Mittwoch, 25. Januar 2017

REZENSION: "Maus" (Art Spiegelman)

Copyright S. Fischer Verlag

Titel: Maus - Die Geschichte eines Überlebenden
Autor: Art Spiegelman
Genre: Comic / Graphic Novel
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2008 (Original 1986)
Format: Softcover (14,95 €)
Seiten: 300
ISBN: 978-3-596-18094-3



In "Maus - Die Geschichte eines Überlebenden" erzählt der Comiczeichner Art Spiegelman die Lebensgeschichte seines Vaters Wladek, eines polnischen Juden, der den Holocaust überlebte. In seinem Haus im New Yorker Stadtteil Queens schildert Wladek seinem Sohn Ende der 1970er Jahre, wie er seine Mutter Anja kennenlernte, eine erfolgreiche Fabrik in Polen besaß und eigentlich ein recht angenehmes Leben führte - bis die Nazis 1939 Polen überrannten und die Juden erst in Ghettos und später in Konzentrations- und Todeslagern zusammenpferchten. Dabei wählt Spiegelman für seinen Comic die Form der Fabel und stellt die verschiedenen Völker als Tiere dar - die Polen sind Schweine, die Juden Mäuse und die Deutschen Katzen...

Das Cover ist (zugegeben) ziemlich radikal, aber auf jeden Fall auffällig und es lässt definitiv keinen Zweifel am Thema der Geschichte. Keine Frage - es passt zur Düsternis des Holocaust.

Mit Maus von Art Spiegelman habe ich mich zum ersten Mal in ein Genre vorgewagt, für das ich mich bisher so gar nicht interessiert habe: Comics. Gleichzeitig habe ich mir dabei die wohl bekannteste und aufsehenerregendste Graphic Novel ausgesucht, denn Spiegelman hat für Maus nicht nur den Pulitzer Preis verliehen bekommen, sondern auch eine ganze Gattung neu interpretiert und (das kann man so sagen) revolutioniert. Maus war einer der ersten Comics für Erwachsene und erzählt eine so komplexe Geschichte, wie man sie eigentlich nur aus einem Roman kennt. Es ist sozusagen ein historischer, ein biografischer und ein autobiografischer Comic im Stil einer Fabel - und dieser Mix hat mich wahnsinnig neugierig auf das Buch gemacht.

Wirklich bemerkenswert fand ich von Anfang an die Zeichnungen, die wie bei einem Underground-Comic in Schwarz-Weiß und eher simpel und skizzenhaft gehalten sind. Das Besondere dabei ist, dass die verschiedenen Charaktere nicht als Menschen, sondern als Tiere dargestellt werden - eben wie bei einer Fabel. Spiegelman nimmt aber nicht irgendwelche Tiere, sondern setzt auf eine raffinierte Symbolik. So werden die Juden als Mäuse dargestellt, die sich in den noch so entlegendsten Winkeln verstecken können und müssen, die Deutschen als Katzen, die Jagd auf die Juden machen, die Polen als Schweine, die Franzosen als Frösche, die Amerikaner als Hunde und und und. Mich hat diese Darstellung mit ihrer einfachen, aber schlagenden Logik schlichtweg beeindruckt. Außerdem erhält man als Leser so die Möglichkeit, direkt "hinter die Fassade" zu blicken und etwa einen Deutschen auf Anhieb als solchen zu identifizieren, was dem Protagonist allerdings nicht immer gelingt. Auch ohne die Dialoge haben die Bilder eine enorme Kraft und erzählen die Geschichte auf eine äußerst faszinierende Weise. So tragen die Charaktere beispielsweise dann, wenn sie sich als Zugehörige einer anderen Volksgruppe ausgeben, Masken - eine einfach geniale Lösung.

Man könnte nun denken, die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden in Form eines Comics zu erzählen, würde das Ganze verharmlosen und dem Grauen vielleicht nicht gerecht werden. So ist es jedoch ganz und gar nicht. Art Spiegelman gelingt es auf eine ganz besondere Art und Weise, das tragische Schicksal seiner Eltern und deren Familien aufs Papier zu bringen und indem er diese biografische Erzählung in ein populäres Medium überträgt, macht er sie einem breiteren und ganz anderem Publikum zugänglich. Die Fabel in Comic-Form ist im Gegensatz zu Dokumentationen und Biografien in Prosa leichter verträglich, dabei aber keineswegs weniger grauenvoll oder gar harmlos. Was Art Spiegelman hier gelungen ist, ist schlicht und ergreifend genial!

Außerdem ist die Graphic Novel von Beginn an durch eine extreme Authentizität geprägt. Es wird nämlich nicht nur die Lebensgeschichte von Wladek Spiegelman erzählt, sondern Art lässt den Leser auch teilhaben an den Interviews, die er mit seinem Vater führt, und sogar am Schreibprozess. Art glorifiziert seinen Vater nicht, sondern legt großen Wert auf eine authentische Darstellung und lässt so auch sein eigenes, nicht ganz einfaches Verhältnis zu seinem Vater nicht aus. Wladek ist nach dem Krieg und dem Selbstmord seiner Frau zu einem verbitterten, geizigen Kauz geworden, der bisweilen sogar rassistisch ist und Vorurteile gegenüber Schwarzen und Homosexuellen hegt. Der Leser bekommt so direkt vor Augen geführt, welche Auswirkungen die Schoah auf die Überlebenden hatte, was die Nazis mit dem Massenmord an Millionen von Menschen auch späteren Generationen noch angetan haben. An einer Stelle gibt es einen Dialog zwischen dem jungen Art und seiner Frau, den ich sehr bezeichnend fand:

"[...] 'Alles, was Wladek durchgemacht hat. Ein Wunder, dass er überlebt hat.' 
'Hm-mm. Aber irgendwie hat er nicht überlebt.'" (S. 248)

Generell sind die Dialoge genauso klug und fesselnd wie die Zeichnungen. Die meiste Zeit über übernimmt Wladek die Rolle des Erzählers. Hier greift Art Spiegelman erneut auf ein sehr authentisches stilistisches Mittel zurück, denn sein Vater als alter Mann spricht gebrochenes, vom Jiddischen geprägtes Englisch (bzw. in der Übersetzung Deutsch). Das mag am Anfang ein wenig befremdlich wirken, schon bald hat man dadurch aber Wladeks Stimme im Ohr und den alten Mann direkt vor Augen. Bei all dem ist man sich außerdem durchgehend der Grausamkeit des Holocaust bewusst und Wladeks erstaunliche Geschichte eines Überlebenden, der manchmal (so scheint es) mehr Glück als Verstand hatte, erschüttert einen bis ins Mark. Ein Comic, der berührt und fasziniert. Ich bin begeistert!

Art Spiegelmans Maus ist ein Meisterwerk! Diese Graphic Novel hat mich überrascht, gefesselt, zu Tränen gerührt und einfach nur begeistert. Wer diese Geschichte noch nicht kennt, sollte sie unbedingt lesen!



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