Mittwoch, 16. November 2016

REZENSION: "Ich komm auf Deutschland zu" (Firas Alshater)

Copyright Ullstein Verlag


Titel: Ich komm auf Deutschland zu
Autor: Firas Alshater
Genre: Biografie / Schicksal
Verlag: Ullstein Extra
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Taschenbuch (14,99 €)
Seiten: 240
ISBN: 978-3864930492



Firas Alshater ist ein syrischer Flüchtling und ein Youtube-Star. In Syrien wurde der Filmemacher aufgrund seiner öffentlichen Proteste und journalistischen Tätigkeiten gegen das Assad-Regime verfolgt, mehrfach inhaftiert und brutal gefoltert. Ihm gelang schließlich die Flucht in die Türkei, von wo aus er seine Arbeiten zunächst fortsetzte und dann dank eines deutschen Produzenten mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland gelangte. Nach Ablauf des Visums musste Firas Asyl beantragen und hatte mit so einigen Steinen zu kämpfen, die ihm die deutsche Bürokratie in den Weg legte. Und doch: Firas kann immer noch lachen! Das beweist er in seinen mittlerweile millionenfach angeklickten Youtube-Videos und in seinem Buch "Ich komm auf Deutschland zu", in dem er ehrlich und humorvoll seine Geschichte erzählt. Wie es ihm in Syrien ergangen ist, wie er schließlich fliehen konnte, was für ihn Freiheit bedeutet und wie er seine neue Heimat Deutschland sieht.

Das Cover ist auf jeden Fall ein Eyecatcher und wenn man Firas Alshater kennt, weiß man, dass es wie die Faust aufs Auge zu ihm passt. Damit ist es für mich einfach perfekt gewählt.

Firas Alshater ist wohl der berühmteste Flüchtling Deutschlands und auch ich zähle mich zu seinen Fans. Seine Youtube-Serie "Zukar" habe ich mir mit großem Genuss angeschaut (ernsthaft: Macht das auf jeden Fall!), einfach weil Firas mit seinen satirischen Videos den Nerv der Zeit trifft. Auf witzige Weise räumt er mit Vorurteilen über Araber und Flüchtlinge im Allgemeinen auf und setzt sich mit seiner neuen Heimat Deutschland auseinander. Denn er möchte vor allem eines: Nachdem seit Monaten (eigentlich nun schon Jahren) in sämtlichen Medien und in der Politik immer nur ÜBER Flüchtlinge gesprochen wird, will er, dass man endlich mal MIT ihnen spricht, denn sonst kann Integration gar nicht funktionieren. Und damit wir als Deutsche das besser verstehen können, erzählt Firas nun in seinem Buch Ich komm auf Deutschland zu seine Geschichte.

Zunächst einmal ein paar Worte zum Schreibstil: Der ist relativ einfach und manchmal etwas unbeholfen, wirkt dadurch aber besonders authentisch. Zumindest ich (da ich ja die Videos kenne) hatte beim Lesen gleich Firas' Stimme im Kopf und so merkt man, dass er sich auch beim Schreiben treu geblieben ist, obwohl man ja davon ausgeht, dass der Lektor zumindest in Bezug auf Rechtschreibung und Orthografie viel korrigieren musste. Vor allem aber erzählt Firas, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken und dabei überraschend heiter, humoristisch und komisch. Obwohl auch viele schmerzhafte, bewegende und traurige Stellen dabei sind, spürt man, dass Firas sich mit seiner Vergangenheit abgefunden hat. Er will kein Mitleid, er will einfach nur erzählen. Wie so vieles macht ihn das unglaublich sympathisch.

Firas erzählt nicht streng chronologisch, schweift zwischen drin immer mal wieder ab und webt die Erinnerungen an seine Heimat Syrien in den Bericht über seine Ankunft in Deutschland mit ein. Es wirkt, als würde er vor einem sitzen und sich beim Erzählen immer mal wieder an dieses und jenes erinnern. Und da macht es gar nichts, dass manche Dinge ein wenig durcheinander gewürfelt sind. Im Gegenteil, denn auch das trägt zur Authentizität bei. Und authentisch ist Ich komm auf Deutschland zu ja auch, denn schließlich ist es die Geschichte eines Syrers, der in seinem Heimatland verfolgt und gefoltert wurde, es auch in Deutschland anfangs nicht leicht hatte und es schließlich durch viel Mut und harte Arbeit ziemlich weit nach oben schaffte.

