Sonntag, 27. November 2016

REZENSION: "Flawed - Wie perfekt willst du sein?" (Cecelia Ahern)

Copyright S. Fischer FJB


Titel: Flawed - Wie perfekt willst du sein?
Autor: Cecelia Ahern
Genre: Dystopie / Jugendbuch
Verlag: S. Fischer FJB
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (18,99 €)
Seiten: 480
ISBN: 978-38414223547

Celestine führt ein perfektes Leben - sie ist Klassenbeste, hat tolle Freunde und einen supersüßen Freund. Perfekt - das muss man in ihrem Land auch sein, um frei und selbstbestimmt leben zu können. Nicht einmal im Traum hätte Celestine gedacht, dass sich das irgendwann ändern könnte, doch genauso kommt es, als sie auf dem Schulweg einen schwerwiegenden Fehler begeht und dafür von der sogenannten Gilde, dem Fehlerhaften-Gericht, zur Rechenschaft gezogen wird. Als Fehlerhafte wird Celestine rundum die Uhr überwacht, darf nicht mehr tun und lassen, was sie möchte, und führt ein Leben als Ausgestoßene. Doch etwas beginnt sich zu ändern - in der Gesellschaft brodelt es und Celestine wird ungewollt zum Spielball der rivalisierenden Parteien.

Das Cover gefällt mir unheimlich gut, es passt perfekt zu einer dystopischen Geschichte und wirkt außerdem rätselhaft und ein wenig mystisch. Ich finde das Farbzusammenspiel großartig und auch die Silhouette des Mädchens, in der man sofort Aherns Heldin Celestine sieht.

Cecelia Ahern hat sich als Autorin romantischer Geschichten weltweit einen Namen gemacht und wagte mit Flawed - Wie perfekt willst du sein? einen Wechsel ins Young Adult bzw. Dystopie Genre. Das hat mich neugierig gemacht und ich nutzte auf der Frankfurter Buchmesse die Gunst der Stunde, um an ein signiertes Exemplar des Buches zu kommen. Jetzt habe ich es endlich geschafft, es zu lesen, und hier kommt nun meine Einschätzung zum Buch.

Ich persönlich habe den Eindruck, dass sich Ende 2015 der allgemeine Tenor im Dystopie-Genre geändert hat - nicht mehr eine einzelne Person oder Organisation ist der Schrecken der düsteren Zukunftsvisionen, sondern eine bestimmte Gesellschaftsstruktur, gegen die der Held bzw. die Heldin aufbegehrt. Ich denke da zum Beispiel an die Feuerzeichen Trilogie oder auch Infernale. Auch Cecelia Ahern geht mit Flawed diesen Weg. Bei ihr ist die Gesellschaft geteilt in perfekte und fehlerhafte Menschen. Die Fehlerhaften werden nach bestimmten Fehlentscheidungen oder moralischen Fehltritten als solche gekennzeichnet und zwar durch Brandzeichen. Wie in Infernale die Menschen mit Mördergen sind die Fehlerhaften Aussätzige, Sündenböcke, die es zu isolieren und zu überwachen gilt. Brandzeichen und Armbinden machen die Fehlerhaften kenntlich, barbarische Gesetze (unter anderem auch in Bezug auf die Fortpflanzung) sollen sie im Zaum halten und ihr Eindringen in die Gemeinschaft der "perfekten" Menschen verhindern. Das ganze Konzept erinnert wie auch schon in Infernale erschreckend eindeutig an die Judenverfolgung im dritten Reich und die Rassengesetze der Nationalsozialisten.

Das wohl Erschreckendste an Aherns Gesellschaftskonstrukt ist die Willkür, die der Verurteilung der Fehlerhaften zugrunde liegt. Was moralisch falsch ist, was als Fehlentscheidung gilt - das entscheidet allein die sogenannte Gilde, die als ausführende Gewalt über "perfekt" und "fehlerhaft" richtet. Durch dieses interessante Konzept übt Ahern auf kluge Weise Kritik an unserer Gesellschaft und dem Streben nach Perfektion in allen Lebensbereichen. Das Ganze prangert auch unsere Eigenschaft an, über andere zu urteilen, denn es zeigt: Es kann keine (moralischen) Richtlinien geben, nach denen alle Menschen einheitlich beurteilt und eingeschätzt werden, da jede Situation und jeder Charakter ein anderes Handeln erfordert. Das zeigt vor allem ihre Heldin Celestine.

Zu Beginn lernen wir Celestine als perfekte junge Frau kennen: Klug, hübsch, aus guter Familie, mit einem tollen Freund. Über die Fehlerhaften, die am Rande der Gesellschaft leben, denkt sie eigentlich nie nach, sie nimmt sie nicht einmal wahr. Umso erstaunlicher ist es, dass sie einem von ihnen zu Hilfe kommt und sich damit vor der Gilde strafbar macht. Dieser Akt macht Celestine genretypisch wider Willen zur Rebellin, denn die Gilde will an ihr ein Exempel statuieren, während Unterstützer der Fehlerhaften sie als Gallionsfigur sehen. Im Verlauf der Handlung zeigt sich, dass Celestine viel mutiger und stärker ist, als man das erwartet hatte. Sie ist eine beeindruckende Protagonistin, die ihre Fehler nutzt, um an ihnen zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Ihr gegenüber steht Richter Crevan, der oberste Vollstrecker der Gilde und der Vater ihres Freundes Art, den sie sich durch ihr Handeln zum erbitterten Feind macht.

Der Kampf zwischen Celestine und Crevan ist nicht physischer Art (wie etwa in Die Tribute von Panem), sondern spielt sich vor allem in den Medien und auf moralischer Ebene ab. Dabei ist die Handlung aber keineswegs weniger spannend als in anderen Dystopien, im Gegenteil. Es ist fesselnd und erschütternd mitzuverfolgen, wie Celestine von der Gilde und auch von der Gesellschaft immer wieder gedemütigt, ausgegrenzt und angefeindet wird und man muss sie einfach für ihr Durchhaltevermögen und ihren Mut bewundern. Sie lässt sich nicht unterkriegen und setzt alles daran, um Richter Crevan und das gesamte System der Fehlerhaften als korrupt und falsch zu entlarven und letztlich zu Fall zu bringen. Dabei schreibt Ahern packend und mitreißend, sodass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Das erreicht sie auch durch die Ich-Perspektive, denn man ist so ganz nah dran an Celestine, kann sich mit ihr identifizieren und fiebert von Anfang bis Ende mit ihr mit.

Das einzige, was mir bis zum Schluss nicht so recht einleuchten wollte, ist, wie es zu dieser Gesellschaftsform kam, wie sie sich entwickelt hat. Mir ist nicht ganz klar, was die Regierung davon hat, Menschen als "fehlerhaft" abzustempeln und auszugrenzen. Mir fehlt irgendwie das Hintergrundwissen zum absoluten Verständnis. Gleichzeitig finde ich, dass Aherns Konzept einer zukünftigen Gesellschaft auch ziemlich authentisch ist, denn die Gesellschaft ist nicht hoch technisiert oder durch einen Weltkrieg zerrüttet, wodurch man den Eindruck hat, dass sie gar nicht so weit in der Zukunft liegt und damit erschreckend wahrscheinlich ist. Das Ende von Flawed ist übrigens ziemlich abrupt und ich ärgere mich sehr, dass ich den zweiten Teil noch nicht habe. Ich bin auf jeden Fall wahnsinnig gespannt darauf, wie es mit Celestine weitergeht und ob es ihr gelingt, Richter Crevan und das System der Gilde zu Fall zu bringen.

Von Flawed bin ich durch und durch positiv überrascht. Cecelia Aherns Konzept von einer in fehlerhafte und perfekte Menschen geteilten Gesellschaft ist interessant und erschreckend und geht auf die jarhundertealte "Tradition" ein, Menschen aufgrund ihrer Andersartigkeit zu verurteilen und auszugrenzen. Die Geschichte selbst ist packend erzählt und fesselt mit einer mutigen, beeindruckenden Protagonistin, die sich nicht instrumentalisieren lässt und durchweg sie selbst bleibt. Mir hat zwar das gewisse Etwas zum Lieblingsbuch gefehlt, aber ich bin trotzdem unheimlich gespannt auf den zweiten Teil. Gelingt es Celestine, die Gilde zu Fall zu bringen?



Die Reihe:

1. Band: Flawed - Wie perfekt willst du sein?

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