Sonntag, 29. Januar 2017

REZENSION: "Alles, was ich sehe" (Marci Lyn Curtis)

Copyright Carlsen Königskinder

Titel: Alles, was ich sehe
Autor: Marci Lyn Curtis
Genre: Jugendroman / Liebesroman / Fantassy
Verlag: Carlsen Königskinder
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Gebundene Ausgabe (18,99 €)
Seiten: 432
ISBN: 978-3-551-56022-3

Maggies Leben ist ein einziges Desaster seit sie vor sechs Monaten ihr Augenlicht verloren hat. Seitdem ist sie frustriert, wenn nicht gar deprimiert und würde am liebsten alleine sein. Doch dann lernt sie Ben kennen und plötzlich ist alles anders. Denn sie kann Ben sehen! Hat sie den Verstand verloren? Scheinbar nicht, denn Ben verschwindet nicht und auch andere können ihn sehen. Als sie zunehmend mehr von dem sehen kann, was Ben umgibt, weiß sie, dass sie ihm nicht mehr von der Seite weichen wird. Liebenswert wie er ist, ist das auch kein Problem - wäre da nicht sein grantiger Bruder Mason, der keinen Hehl daraus macht, dass er sie nicht leiden kann. Theoretisch könnte ihr das egal sein, nur leider ist Mason auch der Sänger ihrer absoluten Lieblingsband und dazu verdammt gutaussehend. 

Gäbe es den Titel nicht, dann wäre das Cover wohl relativ nichtssagend, aber durch den bewussten Kontrast zwischen Motiv und Titel gewinnt es an Reiz und erregt Aufsehen. 

Alles, was ich sehe zu lesen, war eine sehr spontane Entscheidung meinerseits. Eine, die sich gelohnt hat! Was hätte ich mich geärgert, wenn ich diesen Roman nicht gelesen hätte?! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, um meine Begeisterung für Curtis' Debüt in Worte zu fassen.
Was mir sofort positiv aufgefallen ist, ist dieser flüssige, ungekünstelte, aber dennoch nicht simple Erzählstil, der für mich bei Jugendromanen in der Regel essentiell für ein gutes Leseerlebenis ist. Gepaart mit Maggies sarkastisch-verbitterten Einstellung, die aus jedem zweiten Satz herausklingt, war schon mal das Grundgerüst dafür gelegt, dass die Geschichte mir gefallen könnte. Dazu kam die sehr gut aufeinander abgestimmte Figurenkonstellation.
Maggie ist, wie gesagt, sehr sarkastisch und entsprechend schlagfertig, was besonders in ihren Szenen mit Ben zu wunderbaren Dialogen geführt hat.(zu ihm gleich mehr). Dennoch ist sie keineswegs gefühlskalt, sondern sogar sehr sensibel. Damit meine ich nicht zwangsläufig, dass sie nah am Wasser gebaut und schnell beleidigt wäre, sondern vielmehr, dass sie das Verhalten, die Gestik und Mimik und die stimmliche Intonation ihrer Mitmenschen sehr gut zu interpretieren weiß. Daher ist ihr sofort klar, dass Bens Bruder Mason ihr misstraut, und sie spürt, wenn sich andere Personen in ihrer Gegenwart unbehaglich fühlen. Leider mangelt es ihr trotz ihrer Sensibilität an Fingerspitzengefühl, weshalb sie eindeutig kein umgänglicher Mensch ist. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass es mehrere Szenen mit ordentlich Zündstoff gibt, die die Geschichte voran treiben.
Aufschlussreich fand ich in Bezug auf ihre Person, welch eine Herausforderung eine plötzliche Erblindung für eine Person bedeutet. Natürlich ist mir klar, dass es eine Belastung für die Psyche und die Umstellung nicht einfach ist. Aber erstens reflektiert man das nicht unbedingt jeden Tag (außer man kennt Blinde oder ist selbst blind) und zweitens hat man im Hinterkopf immer die Aussage, dass sich die anderen Sinne dafür schärfen und man sich so orientieren kann. Dass das nicht von jetzt auf gleich passiert, sondern hartes, aktives Training erfordert, wird einem nur selten bewusst. Daher hat mich Maggies Kampf, ihre Frustration und die sich ständig auf- und wieder abbauende Hoffnung emotional sehr berührt.
Ein ebenso starker Charakter war Ben, der sich schon nach wenigen Seiten in mein Herz gequasselt hat. Seine Selbstsicherheit, sein Sinn für Humor, seine Lebendigkeit und sein sonniges Gemüt haben Schwung in die Geschichte und mich öfter zum Lachen gebracht - eine kleine Person, die eine große Inspiration sein kann. 
Sein Bruder Mason ist in der Beziehung das genaue Gegenteil. Er ist grüblerisch, introvertiert und neigt definitiv dazu, andere zu vergraulen. Dabei ist er ein unglaublich liebenswerter Mensch, wenn man ihn nur lässt. Im Grunde war es nur sein Beschützerinstinkt, der ihn gegenüber Maggie so grantig hat auftreten lassen - einen Umstand, den ich durchaus zu schätzen wusste. Nicht nur, weil es viel über die Beziehung zu seinem Bruder aussagt, sondern weil ich Menschen mag, die auch mal skeptisch das Verhalten anderer Menschen hinterfragen. Irgendwann erreicht aber auch er den Punkt, an dem er Maggie nicht mehr auf Distanz halten kann und will. Es ist wenig überraschend, dass sich zwischen den beiden allmählich etwas anbahnt. Und ja, man kann darüber diskutieren, ob die urplötzliche Anziehung ohne übermäßigen Kontakt bzw. verbalen Austausch wirklich glaubhaft ist. Und normalerweise bin ich eine der ersten, die das kritisiert. Aber in diesem Fall hat mich das nicht gestört. Wahrscheinlich hätte ich bei ihm auch weiche Knie bekommen - vor allem, wenn er der Lieblingssänger meiner eigenen Lieblingsband wäre. Gut fand ich jedoch, dass Maggie ihn trotzdem mehr oder weniger wie jeden anderen behandelt hat und die zwei öfter auf Konfrontationskurs gegangen sind. Ihr kleiner Eiertanz hat mich einerseits in den Wahnsinn getrieben, andererseits fand ich es gut, dass Marci Curtis den beiden etwas Zeit gegeben hat, damit ihre Gefühl etwas reifen konnten.
Mehr Probleme hat mir da diese Sache mit der plötzlichen wiedergewonnenem Sichtfeld bereitet. Das ist fernab jeder Logik - aber nun gut, darum ist es ja vom Verlag auch unter "Fantasy" eingeordnet. Dennoch habe ich mich schwer damit getan, diesen Umstand und die Begründung dazu zu akzeptieren. Das war eigentlich der einzige Störfaktor in einer ansonsten wunderbar aufgebauten und geschriebenen Geschichte. 

Manchmal lohnt es sich, wenn man aus dem Bauch heraus zu einem Buch greift. Im Falle von Alles, was ich sehe war das zumindest so. Marci Lyn Curtis hat sich nicht nur eine gute Handlung ausgedacht, sondern auch ein wunderbar aufeinander abmtes Figurenensemble, das mir gleichermaßen heitere und zermürbende Momente beschwert hat. Ich hoffe, es ssind schon mehr Bücher von ihr in Arbeit!



3 Kommentare:

Martina hat gesagt…

Liebe Katha,
nach deiner begeisterten Rezi freue ich mich umso mehr, dass ich das Buch schon in der Bücherei vorbestellt habe!
Liebe Grüße
Martina

Katharina P. hat gesagt…

Hallo Martina,
dann wünsche ich dir auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen - ich hoffe, du bekommst es bald! Bin auf deine Rezi gespannt :-)
Und irgendwie freut es mich, dass ich endlich mal jemanden gefunden habe, der auch in die Bibliothek geht. ich hab das Gefühl, in Bloggerkreisen sind alle hauptsächlich Buchkäufer und keine -ausleiher :-D

Liebe Grüße,
Katha

Lottasbuecher hat gesagt…

Guten Morgen liebe Katha,
ich muss sagen, dass mich die Protagonistin doch sehr genervt hat und ich einfach viel zu verliebt in Ben war, aber die Story an sich fand ich wirklich gut und konnte mich auch überraschen. :)

Liebst, Lotta

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