Sonntag, 8. Januar 2017

REZENSION: "Viereinhalb Minuten" (Kathrin Hövekamp)

Copyright Kathrin Hövekamp


Titel: Viereinhalb Minuten
Autor: Kathrin Hövekamp
Genre: Jugendroman
Verlag: Kathrin Hövekamp SP
Erscheinungsjahr: 2016
Format: eBook (2,99 €)
Seiten: 175
ASIN: B01MYWH66J

Zwillingsgeschwister sind ein Herz und eine Seele - so die landläufige Meinung. Alle, die das behaupten, sind scheinbar noch nie Flo und Lu begegnet. Magische Zwillingsverbindung? Fehlanzeige! Es vergeht kein Tag, an dem sich die beiden Schwestern nicht anzicken. Zu sehr verabscheut Flo die Oberflächlichkeit von Lu und ihrer In-Clique, während Lu so gar nichts mit Flos Anti-Haltung anfangen kann. Doch angestoßen durch ein Schulprojekt scheinen sich im Verlauf der nächsten Monate die so sorgfältig gezogenen Grenzen aufzulösen. Denn als Lus scheinbar perfekte Welt allmählich Risse bekommt und Flo sich in einen Typen verliebt, von dem sie nie im Traum gedacht hat, ihn mögen zu können, brauchen sich die beiden mehr denn je.

Anfangs fand ich das Cover ein bisschen zu schlicht, aber je öfter ich es betrachte, desto besser gefällt es mir. Es lässt dem Leser sehr viel Freiraum für eigene Zuschreibungen. Ich interpretiere es inzwischen so, dass die unterschiedlichen Farben die unterschiedlichen Persönlichkeiten der zwei Schwestern widerspiegeln und die Farbspritzer andeuten, wie sie sich einander annähern. Kann natürlich vollkommener Quatsch sein, aber mir gefällt der Gedanke.