Auf jeder einzelnen Seite spürt man, dass Firas ein Mensch ist, der vor allem eines liebt: Die Freiheit. Und das ist es, was ihn in Syrien zur Persona non grata macht. Firas berichtet anschaulich und vereinfacht, was das Assad Regime für ihn bedeutet und weswegen er sich dagegen stellte, an Demonstrationen teilnahm, Protestaktionen organisierte und die Verbrechen, die die Schergen des Diktators in seinem Auftrag begingen, auf Fotos und Videos festhielt. Als junger Mann, fast noch Jugendlicher, kämpfte Firas mit aller Kraft gegen das Regime, das sein Volk unterdrückte, und wurde dafür mehrmals gefangen genommen und aufs Schlimmste gefoltert. Einige Dinge schildert er brutal offen und man kann bei diesen Worten nur einen Kloß im Hals bekommen. Über einige Dinge kann er aber auch gar nicht schreiben, er ist einfach nicht dazu imstande und gibt das ganz offen zu - same here! Ich finde seine Worte sehr wichtig und sehr bedeutsam, denn sie erklären, weshalb so viele Syrer ihr Land verlassen mussten, wenn sie überleben wollten. Firas ist davon überzeugt, dass er einen fünften Gefängnisaufenthalt nicht überlebt hätte. Und bei dem, was er erzählt, hat man keine Zweifel daran.

Aber auch mit anderen Vorurteilen räumt Firas auf. Viele Deutsche (sogar einige in meinem Bekanntenkreis) denken immer noch, dass Syrien so eine Art Dritte-Welt-Land ist, und es daher nicht sein kann, dass die syrischen Flüchtlinge, die hierher kommen a) Dinge wie Smartphones und Laptops besitzen (was dort tatsächlich aber auch schon seit einer Weile zum Lebensstandard gehört) und b) etwas für die Wirtschaft tun, sprich: hier arbeiten könnten. Dass Firas, der keinesfalls aus einer reichen Familie stammt, Proteste und Demonstrationen in Syrien per Facebook organisiert hat und dort auch einen Studienplatz hatte, beweist ja wohl das Gegenteil. Er gibt nicht nur einen Einblick in den Bürgerkrieg, der in seinem Land tobt, sondern eben auch in den syrischen Alltag, den sich viele Deutsche immer noch nicht vorstellen können.

Und dann sind da natürlich die Teile, in denen Firas über Deutschland spricht, seine neue Heimat, wie er sagt. Man spürt, wie dankbar und glücklich er ist, hier gelandet zu sein und wie wohl er sich fühlt - einfach, weil hier Frieden herrscht. Er spricht aber auch darüber, dass er sich vor allem in der Anfangszeit im Flüchtlingsheim nicht wirklich frei, sondern eher wie ein bevormundetes Kleinkind fühlte. Er versteht die unnütze Bürokratie und chronische Ineffizienz in Deutschland nicht, er versteht nicht, wieso er staatliche Stütze beantragen muss, obwohl er doch eigentlich arbeiten kann und unbedingt will. Er versteht nicht, wieso er zunächst in keinen und dann in einen Deutschkurs gesteckt wird, in dem nur Araber sind, die sich logischerweise nur auf Arabisch unterhalten. Und ganz ehrlich: Wer von uns kann all diese unnützen Regeln eigentlich verstehen? Firas' Geschichte zeigt auf jeden Fall, dass in der Flüchtlingspolitik noch einiges passieren muss, auch wenn sich seit seiner Ankunft 2013 schon etwas getan hat.

Natürlich setzt sich Firas auch mit der von den Medien so betitelten "Flüchtlingskrise" auseinander und dabei wird klar: Die Politik und die Medien schaffen an vielen Stellen künstlich Probleme, die gar keine sind. Firas malt keinesfalls alles rosarot, aber macht deutlich, dass man endlich mal damit aufhören sollte, geflüchtete Menschen zu bevormunden, um damit anzufangen, sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Ganz nebenbei wirft er (für uns Deutsche) unbequeme Fragen auf, die aber wichtig sind und thematisiert werden müssen. Und (und das ist das Bemerkenswerte) das tut er ganz, ohne jemanden zu verurteilen oder an den Pranger zu stellen. Aber immer, wenn Firas erzählt, dass ihm irgendeiner an den Kopf geworfen hat, er könne nicht verstehen, weshalb er sein Land verlassen hat anstatt zu kämpfen, möchte ich gerne ausflippen. Niemand von uns kennt die Geschichte jedes einzelnen Syrers, der zu uns gekommen ist, und genau deswegen haben wir einfach nicht das Recht, jedem erstmal nach dem Gießkannenprinzip irgendetwas zu unterstellen. Jetzt kennen wir Firas' Geschichte und die zeigt: Der Krieg in Syrien ist schlimm und nur, weil wir in Europa die Augen vor der Gewalt, die dort an der Tagesordnung ist, verschließen, wird er dadurch nicht weniger schlimm.

