Montag, 14. November 2016

REZENSION: "Der Nachtwandler" (Sebastian Fitzek)

Copyright Droemer Knaur

Titel: Der Nachtwandler
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Psychothriller
Verlag: Droemer Knaur
Erscheinungsjahr: 2013
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 320
ISBN: 978-3426503744




Leon Nader litt in seiner Jugend unter schweren Schlafstörungen und wurde während seiner Schlwafwandel-Phasen sogar mitunter gewalttätig. Seine Pflegeeltern ließen ihn deswegen psychiatrisch behandeln und nach einer erfolgreichen Therapie gilt Leon eigentlich als geheilt. Eigentlich. Denn als seine Frau Natalie unter mysteriösen Umständen spurlos verschwindet und Leon sich an nichts mehr erinnern kann, kommt ihm der Verdacht, dass seine Krankheit wieder ausgebrochen ist und er Natalie während einer Schlafwandel-Phase vielleicht etwas Schlimmes angetan hat. Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen, bringt Leon vor dem Einschlafen eine Kamera an seiner Stirn an, die die aufgenommenen Videos direkt an seinen Laptop sendet. Doch was er dann am nächsten Morgen auf dem Bildschirm sieht, kann er kaum glauben: Er sieht, wie er sich im Schlaf aufsetzt und durch eine versteckte Tür in seinem Schlafzimmer hinab in die Tiefe steigt. Eine Tür, die eigentlich gar nicht da ist...

Das Cover ist überwiegend schwarz und sehr düster gestaltet, was mir zum einen gut gefällt und zum anderen einfach perfekt zu einem Thriller passt. Mich hat es jedenfalls auf die geheimnisvolle Geschichte um Leon Nader eingestimmt!

Nach der Fitzek Show am Donnerstag musste ich am Wochenende (wie sollte es anders sein) einfach zu einem Fitzek greifen. Meine Wahl fiel auf Der Nachtwandler, das nun schon seit einiger Zeit in meinem Regal steht. Der Klappentext klang für mich schon einmal vielversprechend und auch thematisch klang die Geschichte sehr interessant. Diesmal entführt Fitzek den Leser im wahrsten Sinne des Wortes in eine Traumwelt und präsentiert ihm mit Leon Nader einmal mehr einen Protagonisten, der im Verlauf der Handlung immer wieder an seinem Verstand zweifelt.

Leon Nader ist ein erfolgreicher Architekt, der zusammen mit seinem alten Freund und Partner kurz vor dem großen Durchbruch steht. Auch privat läuft es für den End-Zwanziger gut: Seit etwa einem Jahr lebt er zusammen mit seiner großen Liebe Natalie in einer absoluten Traumwohnung und die beiden wünschen sich Kinder. Doch kurz nach Weihnachten läuft Leons geregeltes Leben völlig aus den Bahnen, denn urplötzlich verschwindet Natalie spurlos und Leon hat Grund zu der Annahme, dass er ihr etwas angetan haben könnte und befürchtet, dass er wieder zu schlafwandeln begonnen hat. Die Krankheit zeigte sich in seiner Kindheit recht heftig, während der Schlafwandel-Phasen neigte Leon sogar zu Gewalt. Und damit schafft Fitzek eine geheimnisvolle, verstörende Ausgangssituation für einen packenden Psychothriller.

Spielen die meisten von Fitzeks Büchern in seiner Heimatstadt Berlin, so lässt er den Handlungsort von Der Nachtwandler bewusst offen. Er betont sogar, dass die Geschichte sich überall auf der Welt (vielleicht sogar in der näheren Umgebung des Lesers) so zugetragen haben könnte und steigert damit den Nervenkitzel. Ansonsten bleibt er seinem Schema relativ treu, was der Story aber keinen Abbruch tut. Im Gegenteil! Die Suche nach Antworten läuft für Leon schon nach kürzester Zeit völlig aus dem Ruder, die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verschwimmen und das Ganze wird für ihn zunehmend verwirrender, bizarrer und abstruser. So auch für den Leser. Bald schon kann man nicht mehr unterscheiden, wann Leon schlafwandelt und wann er wach ist und auch er selbst gerät immer tiefer hinein in den Strudel seiner Psyche und ist sich seiner selbst bald schon nicht mehr sicher. Hier spielt Fitzek wieder einmal grandios mit dem Leser und zeigt, wie komplex die menschliche Psyche ist. Mittlerweile ist das ja schon fast ein Markenzeichen seiner Romane.

