Sonntag, 16. Oktober 2016

REZENSION: "Totenfang" (Simon Beckett)

Copyright Wunderlich



Titel: Totenfang
Autor: Simon Beckett
Genre: Thriller / Krimi
Verlag: Wunderlich / Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (22,95 €)
Seiten: 560
ISBN: 978-3805250016




David Hunter ist zurück! Nach seinem letzten Fall in Dartmoor hat der Ruf des forensischen Anthropologen schwer gelitten und so kommt es überraschend, als er plötzlich zu einem Fall in die Backwaters / Essex gerufen wird. Dort hat die Ebbe eine furchtbar entstellte Leiche freigelegt, der Hände und Füße fehlen - die Polizei geht davon aus, dass es sich dabei um den vor 6 Wochen spurlos verschwundenen Leo Villiers handelt, doch Hunter hat Zweifel. Und als im Wasser wenig später ein Fuß gefunden wird, der eindeutig zu einer anderen Leiche gehört, nimmt der Fall eine grausige Wendung. Noch bevor Hunter das Rätsel um den Toten lösen kann, wird klar, dass sich in den Backwaters mehr als nur eine Leiche befindet und Hunter wird erneut in einen gefährlichen Strudel hineingezogen.

Weiße Cover sind ja bekanntlich nicht so mein Ding, aber dieses passt zur Covergestaltung der anderen Hunter-Bücher und macht sich deswegen natürlich schön im Regal. Und ich mag es, dass es relativ einfach und eher subtil bedrohlich gehalten ist - so wie die Geschichte selbst auch.

Ich bin ein großer Fan von Simon Becketts David-Hunter-Reihe und habe lange auf die Rückkehr des forensischen Anthropologen gewartet. Auch diesmal nimmt Beckett den Leser wieder mit in eine Gegend, die schon durch ihre Landschaft düster und bedrohlich wirkt und eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugt: Es geht in die Backwaters, ein Mündungsgebiet in Essex und ein Labyrinth aus Kanälen, Bächen und Deichen, in dem es ein Mörder denkbar leicht hat. Überschwemmungen, Sturmfluten und kalter Regen machen die Gegend unwirtlich und ungemütlich und man kuschelt sich beim Lesen unwillkürlich ein wenig mehr in seine Decke. Das liebe ich so an Becketts Büchern: Schon die Atmosphäre und die Grundstimmung sind bedrohlich und das erzeugt natürlich von Anfang an Gänsehautstimmung und ein ungutes Gefühl in der Magengrube.

Der Protagonist in Totenfang ist wieder David Hunter, den man aus Becketts anderen Thrillern kennt und der zwar im eigentlichen Sinne kein Ermittler, sondern eher Berater ist, aber irgendwie immer in die grausamsten Fälle hineingerät. Nach seinem letzten Fall ist Hunters Ruf jedoch stark beschädigt und er führt ein eher ruhiges Leben in London, wird nicht mehr zu Mordfällen gerufen und arbeitet nur noch als Forscher an der Universität. Man merkt ihm an, dass er damit alles andere als zufrieden ist - ihm fehlen das Adrenalin und die Aufregung eines echten Falls, was mich ein bisschen an den guten alten Sherlock Holmes erinnert hat. Umso größer ist Hunters Begeisterung, als er völlig unerwartet von einem Officer aus Essex kontaktiert wird, der seine Hilfe bei der Bergung einer Wasserleiche benötigt. Hunter lässt sofort alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg, was noch einmal zeigt, wie sehr er für die polizeiliche Ermittlungsarbeit brennt.

