Dienstag, 29. November 2016

REZENSION: "Delirium" (Amor-Trilogie 01) (Lauren Oliver)

Copyright Hörbuch Hamburg
Titel: Delirium (Amor-Trilogie 01)
Autor: Lauren Oliver
Genre: Jugendbuch / Dystopie
Sprecher: Annina Braunmiller-Jest
Erscheinungsjahr: 2011
Format: Hörbuch (13,99 €), TB, eBook
Länge: 7 Stunden, 22 Minuten (416 Seiten), gekürzte Lesung
ISBN: 978-3867421003

Lena kann es kaum erwarten: In wenigen Monaten wird sie 18 Jahre alt und dann wird sie durch einen kleinen Eingriff endlich für immer von der gefährlichsten Krankheit überhaupt geheilt - der Amor Deliria Nervosa, auch "Liebe" genannt. In Lenas Welt ist die Liebe das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, und wird daher von der Regierung rigoros aus den Köpfen der Menschen verbannt. Da Lena aufgrund ihrer Mutter, die an der Deliria erkrankte und sich schließlich umbrachte, besonders gefährdet ist, fiebert sie auf den großen Tag hin und freut sich auf ein unbeschwertes Leben an der Seite des Partners, den die Regierung für sie vorsieht. Doch alles ändert sich, als sie am Tag ihrer Evaluierung einen Fremden kennenlernt. Alex zieht sie schnell in ihren Bann und plötzlich muss Lena sich fragen, ob die Liebe wirklich eine gefährliche Krankheit oder nicht doch eher etwas Wunderschönes ist...

Das Cover ist nicht unbedingt mein Fall. Das Weinrot gefällt mir zwar ganz gut, mit der Nahaufnahme des Gesichts und der Schrift im Hintergrund ist es mir aber einen Ticken zu beliebig und nichtssagend. 

Geschichte und Erzählstil:

Delirium ist der Auftakt zu Lauren Olivers Amor-Trilogie - eine dystopische Jugendbuch-Reihe, hinter der eine interessante und außergewöhnliche Idee steckt. Ein bisschen hat sie mich beim Hören an Scott Westerfelds Ugly-Reihe erinnert, denn auch in Delirium geht es darum, dass die Menschen bis zu einem bestimmten Punkt in ihrem Leben (hier der 18. Geburtstag) unperfekt sind, denn erst dann werden sie durch einen Eingriff von der Amor Deliria Nervosa, der Liebe, geheilt. In dieser Zukunftsvision ist Liebe das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Wer an ihr festhält und sich nicht heilen lassen will, ist ein Verbrecher. Und mit diesem grausamen Konzept im Hintergrund lernt man als Leser die 17-jährige Lena kennen.

Lena kommt aus (gesellschaftlich gesehen) schwierigen Verhältnissen, denn ihre Mutter erkrankte an der Deliria und wurde von der Krankheit in den Selbstmord getrieben, während ihr Vater als Sympathisant galt - jemand, der sich mit den Menschen, die sich nicht heilen lassen wollen, gut stellt. Deswegen wuchs Lena bei ihrer Tante auf und fiebert nun dem Tag entgegen, ab dem sie endlich ein selbstbestimmtes Leben führen kann - ihrem 18. Geburtstag, an dem sie durch eine Operation endgültig von der Liebe geheilt werden soll. Anfangs kann man das nicht so recht glauben: Ein 17-jähriges Mädchen, dass Angst vor der Liebe hat, weil es sie für eine tödliche Krankheit hält, und es kaum erwarten kann, einen Partner zugewiesen zu bekommen und ein Leben ohne jegliche Gefühle zu führen. Doch das ist eben das, was Lena kennt, was ihr von Geburt an eingetrichtert wurde. Und dieser Gedanke hat mich doch ziemlich mitgenommen.