Obwohl ich bei Self-Publishing-Romanen ja immer etwas vorsichtig bin, wollte ich Viereinhalb Minuten eine Chance geben, weil mich die Leseprobe so angesprochen hat. Deshalb will ich gleich zu Beginn mein erstes Lob loswerden: der Einstieg in die Geschichte war herrlich und wunderbar geschrieben. In einem spritzigen, vor Ironie triefenden Ton schildert Kathrin Hövekamp die Ereignisse auf Lus und Flos Geburtstagsfeier, wobei sie das Geschehen abwechselnd aus Flos und Lus Perspektive wiedergibt. Es ist zwar kein sonderlich dramatischer Einstieg, aber ein unglaublich witziger und aufschlussreicher. Denn erstens vermittelt er auf diese Art ein relativ klares Bild von den beiden Schwestern, ihren Welten, Charakterzügen und Einstellungen und zweitens lernt man auch gleich alle für die Handlung wesentlichen Nebenfiguren kennen. 
Flo hat mich natürlich gleich mit ihrer Art mitgerissen: sie ist witzig, schlagfertig und sarkastisch - sprich: so, wie ich meine Protagonisten liebe (außerdem mochte ich ihren lässigen Kleidungsstil). Ein besonderes Highlight waren ihre persönlichen Top 5-Listen (als Hommage an High Fidelity), die sie zu diversen Themen anfertigt und die sich konsequent durch die Story ziehen. Ich liebe solche Listen, da sie in wenigen Worten eine Menge über den Charakter einer Person aussagen. Zu bemängeln habe ich an ihr jedoch, dass sie mir gelegentlich zu voreingenommen bei der Beurteilung anderer Personen erschien. Für jemanden, der Vorurteile verachtet, denkt sie ziemlich in Schubladen. Ich glaube jedoch, dass ihre Person bewusst so angelegt ist, um die Ironie daran zu betonen. Besonders durch Max wird ihr ihre Fehlbarkeit unweigerlich vor Augen geführt. Er beweist, dass ein beliebter, umschwärmter Sportler eben nicht auf den Kopf gefallen sein muss. Im Gegenteil sind sie sogar auf einer Wellenlänge, auch wenn sie sich gegenseitig ganz schön herausfordern. Ihr verbaler Schlagabtausch war durch seine spielerische Leichtigkeit ein absoluter Genuss. Da wünscht man sich, dass man selbst im wahren Leben so gute Einfälle hätte. Zwischen den beiden knistert es also gewaltig, was mich beim Lesen (meistens) in einen euphorischen Zustand versetzt hat.
Mit Lu hingegen habe ich auf den ersten Seiten gehadert, da sie das beliebte, gutaussehende Püppchen verkörpert hat. Da der Erstkontakt mit den Protagonistinnen aus Flos Perspektive erfolgt, nimmt man ihre Zwillingsschwester automatisch als Antagonistin wahr. Aber hier war ich (und wahrschienlich alle anderen Leser) dann zu schnell in meinem Urteil. Lu ist viel komplexer und sensibler als man zunächst vermutet und vor allem ist sie nicht so hirnlos und oberflächlich wie man das von 'den höheren Kreisen in der sozialen Hierarchie zu Schulzeiten' kennt. Tatsächlich steht ihr Auftreten häufig im Widerspruch zu ihrem Charakter, was sich durch die Wiedergabe ihrer Gedanken wunderbar herauskristallisiert. Einerseits tritt sie total selbstbewusst auf (vor allem weil sie weiß, wie hübsch sie ist), andererseits schätzt sie sich bzw. ihre Intelligenz vollkommen falsch ein. Da sieht man erstens, dass man Menschen nicht nur nach ihrem Auftreten bzw. Äußeren einschätzen sollte, und zweitens, dass das Korsett, in das (hübsche) Menschen gepresst werden, inzwischen so eng ist, dass die betroffene Person dieses Bild übernimmt und sich damit ihrer "Rolle" fügt. Ich habe zwar keine Ahnung, ob diese Botschaft tatsächlich intendiert war, aber so kam es bei mir an. Umso schöner war für mich ihr Reifungsprozess mitzuverfolgen, besonders gegen Ende, als sie enormes Rückrat beweist.
Man hat im Prinzip zwei Handlungsstränge: Lus Selbstfindungsprozess auf der einen Seite und Flos Liebesturbulenzen auf der anderen Seite. Diese werden jedoch durch das angespannte Verhältnis der beiden zueinander überlagert. Mal abgesehen vom Offensichtlichen (unterschiedliche soziale Stellung und Persönlichkeiten) war mir lange Zeit schleierhaft, warum zwischen den beiden so eine dicke Luft herrscht. Die Erklärung kommt natürlich erst am Schluss und hat mich dann ein wenig ins Grübeln gebracht, vor allem deshalb, weil ich mich frage, ob die Beziehung zu meiner eigenen Schwester unter diesen Umständen auch so einen Verlauf genommen hätte.
Ich will außerdem noch ein, zwei Worte über Flos und Lus Eltern verlieren: die beiden sind einfach spitze. Sie versuchen, ihren Kindern möglichst viel Freiraum zu geben, verständnisvoll zu sein, ein offenes Ohr zur Verfügung zu stellen, wenn es benötigt wird, und vor allem blamieren sie ihre Kinder nicht. Solche Eltern wünscht man sich einfach und mich haben sie persönlich an meine eigenen Eltern erinnert. 
Meine 'Kritik' an Viereinhalb Minuten geht nun dahin, dass mir die Ereignisse am Ende zu gedrängt waren (soll heißen: für meinen Geschmack hätte der Roman noch ein paar Kapitelchen mehr vertragen, was ja auch für die Story spricht) und ich einige Nebencharaktere gerne mehr beleuchtet gehabt hätte. Besonders besagte Eltern hätten ein paar Auftritte mehr vertragen. Ansonsten war ich sehr zufrieden.

Kathrin Hövekamp hat mich ein wenig von meiner Self-Publisher-Angst kuriert, denn sie beweist, dass es in der Schriftstellerlandschaft einige Rohdiamanten gibt, die einfach nur noch nicht von einem Verlag entdeckt wurden. Ihr Schreibstil hat etwas Beflügelndes, weil er so jugendlich-frisch ist und die kleinen feinen Spitzen einen beim Lesen zum Lachen bringen. Sie hat dadurch zwei überaus plastische Protagonistinnen geschaffen, die man gerne selbst persönlich kennen lernen würde und deren Auf und Ab ich gerne mitverfolgt habe. Kleines Manko: für meinen Geschmack war die Story zu kurz und einige Nebenfiguren hätte ich eine größere Rolle zugedacht.


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen