Samstag, 12. November 2016

REZENSION: "Realitätsgewitter" (Julia Zange)

Copyright Aufbau Verlag



Titel: Realitätsgewitter
Autor: Julia Zange
Genre: Roman
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (17,95 €)
Seiten: 157
ISBN: 978-3351036584



Ein echtes Realitätsgewitter: So lässt sich Marlas Leben am besten beschreiben. Sie lebt von Tag zu Tag, das iPhone immer in der Hand und immer auf dem Sprung zu einer anderen Verabredung - nur, um nicht alleine zu sein. Eigentlich ist Marla ja ganz zufrieden mit ihrem Leben: Sie ist unabhängig, frei und niemandem Rechenschaft schuldig. Nach außen hin immer gut drauf und perfekt. Und dann ist da diese tiefe Traurigkeit, die sich langsam in ihre Gedanken schleicht und Marla das Gefühl gibt, ausbrechen zu müssen. Und nach einer Kurzschlussreaktion reist sie in ihr Heimatdorf und dann nach Sylt. Um endlich zu sich selbst zu finden.

Das Cover hat für mich keinen Bezug zur Geschichte, als Katzenmutti finde ich es aber einfach nur toll und wunderschön anzusehen. Und es passt zu meinem schwarzen Kater Lotte. :D

Der originelle Titel und das Cover haben mich neugierig auf Julias Zanges neuen Roman Realitätsgewitter gemacht, ein Buch aus dem Aufbau Verlag - Cat Content funktioniert einfach immer. :D Und natürlich hat mich auch der Klappentext angesprochen, obwohl ich mir vor dem Lesen nicht so richtig vorstellen konnte, in welche Richtung die Geschichte gehen würde. Nun, es geht um ein Leben im Hier und Jetzt, im modernen Berlin, ein Leben, das mittlerweile Millionen von Menschen führen und das nicht so richtig befriedigt und glücklich macht. Zumindest Marla nicht.

Marla ist eine junge Frau, die nach dem Abbruch eines Studiums in der Großstadt vor sich hin lebt und sich prinzipiell mit nichts anderem beschäftigt, als zu schauen, wer gerade online und bereit ist, sich mit ihr zu treffen. Wie alt Marla ist, erfährt der Leser nicht, aber ich vermute stark, dass sie in meinem Alter (also Anfang bis Mitte 20) sein dürfte. Deswegen war ich beim Lesen natürlich sehr nah an ihr dran. Den Stellenwert ihres Smartphones und des Facebook Messengers konnte ich sehr gut nachvollziehen - und den Rückzug aus dem "wahren", dem realen Leben, hinein in eine virtuelle Scheinwelt, in der jeder immer verfügbar ist. Das macht im Großen und Ganzen Marlas Leben aus. Sie ist immer auf der Suche nach Beschäftigung und Gesellschaft und findet beides in spontanen Dates mit Exfreunden, On/Off-Beziehungen, flüchtigen Bekanntschaften und manchmal sogar völlig Fremden.

Marla verkehrt hauptsächlich in einer hippen Künstlerszene, in der irgendwie jeder Drogen nimmt, viel Alkohol trinkt und sich fallen lässt. Marla will dazugehören und ist immer am Start, aber man spürt von Anfang an, dass sie von allen anderen höchstens geduldet wird, aber niemandem scheint wirklich etwas an ihr zu liegen. Und das ist dann vermutlich der Grund für Marlas psychischen Absturz. Aus der Traurigkeit, die sich allmählich in ihr Leben schleicht, findet sie von allein nicht mehr heraus. Marlas Mutter bezeichnet ihre Tochter sogar als Prostituierte, was ein ziemlich hartes Wort für die eigene Tochter ist. Ich denke eher, dass Marla wahre Freundschaft und Liebe in ihrem Leben fehlen und sie sich daher auch mit flüchtigen sexuellen Bekanntschaften und One Night Stands, sozusagen ein paar wenigen Stunden Zuneigung, zufrieden gibt.

Neben Marla tauchen noch eine ganze Menge anderer Charaktere auf, hauptsächlich Männer, deren Namen man als Leser schon nach den ersten Seiten nicht mehr wirklich zuordnen kann. Man verliert ziemlich schnell den Überblick über all die Bekanntschaften und Künstlerfreunde und man hat den Eindruck, dass es auch Marla so gehen würde, hätte sie ihr iPhone mit dem Facebook Messenger nicht. Julia Zange demonstriert hier sehr gut, wie schnell man sich in einem Strudel aus oberflächlichen Bekanntschaften und dabei den Blick auf die Realität verliert. Das ist für den Leser stellenweise wirklich verwirrend, was aber auf jeden Fall den gewünschten Effekt hat.

Zange schreibt sehr modern, unkonventionell und ziemlich "up to Date". Um die Globalisierung des eigenen Lebens im Jahr 2016 hervorzuheben, baut sie zahlreiche englische Formulierungen und Dialoge in den Text ein. Man hat das Gefühl, der Roman will um jeden Preis hip und trendy wirken und das tut er auch bis zu einem gewissen Maße: Greift moderne Themen der Smartphone-Gesellschaft, das Leben in einer Großstadt und auch aktuelle Ereignisse (zum Beispiel den Terroranschlag in Nizza im Sommer und Donald Trumps Kandidatur) auf.Trotzdem hat mir irgendwie das gewisse Etwas, das Salz in der Suppe gefehlt. Marlas Leben ist ein Einheitsbrei und genau darum geht es ja auch, aber teilweise zogen sich die Seiten für mich wie Kaugummi und es dauert ziemlich lange (und das bei nur 157 Seiten), bis Marla endlich spürt, dass etwas in ihrem Leben ganz und gar nicht stimmt. Die Besuche in ihrem Heimatdorf und auf Sylt waren mir dann auch zu knapp gefasst und nichtssagend. Für meinen Geschmack hätte der Roman deutlich pointierter sein können, denn am Ende bleibt eben die Frage: Und, wie geht's jetzt weiter?

Mit Realitätsgewitter hat Julia Zange einen modernen, brandaktuellen Roman rundum die Globalisierung und des Lebens in einer Großstadt geschrieben. Die Ausgangssituation ist authentisch und relativ spannend, gegen Ende flacht die Handlung aber deutlich ab und findet (zumindest für meine Begriffe) kein befriedigendes Ende. Da hätte ich mir mehr Pointe und weniger Vorgeschichte gewünscht.



1 Kommentare:

Sandy hat gesagt…

Das Cover zieht mich jedes Mal wie magisch an! Leider klingt die Geschichte aber doch nicht so besonders. Gerade wenn das Ende so unbefriedigend ausgefällt ist es ja immer schade.

Also, Danke für die Rezi :)

Allerliebste Grüße, Sandy von BlackTeaBooks

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