Ich bewundere Firas Alshater. Dafür, dass er sich nach all den Grausamkeiten, die er durchgemacht hat, nach all den Steinen, die ihm die Bürokratie in unserem Land anfangs in den Weg legte, seinen Humor bewahrt hat. Dafür, dass er sich selbst davor hütet, alle Deutschen über einen Kamm zu scheren. Er zeigt: Man kann nichts pauschalisieren und einige Dinge muss man einfach mit Humor nehmen!

"Hass und Wut haben gar nichts mit Logik zu tun. Wenn man sich anstrengt, kann man alles hassen" (S. 18)

"Ich will kein Deutscher sein, kein Araber, kein Flüchtling. Ich will Firas sein." (S. 100)

"Deshalb habe ich mir geschworen: Ohne Beweis glaube ich nichts. Ich habe es nicht selbst gesehen, dann kann es stimmen oder auch nicht. Mein Onkel in Deutschland glaubt dem syrischen Staatsfernsehen. Viele Deutsche glauben den Bildern in den Medien. Ich glaube eine Menge, aber sicher nicht, was ich nur irgendwo gehört oder gelesen oder im Fernsehen gesehen habe - und schon gar nicht, was mir irgendwer über irgendwen erzählt." (S. 126)

"Erst kürzlich brachten zwei deutsche Politikerinnen die Idee auf den Tisch, gegebenenfalls mit Schusswaffen gegen Flüchtlinge vorzugehen. Sollten sie noch geeignetes Personal benötigen, dann gäbe es da ein paar erfahrene syrische Angehörige einer "regulären Armee", die zufällig gerade in Deutschland sind und sich bestimmt gerne rekrutieren lassen. Auf unbewaffnete syrische Männer, Frauen und Kinder schießen, das können die schon..." (S. 167)

"Alle wissen, was dieser und jener Politiker zu der Flüchtlingsfrage gesagt hat oder sagt. Aber kaum jemand weiß, was die Geflüchteten dazu sagen. Oder was sie überhaupt zu sagen haben, wenn man sie mal fragen würde. Vielleicht haben sie nicht nur traurige Geschichten im Gepäck, sondern auch lustige?" (S. 186)

"Die breite Masse der geflüchteten Neuankömmlinge hingegen braucht vor allem Freiheit. Doch wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, dem wird erstmal ein Großteil der Freiheit genommen. Nicht frei bewegen. Nicht arbeiten. Nichts selber entscheiden. Menschen, die ihrer letzten Hoffnung gefolgt sind, werden hier enttäuscht - und damit stirbt der Lebensmut." (S. 221)

Firas kommt auf Deutschland zu und das ist für uns auf jeden Fall eine Bereicherung - genau wie sein erstes Buch. Mit Feingefühl, viel Humor und einer bestechenden Ehrlichkeit erzählt Firas seine teils bewegende und traurige, teils aber auch unglaubliche und hoffnungsvolle Geschichte und bleibt dabei ganz er selbst. Er berichtet über die Zustände in Syrien und über das Deutschland, das er als Flüchtling kennengelernt hat. Solche Stimmen braucht unser Land!



3 Kommentare:

Robert Baranovski hat gesagt…

Klingt interessant
Werde ich vielleicht auch mal lesen
Konnte Firas ja schon mal privat kennen lernen. Sehr sympatischer Mensch

Svenja Prautsch hat gesagt…

Echt? Wow, da bin ich neidisch :) Auch wie er sich in den sozialen Medien und seinen Videos gibt, hinterlässt ja einen sehr positiven Eindruck :)

Sandy hat gesagt…

Hey Svenja,

was für eine Geschichte! Ich stimme dir (und Firas) in so vielen Punkten zu und werde mir jetzt erst einmal seine YouTube Videos anschauen.

Danke für die tolle Rezension!

Allerliebste Grüße, Sandy von BlackTeaBooks

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