Mittwoch, 23. November 2016

REZENSION: "Die Wahrheit" (Melanie Raabe)

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Titel: Die Wahrheit
Autor: Melanie Raabe
Genre: Thriller
Verlag: btb
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Klappenbroschur (16,00 €)
Seiten: 448
ISBN: 978-3442754922



Vor 7 Jahren verschwand Sarahs Mann Philipp spurlos während einer Geschäftsreise in Südamerika. Seitdem zieht Sarah den gemeinsamen Sohn alleine groß und fragt sich jeden Tag, ob Philipp noch lebt und wo er ist. Doch schließlich wagt Sarah einen großen Schritt, lässt sich auf einen neuen Mann ein und beginnt, ihr Leben neu zu ordnen. Und dann geschieht das Unfassbare: Das Auswärtige Amt informiert sie darüber, dass man Philipp aus den Fängen einer kolumbianischen Entführerbande befreien konnte und dass er nach Hause zurückkehrt. Sarah weiß nicht, was sie fühlen soll, ist hin- und hergerissen. Wie benebelt wartet sie am Flughafen auf Philipps Ankunft und dann der Schock: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht ihr Ehemann. Und er droht, ihr und ihrem Sohn Leon etwas anzutun, wenn sie nicht mitspielt...

Das Cover ist ziemlich nüchtern gestaltet und passt damit sehr gut zu Melanie Raabes Erzählstil und der Geschichte. Mir ist es aber einen Ticken zu weiß und klinisch und ich weiß nicht, ob es unbedingt ein Hingucker ist.

Mit ihrem Debütroman Die Falle stürmte Melanie Raabe letztes Jahr die Bestsellerlisten und avancierte innerhalb kürzester Zeit zu einer international gefragten Thrillerautorin. Vor Kurzem erschien schließlich im btb Verlag ihr zweites Buch Die Wahrheit und ich beschloss, mich doch mal an einen (für mich) neuen Thrillerautor ranzutrauen.

Der Einstieg fiel mir dann nicht ganz so leicht, denn Melanie Raabes Erzählstil ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Sie erzählt eher nüchtern und in kurzen Sätzen, gleichzeitig aber auch sehr intensiv und klar. Nach einigen Seiten hatte ich mich aber reingefitzt und der Stil wirkt auch im Nachhinein noch ziemlich eindrucksvoll und einmalig. Man ist als Leser sehr nah an der Geschichte dran, nicht zuletzt deshalb, weil aus der Ich-Perspektive erzählt wird und zwar aus Sicht der Protagonistin Sarah Petersen. Und das ist sehr raffiniert gemacht, denn im Laufe der Handlung beginnt man, an ihr zu zweifeln. Sagt sie einem die Wahrheit oder verschweigt sie Dinge? Bildet sie sich vielleicht Sachen ein oder leidet eventuell sogar unter Wahnvorstellungen oder einer Psychose? Der Blickwinkel beschränkt sich (bis auf wenige Ausnahmen, dazu komme ich später noch) auf Sarahs Sicht der Dinge. Man muss sich auf das, was sie erzählt, verlassen. Und damit spielt Melanie Raabe meisterhaft.

Zunächst lernen wir Sarah als verhältnismäßig durchschnittliche Frau kennen. Sie ist Lehrerin, hat einen 8-jährigen Sohn und lebt ihr Leben so gut es geht, seit ihr Mann vor 7 Jahren verschwand. Mit dem Auftauchen des Fremden, der anstelle von Philipp Petersen aus dem Flugzeug steigt und sich in Sarahs Haus und Leben breit macht, ändert sich jedoch alles. Geheimnisse und Lügen drängen an die Oberfläche, man fragt sich unweigerlich, ob Sarah etwas zu verbergen hat und möglicherweise doch mehr ist als eine harmlose Mutter und Lehrerin. Zum einen fragt sie sich das mit der Zeit selbst, zum anderen werden diese Spekulationen zusätzlich durch eingeschobene Kapitel geschürt, in denen der Fremde zu Wort kommt. Ganz offensichtlich sieht er in Sarah eine gefährliche, vielleicht sogar mörderische und skrupellose Frau und er tut alles, um sie aus der Reserve zu locken. Gemeinsam mit der Protagonistin fragt man sich durchgehend: Wieso? Ist der Fremde ein Auftragskiller? Will er sich in Sarahs Leben einschleichen, um sie für unzurechnungsfähig erklären zu lassen und sich so das Vermögen ihres Mannes zu ergaunern? Oder will er sich für etwas rächen, das Sarah ihm oder seiner Familie angetan hat?