Leons schlafwandlerische Aktivitäten und die verborgene Tür in seinem Schlafzimmer, die hinab in ein komplexes Tunnelsystem zwischen den Wänden des Altbauhauses führt, bleiben bei Weitem nicht die einzigen Mysterien. Immer wieder stößt Leon auf Ungereimtheiten, kann sich an vieles nicht erinnern und wird von einer anderen Mieterin des Hauses auch noch darauf hingewiesen, dass das Haus verflucht sei und die Bewohner früher oder später ins Verderben stürzen würde. Neben den Hinweisen auf eine mögliche Gewalttat (Leon selbst hält sich für den Schuldigen) kommt hier also noch der Mythos des verfluchten Hauses, das die Mieter in den Wahnsinn treibt, ins Spiel. Das hat mich gleichermaßen überrascht wie komplett mitgerissen. In den Tunneln zwischen den Wohnungen verbergen sich grauenhafte Geheimnisse, denen Leon in seinem angeschlagenen Zustand auf den Grund zu gehen versucht. Als Leser hat man eigentlich von Anfang an den Verdacht, das hinter dem Ganzen doch irgendwie mehr stecken muss als "nur" Leons Schlafstörungen und seine Schlafwandel-Phasen, obwohl die im Verlauf der Handlung immer merkwürdiger und schockierender werden. Da muss man sich auf jede Menge Nervenkitzel einstellen!

Langweilig ist Der Nachtwandler bis zum Ende auf jeden Fall kein einziges Mal. Man kann das Buch kaum weglegen, muss einfach immer wieder direkt weiterblättern, um herauszufinden, auf was für Merkwürdigkeiten und grausame Taten Leon auf der nächsten Seite wohl wieder stoßen wird. Dabei liefert Fitzek auch einen faszinierenden Einblick in den Somnambulismus, ein Teil der Psychiatrie, der bisher nur wenig erforscht ist. Das gibt dem Autor natürlich die Möglichkeit, die Grenzen voll auszureizen und Szenarien zu entspinnen, von denen man einfach nicht sagen kann, ob sie so passieren könnten oder völlig abstrus sind. Und auch das Ende hat mich wieder einmal komplett umgehauen: Chapeau, Herr Fitzek! Auf dieses Ende kann man (ich wiederhole: KANN MAN) als Leser einfach nicht kommen, es ist dermaßen ausgeklügelt und plausibel und doch wiederum völlig skurril und unerklärlich, dass es einen einfach von den Socken haut. Man weiß ja prinzipiell, dass Fitzek von Anfang an seine Psychospielchen spielt - sowohl mit seiner Hauptfigur als auch mit dem Leser. Und trotzdem verschließt man ganz einfach die Augen vor dem, was am Ende kommt. Wenn es jemanden unter euch gibt, der dieses Ende vorausgeahnt hat, dann sagt mir auf jeden Fall bescheid! Vor diesem Jemand muss ich dann ganz einfach meinen imaginären Hut ziehen! ;)

Der Nachtwandler ist für mich auf jeden Fall einer der besten Roman aus der Feder von Sebastian Fitzek und ein durchweg spannender, teils verwirrender und teils völlig abstruser Psychothriller allererster Güte. Ein Pageturner, der einen einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Möglicherweise ist das Ende einen Ticken zu abgedreht, dafür aber so phänomenal inszeniert und überraschend, dass man über kleinere Schwächen gerne hinwegsieht.



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