Donnerstag, 3. November 2016

REZENSION: "Das Paket" (Sebastian Fitzek)

Copyright Droemer Knaur



Titel: Das Paket
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Thriller / Psychothriller
Verlag: Droemer Knaur
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (19,99 €)
Seiten: 368
ISBN: 978-3426199206



In einem Hotelzimmer wird die Psychiaterin Emma Opfer einer brutalen Vergewaltigung durch einen Serienmörder, den die Medien mittlerweile nur noch den "Frisör" nennen. Doch niemand will Emma so recht glauben, dass die Tat wirklich geschehen ist, schließlich ist sie noch am Leben und das Hotelzimmer, in dem sie angegriffen wurde, gibt es gar nicht. Emma beginnt, an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln und verschanzt sich in ihrem Haus in einem Berliner Vorort, das sie monatelang nicht mehr verlässt. Doch eines Tages öffnet sie dem Grauen, vor dem sie sich so sehr fürchtet, selbst die Tür und zwar, indem sie ein Paket für einen mysteriösen Nachbarn annimmt, dessen Namen sie noch nie gehört hat...

Das Cover ist ein Meisterwerk, ganz ehrlich. Ich hatte Glück, noch eine der limitierten Ausgaben zu erwischen und so war mein Buch zusätzlich noch in einer bedruckten Pappschachtel - wie ein Paket eben. Der Verlag hat sich wirklich selbst übertroffen, selten habe ich ein Cover gesehen, das derart perfekt auf den Inhalt abgestimmt war wie dieses hier. Einfach grandios!

Bevor es für mich am 10.11. zur Jubiläumsshow von Sebastian Fitzek im Haus Auensee geht, wollte ich natürlich noch unbedingt sein neues Buch lesen. Für Das Paket wird schon seit dem Frühjahr kräftig die Werbetrommel gerührt und dementsprechend gespannt war ich auf seinen mittlerweile 14. Thriller (Die Blutschule mitgezählt). In Das Paket geht es wie in den meisten Romanen von Fitzek um die Abgründe der menschlichen Psyche. Und der Psychoterror beginnt nicht erst mit dem geheimnisvollen Paket, das die Protagonistin Emma sich ins Haus holt, sondern schon viel früher.

Im Prolog erfährt der Leser erst einmal etwas über Emmas Vergangenheit und wird gleichzeitig über den Grund für ihr Interesse an der menschlichen Psyche und ihre spätere Berufswahl aufgeklärt. Als Kind hatte Emma einen imaginären Freund, der in ihrem Schrank lebte und ihr zur Seite stand, als ihr eigener Vater sich nicht um sie kümmerte. Es wird zwar gesagt, dass Emma deswegen als 10-Jährige in psychiatrischer Behandlung war und als geheilt gilt, trotzdem zieht sich der Geist im Schrank, mit Namen Arthur, durch die gesamte Geschichte. Eines vorweg: Natürlich verrate ich nicht, was es mit Arthur wirklich auf sich hat, die Auflösung am Ende war aber für mich ebenso überraschend wie absurd. Nicht unbedingt im negativen Sinne, nur einfach schwer vorstellbar. Das heißt aber natürlich nicht, dass es nicht möglich ist. Ich selbst weiß nur nicht so genau, wie ich zu Fitzeks Kniff diesbezüglich stehe.