Aus all dieser Zwietracht konstruiert Melanie Raabe eine grundsätzlich spannende und bedrückende Situation für ihre Protagonistin und damit auch für den Leser. Man liest immer weiter, weil man unbedingt wissen muss, wer der Fremde ist und was er mit seinem Handeln bezweckt. Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Auswirkungen, die die Situation auf Sarah Petersen hat. Sie schwankt zwischen Entschlossenheit und tiefer Verzweiflung und lässt sich von dem Fremden zu Taten provozieren, zu denen sie unter normalen Umständen niemals in der Lage gewesen wäre. In gewisser Weise ist Die Wahrheit also eine Art psychologischer Studie, die untersucht, wie ein Mensch in extremen Stresssituationen reagiert. Das Ganze ist wirklich interessant und beeindruckend mitzuverfolgen, allerdings ist die Spannungskurve dabei relativ flach. Die Handlung entwickelt sich langsam und (zumindest für mein Empfinden) mühselig. "Thrilling moments" gibt es kaum - die Bedrohung, die von dem Fremden ausgeht, ist eher subtil und stark von Sarahs Wahrnehmung abhängig. Und wieder muss man sich als Leser darauf verlassen und hat letztlich den Verdacht, dass es mit dem Fremden möglicherweise etwas ganz anderes auf sich hat, als Sarah das vermutet. Vielleicht auch etwas Harmloseres?

Obwohl die Geschichte nicht so richtig in Fahrt kommt und zwischendrin auch schon mal stagniert, bleibt man am Ball, weil man irgendwie fasziniert von dem Fremden ist und wie gesagt darauf brennt, seine Identität und seine wahren Beweggründe aufzudecken. Das Ganze gipfelt dann aber nicht, wie ich erwartet hatte, in einem explosiven Höhepunkt, sondern löst sich auf eine ganz andere Art und Weise auf. Ich möchte natürlich nicht zu viel verraten, aber von dem Ende und der Auflösung war ich leider ziemlich enttäuscht. Es lässt die Geschehnisse zwar in einem ganz anderen, zweifellos interessanten Licht erscheinen, ist mir aber doch zu banal und gleichzeitig weit hergeholt. Irgendwie scheinen sich am Ende auch zahlreiche Missverständnisse und Zufälle aneinanderzureihen und das war mir dann einfach zu simpel und lieblos. Hier hatte ich mir von einem Thriller etwas ganz anderes, etwas packenderes und mitreißenderes erhofft.

Mein erster Roman von Melanie Raabe, Die Wahrheit, konnte mich leider nicht hundertprozentig überzeugen. Die Geschichte punktet zwar mit einer grundsätzlich spannenden und ungewöhnlichen Ausgangssituation und ist dazu sehr raffiniert, wenn nicht sogar meisterhaft erzählt, war mir im Mittelteil aber zu langatmig und gegen Ende zu banal. Das hat mich ein wenig enttäuscht, aber nicht abgeschreckt. Melanie Raabes einzigartiger Stil hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht auf weitere Geschichten aus ihrer Feder.



1 Kommentare:

Chrissi hat gesagt…

Guten Abend,

Sehr Schade dass dich das Buch nicht völlig überzeugen konnte. Hab "Die Wahrheit" selbst noch nicht gelesen, aber hatte es noch unbedingt vor, weil mir "Die Falle" so gut gefallen hat. Ich mag Frau Raabes Schreibstil auch sehr gut leiden!

Liebe Grüße
Chrissi

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