Zu Beginn ist Lena ein braves Mädchen, das an das Konzept der Regierung glaubt und manchmal regelrecht Angst vor ihrer rebellischen Freundin hat, die verbotene Musik hört und auf illegale Partys geht. Doch das ändert sich, als Lena Alex kennenlernt - einen Jungen, mit einem unglaublichen Geheimnis. Die beiden verlieben sich ineinander (wie sollte es anders sein) und bald schon gerät Lenas Entschluss, sich der Operation zu unterziehen, ins Wanken. Erst denkt sie noch, Alex hätte sie mit der Deliria infiziert, doch bald schon erfährt sie, was wahre Liebe ist und ist sich gar nicht mehr so sicher, ob es sich dabei wirklich um eine Krankheit handelt. Wir gehen also an Lenas Seite auf eine Entdeckungsreise durch ihre Gefühlswelt und das ist ziemlich mitreißend und spannend - mitzuverfolgen, wie sie die Fesseln der Gesellschaft allmählich abwirft und rebelliert. Doch natürlich kann es nicht ewig so weitergehen, schließlich ist Lena verpflichtet, den Eingriff vornehmen und sich heilen zu lassen. So wird es gegen Ende ziemlich spannend - Lena und Alex müssen gegen die Regierung ankämpfen und wissen, dass sie nur fliehen können, um gemeinsam zu überleben. Und so will man gegen Ende das Hörbuch gar nicht unterbrechen, weil Lenas und Alex' Kampf so nervenzerfetzend ist.

Eine gefühlsleere Gesellschaft, keine Liebe, keine wahre Freundschaft - nur Funktionieren. Das steckt hinter Lauren Olivers dystopischer Zukunftsvision und diese Vorstellung ist stellenweise erschreckender und grauenvoller als eine diktatorische Herrschaft, wie man sie aus anderen Dystopien kennt. Auch in Delirium wird den Menschen das Recht auf Selbstbestimmung genommen, aber für mein Empfinden auf noch viel perfidere Weise. Die Menschen werden auch hier unterdrückt, aber sie merken es nicht, denn sie glauben, dass es für sie das Beste ist, wenn sie ohne Liebe leben. Ich bin sehr gespannt darauf, wie es in den Folgebänden diesbezüglich weitergeht - ob sich herausstellt, dass die Regierung die Menschen belügt und ihnen die Fähigkeit zu lieben nur nimmt, um sie kontrollieren zu können. Oder ist die Liebe am Ende doch eine Krankheit? Eines ist mir nämlich bis zum Ende nicht ganz klar gewesen: Weshalb die Menschen die Liebe als Krankheit ansehen und was die Regierung davon hat, sie zu unterbinden und die Menschen zu "heilen". Mir fehlte hier (ähnlich wie in Flawed) das Hintergrundwissen, das Bisschen, das die Dystopie noch authentischer gemacht hätte. Ich hoffe, dass die Fortsetzungen Licht ins Dunkel bringen.

Die Liebesgeschichte zwischen Lena und Alex war im Prinzip nicht wirklich originell, hat einen aber doch berührt. Und vor dem Hintergrund, den Lauren Oliver kreiert, ist sie auch besonders tragisch und packend. Ich kann euch verraten, dass Delirium mit einem fiesen Cliffhanger endet und man einfach unbedingt gleich den zweiten Tel hören bzw. lesen will. Zum Glück habe ich den schon da und so werde ich hoffentlich bald erfahren, wie es mit Lena und Alex weitergeht :)

Sprecher:

Delirium wird von Annina Braunmiller-Jest gelesen, der deutschen Synchronstimme von Kristen Stewart. Ihre Stimme ist jedenfalls ausdrucksstärker als Stewarts Mimik (verzeiht den Seitenhieb) und ich höre ihr sehr gerne zu. Sie passt zu der jugendlichen Heldin Lena - man kann sie sich richtig gut vorstellen. Auch Gefühle und Dialoge bringt Annina Braunmiller-Jest sehr gut rüber, es macht großen Spaß, ihr zu lauschen.

In Delirium erschafft Lauren Oliver eine dystopische Welt, in der die Liebe und überhaupt jegliche Gefühle ausradiert werden und die Menschen nur noch funktionieren und so leben, wie die Regierung es will. Ein erschreckendes und fesselndes Szenario. Die Geschichte von der jungen Rebellin, die sich schließlich gegen das Konzept zur Wehr setzt und für ihre Liebe kämpft, ist nicht neu, aber durchaus spannend. Deswegen freue ich mich schon auf den zweiten Teil - wird es Lena und Alex gelingen, ein gemeinsames Leben zu führen?



Die Reihe:

1. Band: Delirium
2. Band: Pandemonium
3. Band: Requiem

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