrecht vom Pech verfolgt. Wie sollte sie auch ahnen können, dass der Hund eigentlich Prinz Wendell, künftiger Herrscher der neun Königreiche, ist? Oder dass sie sich in Lebensgefahr begiebt, als sie ihn in ihre Obhut nimmt? Denn Wendell wird von seiner Stiefmutter, drei stinkenden Trollen und einem Wolf in Menschengestalt verfolgt, die alles daran setzen, ihn in die Finger zu bekommen. Schon bald stecken Virginia und ihr Vater im größten Abenteuer ihres Lebens und stürzen sich in den Kampf gegen Wendells Widersacher.

Ich finde das Cover eigentlich ganz ansprechend, da es die beiden Handlungsorte sehr gut miteinander verknüpft. Deshalb finde ich es auch auf jeden Fall interessanter und besser als das neue Cover, da es einen größeren Bezug zur Handlung hat.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von diesem Fantasy-Roman erwartet habe, aber zumindest war es nicht das, was ich bekommen habe.
Der Anfang war sehr vielversprechend: man startet als Leser in der Märchenwelt (geschätzte hundert Jahre, nachdem Dornröschen, Schneewittchen & Co. ihr Happily Ever After bekommen haben), die nunmehr in neun Königreiche aufgeteilt ist und zum Großteil Prinz Wendell (dem Großenkel von Schneewittchen) untersteht, sobald er gekrönt wurde. Das Tolle an den ersten Seiten ist der rasante Auftakt: denn gleich zu Beginn wird erstens Wendels böse Schwiegermutter aus dem Gefägnis befreit, die zweitens, Wendell in einen Labrador verwandelt, während der Labrador an ihrer Seite Wendells Menschengestalt annimmt. Drittens schafft Wendell die Flucht durch einen magischen Spiegel in das New York der Gegenwart, wo er auf Virginia (die Heldin des Romans) trifft und viertens schickt die Königin eine Horde Trolle und einen gutaussehenden Wolf in Menschengestalt aus, um Wendell zu suchen. Wie gesagt: das sind lediglich die Ereignisse der ersten Kapitel - im Folgenden geht es nicht weniger turbulent zu. Mir gefiel der aufregende Start soweit sehr gut, denn er zeugt bereits vom Einfallsreichtum der Autorin. Auch die zentralen Charaktere waren schon zu diesem Zeitpunkt gut umrissen, wenngleich noch nicht all ihre Facetten in Gänze beleuchtet wurden.
Mit jeder Seite häuften sich dann aber meine Probleme mit der Handlung. Zum einen fand ich einige Formulierungen etwas holprig (sowohl in der direkten Rede als auch die des auktorialen Erzählers). Zum anderen haben mir die vielen Wendungen, die ich anfangs so begrüßenswert fand, irgendwann nur noch ein leises Aufstöhnen entlockt, weil ich das Gefühl hatte, es wäre Zeit für das Ende. Die Ereignisse wurden von Mal zu Mal makaberer und bizarrer. Die Story war dadurch zwar abwechslungsreich, aber sie zog sich auch sehr.
Weiterhin habe ich das Verhalten und die Entscheidungen von Virginia, Wolf und ihrem Vater häufig nicht nachvollziehen können. Ihr Vater Tony hat sich ehr häufig alles andere als klug entschieden, war gierig und egoistisch, weshalb ich ihm die meiste Zeit über wenig Sympathie entgegen gebracht habe. Wolf hat sich bemüht, heroisch zu sein, aber in seinen schwachen Momenten hat er vollkommen irrational gehandelt, obwohl ihm bewusst hätte sein müssen, welche Reaktion er bei Virginia hervorrufen würde. Dennoch fand ich sein stetes Bemühen um Virginias Gunst sehr süß. Vor allem, weil ich nicht damit gerechnet hätte, dass diese beiden zum Paar auserkoren werden würden. Meine Vermutungen gingen eher Richtung Virginia und Wendell. Aus der Perspektive war ich also sehr zufrieden. Virginia selbst hätte ich in manchen Situationen am liebsten heftig durchgeschüttelt. Während ich anfangs ihre (Willens-)Stärke zu schätzen wusste, habe ich ihrer Sturheit nicht viel abgewinnen können. Sie hat Wolf wirklich unnötig leiden lassen, stand manchmal total auf dem Schlauch und sprang permanent zwischen Empathie für dahergelaufene Gestalten und kühler Distanz zu Wolf. Das war auf Dauer etwas nervtötend.
Nachdem der Hauptteil für mich also eher eine emotionale Talfahrt war, konnte mich das Ende dann aber doch nochmal packen. Hier warteten einige Überraschungenauf mich, die sich sehr gut ins Gesamtkonzept eingefügt haben und die ich entsprechend begrüßenswert fand. Damit hat es meinen Gesamteindruck positiv beeinflussen können. 

Bizarr, turbulent, innovativ - das wären die Schlagworte, mit denen ich diesen Roman beschreiben würde. Und doch war es mir manchmal von alldem zu viel, sodass mein Interesse zwischenzeitlich merklich abebbte. Es kam mir so vor, als hätte die Autorin versucht, die Ereignisse sämtlicher Märchen in eine Geschichte zu packen - und mir damit bewiesen, dass man Märchen eben doch lieber in Häppchen rezipiert. Erst am Schluss ist es ihr wieder gelungen, mich zu packen. 




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