Als Erwachsene ist Emma eine renommierte Psychiaterin und hat einen sehr guten Ruf. Man hat das Gefühl, sie ist eine starke Frau, doch das ändert sich nach dem Angriff durch den sogenannten Frisör, der seinen Opfern die Haare abschneidet, bevor er sie ermordet. Emma überlebt, wird jedoch nach dem Überfall zu einem psychischen Wrack. Sie leidet unter Paranoia und wird weder von der Polizei noch von ihren Freunden und Vertrauten wirklich ernst genommen. Ihr wird gesagt, sie habe eben schon immer eine blühende Fantasie gehabt. Oftmals wird sie sogar als verrückt, durchgeknallt und nicht zurechnungsfähig abgestempelt. Das hat mich persönlich ziemlich wütend gemacht, denn man wirft Emma sogar vor, den Angriff des Frisörs und die Vergewaltigung selbst inszeniert und sogar eine Schwangerschaft frei erfunden zu haben. Und diese Vorwürfe lassen Emma selbst wiederum an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln, sodass sie sich mehr und mehr in ihre Paranoia verstrickt. Fitzek bringt hier ein (man kann schon sagen) tabuisiertes Thema zur Sprache: Den Umgang mit Menschen, die psychisch krank sind. Anders als physische Krankheiten sind geistige Erkrankungen nichts Greifbares, lassen sich manchmal sogar nicht einmal zweifelsfrei diagnostizieren. Und das hat zur Folge, dass viele Menschen mit Unverständnis auf psychisch Kranke reagieren. Ich schweife ab, was ich aber sagen will: Was Sebastian Fitzek in Das Paket thematisiert, sollte einem zu denken geben.

Der Fall selbst ist nicht unbedingt so spannend wie so manch einer in Fitzeks anderen Romanen. Es gibt einige "Thrill"-Momente, aber viel mehr geht es darum, zwischen Einbildung und Realität zu unterscheiden. Beinahe jedes Kapitel endet damit, dass eine weitere Ungereimtheit oder ein weiteres Puzzlestück auftaucht und so wird die Lösung des Rätsels Stück für Stück zusammengesetzt. Trotz des verhältnismäßig gemächlichen Tempos ist die Geschichte aber nicht langweilig, sondern durchgehend spannend - wenn auch nicht so packend wie manch anderer Thriller. Als Leser will man, wie Emma, herausfinden, was denn nun hinter dem Angriff im Hotel und hinter dem Paket steckt. Was Emma sich vielleicht wirklich nur einbildet und was real ist. Trotzdem man eigentlich weiß, dass Emma paranoid ist, kommt man nicht umhin, ihren Schlussfolgerungen immer wieder aufs Neue zuzustimmen und wird so selbst ein kleines bisschen paranoid. :D Wieder ein grandioses Verwirrspiel mit dem Leser.

An falschen Spuren und vermeintlichen Tätern mangelt es in Das Paket ganz und gar nicht. Jeder der auftauchenden Charaktere könnte der Mörder sein und so wird es gegen Ende dann doch zu einer nervenzerfetzenden Spurensuche. Manche Dinge waren vorhersehbar, andere komplett überraschend und die Täterauflösung am Ende hat es auf jeden Fall in sich. Trotzdem fehlte mir hier irgendwie das gewisse Etwas, das Salz in der Suppe. Die Story ist ausgeklügelt und wieder hervorragend erzählt, keine Frage. Aber irgendwie haben mich die Rolle, die das titelgebende Paket spielt, und schließlich auch die Lösung des Rätsels um den Frisör etwas enttäuscht. Der Psychoterror dazwischen ist auf jeden Fall nervenaufreibend und das tiefe Eindringen in Emmas Psyche hoch interessant, aber für einen Thriller hätte es ruhig noch packender, nervenzerfetzender und verstörender sein können. Ja, verstörender. Noch eine Schippe drauflegen bitte, Herr Fitzek. ;)

Mit Das Paket hat Sebastian Fitzek einen spannenden und hoch interessanten Roman über die Abgründe der menschlichen Psyche geschrieben und spielt wieder einmal grandios mit seiner Hauptfigur und dem Leser. Wie gewohnt lässt sich das Buch sehr gut lesen, die Spurensuche ist trotz des relativ gemächlichen Tempos nervenaufreibend und ausgeklügelt. Schlaflose Nächte und unkontrollierte Schweißausbrüche hat mir Das Paket aber nicht beschert - der große Thrill blieb bei mir aus und deswegen hätte es ruhig noch einen Ticken verstörender und grausamer sein dürfen!



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