Dienstag, 10. Januar 2017

REZENSION: "In meinem Himmel" (Alice Sebold)

Copyright Randomhouse Audio
Titel: In meinem Himmel
Autor: Alice Sebold
Genre: Roman / Fantasy
Sprecher: Anna Thalbach
Erscheinungsjahr: 2012
Format: Hörbuch (8,95 €), TB, eBook
Länge: 450 Minuten (384 Seiten), gekürzte Lesung
ISBN: 978-3-8371-1747-9

Susie Salmon ist 14 Jahre alt, als sie am 6. Dezember 1973 von einem Mann aus der Nachbarschaft brutal vergewaltigt und ermordet wird. Doch nach ihrem Tod hat sich ihre Seele nicht einfach in Luft aufgelöst, sondern lebt in einer Welt zwischen Himmel und Erde weiter - Susies persönlicher Himmel. Von dort aus beobachtet sie, wie ihre Familie nach ihrem Tod droht auseinanderzubrechen und wie ihr Mörder völlig unbehelligt weiterlebt. Doch es gibt noch etwas, das Susie unbedingt tun muss, bevor sie diese Welt für immer verlässt...

Das Cover des Hörbuchs passt entfernt zum Inhalt (eine Schneekugel mit Pinguin kommt zumindest zu Beginn kurz vor), ist aber für mich nicht allzu ansprechend gestaltet. In meinem Regal steht eine ältere Hardcover-Ausgabe des Romans, die auf jeden Fall mehr her macht.

Geschichte und Erzälstil:

Mit In meinem Himmel von Alice Sebold habe ich ein Buch noch einmal gelesen (bzw. gehört), das mich vor Jahren das erste Mal faszinierte und lange nicht losließ. In meinem Himmel ist fast schon ein moderner Klassiker, der 2009 mit Saoirse Ronan, Mark Wahlberg, Stanley Tucci und Susan Sarandon in den Hauptrollen von Peter Jackson verfilmt wurde und spätestens seitdem polarisiert. Und die ersten beiden Sätze des Buches lassen einem auch direkt das Blut in den Adern gefrieren:

"Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde." 

Dass die junge Protagonistin gleich zu Beginn eines Romans ermordet wird, ist ungewöhnlich. Dass der Ermordung eine brutale Vergewaltigung vorausgeht und diese auch noch in übelerregender Detailgenauigkeit aus der Sicht des Opfers geschildert wird - das ist vermutlich skandalös. Zart besaitet darf man auf jeden Fall nicht sein, denn Alice Sebolds Sprache ist schockierend authentisch, klar und an so mancher Stelle auch ziemlich hart. Sie beschönigt nichts und bildet in einer schonungslosen Art und Weise ein furchtbares Gewaltverbrechen und dessen Folgen für das Opfer und die Familie ab - und genau das ist es, was ich an Sebold als Autorin so faszinierend finde. Und was mich auch den Roman jahrelang nicht vergessen ließ.

Über den ersten Schock tröstet den Leser zumindest hinweg, dass Susie nach ihrem Tod wenn nicht an einem besseren, dann zumindest an einem wunderschönen, fast schon magischen Ort ist. Ihr privater Himmel ist eine Welt, in der so gut wie alles möglich ist und in der sie sich fast genauso wohlfühlt wie auf der Erde - wenn ihre Familie nicht wäre, die sie von oben herab beobachtet. Denn In meinem Himmel ist weder ein Fantasyroman noch ein Thriller, sondern eher ein äußerst gewagtes Gedankenspiel. Sebold bietet hier eine mögliche Antwort auf die Frage, was mit Menschen nach ihrem Tod passiert und wie es ihnen angesichts der Verzweiflung ihrer Angehörigen geht. Für Susie nämlich ist nicht unbedingt ihr eigener Tod das Schlimmste, sondern das tiefe Loch, das er in den Herzen ihrer Eltern und Geschwister hinterlassen hat. Und in dem des Jungen, der in sie verliebt war.

Deswegen nimmt die Beschreibung des "Dazwischen" - dem Ort zwischen Himmel und Erde - in Sebolds Roman nach dem Leben der Zurückgelassenen auch eher eine Nebenrolle ein. Wer also eine fantastische, vielleicht mystisch angehauchte Leben-nach-dem-Tod-Geschichte erwartet, ist hier definitiv fehl am Platz. Dafür ist Susies Blick auf die Erde und ihre Familie unglaublich berührend und es tut einem in der Seele weh, zu beobachten, wie die Salmons allmählich auseinanderdriften, während Mr. Harvey (Susies Mörder) unbehelligt weiterlebt. Mich hat die Geschichte auch beim zweiten Mal sehr bewegt und mitgenommen - wie gesagt, Sebold schont den Leser nicht, aber sie hat einen besonderen Blick auf die Dinge und den gebt sie an ihre Protagonistin Susie weiter. Ein Mädchen, das man als Leser in jeglicher Hinsicht bewundert. Am Ende gibt es übrigens doch ein paar Fantasyelemente, aber sie sind so geschickt in die Geschichte eingebaut, dass man sie als absolut natürlich und logisch empfindet. Lasst euch überraschen!

Das einzige, was man mich (in Bezug auf das Hörbuch) gestört hat, ist, dass Sebold beim Erzählen immer wieder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her springt. Ich glaube, beim Buch hat mich das gar nicht gestört, aber bei der Hörbuchfassung bekommt man nicht immer gleich mit, wo auf der Zeitlinie Susie gerade ist und so ist die Handlung bisweilen etwas durcheinandergewürfelt. Aber ansonsten muss ich sagen: In meinem Himmel war wieder ein Erlebnis der grausamen, schmerzhaften, traurigen, aber auch der wunderbaren, hoffnungsvollen und bewegenden Art.

Sprecher:

Gelesen wird In meinem Himmel von der deutschen Schauspielerin Anna Thalbach, die ich schon von manch anderer Vertonung kenne. Anna Thalbach hat eine ziemlich außergewöhnliche Stimme und sie legt unglaublich viele Emotionen in jedes einzelne Wort. Für mich hat sie Susie Leben eingehaucht und ihre tiefe Traurigkeit, ihre Wut, ihre Verzweiflung einfach mitreißend zum Ausdruck gebracht.

Auch nach der zweiten Lektüre bleibt In meinem Himmel von Alice eines meiner Lieblingsbücher - weil es so außergewöhnlich, so kontrovers, so schockierend und doch so berührend ist. Meiner Meinung nach ist Sebold mit diesem Roman ein Meisterwerk gelungen und Anna Thalbach versteht es fantastisch, ihre mutige Protagonistin Susie zum Leben zu erwecken. Klare Empfehlung: Das ist eines dieser Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss.



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