Das Konzept von Becketts Hunter-Romanen erinnert an die populären Krimi-Serien im Fernsehen, denn Beckett setzt nicht nur auf spannende Fälle, sondern eben auch auf einen sympathischen Protagonisten, mit dem der Leser mitfiebert und in dessen Privatleben er sozusagen Einblick hat. Während seiner Arbeit in den Backwaters kommt Hunter, dessen Frau und Tochter vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen, nämlich auch einer Frau näher, aber dazu später mehr. Erst einmal zum Fall selbst: Schon am Anfang ist (dem Leser zumindest) klar, dass es nicht bei einem Leichenfund bleibt und bald stellt sich die Frage, ob in den Backwaters ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Hunter kommt der Lösung des Rätsels dabei nicht durch klassische Ermittlungsarbeit näher, sondern durch seine Arbeit als forensischer Anthropologe. Er untersucht die stark verwesten Leichen (ähnlich wie Bones) und rekonstruiert auf diese Weise die Todesursache und den Tathergang. Wie gewohnt geht Beckett dabei sehr ins Detail und man erfährt Dinge über den menschlichen Körper, die man vielleicht lieber nicht wissen wollte. :D Das macht die Geschichte und die Hauptfigur selbst unglaublich authentisch und ich war wieder völlig beeindruckt von Becketts umfangreichen Wissen, dass er sich ja als Journalist komplett selbst angeeignet hat.

Der Fall selbst ist komplexer, als man anfangs vielleicht ahnen könnte: Nach dem ersten Leichenfund stoßen die Ermittler auf weitere Körperteile und auch einen weiteren Toten, der ebenso wie der erste übel zugerichtet ist. Doch nicht nur die Leichenfunde an sich, sondern auch die Grundstimmung in den Backwaters wirkt bedrohlich. Unter den Einwohnern herrscht Zwietracht, jeder verdächtigt jeden und die zwei aktuellen Vermisstenfälle in der Gegend geben Anlass zu wilden Spekulationen. Ich kann euch schon mal verraten, dass Beckett viele falsche Fährten legt und der Fall mehr als nur eine überraschende Wendung nimmt. Trotz der doch recht vielen Seiten und der Nebenhandlung um die sich anbahnende Beziehung zwischen Hunter und Rachel, der Schwester einer vermissten Frau und Schwägerin des Verdächtigen, ist Totenfang von vorne bis hinten spannend, liest sich wie immer sehr sehr gut und lässt garantiert keine Langeweile aufkommen. Das Tempo ist nicht (wie etwa bei Dan Brown) rasant, sondern eher gemächlich, aber genau das liebe ich so an Becketts Büchern.

Natürlich fragt man sich hin und wieder, wie Hunter, der ja gar kein richtiger Ermittler ist, immer wieder in solch gefährliche Situationen hineinstolpern kann, aber trotzdem wirkt das Ganze nicht konstruiert, denn das Gebiet ist schließlich relativ überschaubar und so erscheint es logisch, dass sich Becketts Protagonist immer tiefer in die Sache verstrickt. Man nimmt es ihm voll ab. Für mich war es jedenfalls sehr spannend, die Aufklärung des Falls zu verfolgen und der Mörder ist dann am Ende tatsächlich jemand, den man so gar nicht auf dem Schirm hat. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn auch die Beziehung zwischen Hunter und Rachel, die sich nicht in den Vordergrund drängt, aber doch immer mal wieder präsent ist, bekommt noch ihren Raum und außerdem gibt es einen winzigen Ausblick auf einen neuen Fall für David Hunter. Und das lässt mich hoffen, dass es vielleicht bald weitergeht und wir diesmal nicht wieder so lange auf einen neuen Hunter-Roman warten müssen. Nach diesem packenden Thriller bin ich auf jeden Fall sehr gespannt!

Mit seinem fünften Roman um den forensischen Anthropologen David Hunter hat Simon Beckett für mich genau ins Schwarze getroffen. Totenfang vereint all das in sich, was ich an seinen Büchern so liebe: Eine düstere, subtil bedrohliche Atmosphäre, ein komplexer Mordfall, jede Menge falsche Fährten und ein sympathischer Protagonist, dem man bei seiner Arbeit ganz genau über die Schulter schaut. Ein rasanter Thriller ist Totenfang definitiv nicht, aber dafür ein Krimi, der mit einer sich allmählich aufbauenden Bedrohung und einer Detailgenauigkeit punktet, die ich einfach nur bewundern kann. Ganz große Unterhaltung von Anfang bis Ende - Hunter is back!



Die Reihe:

2. Band: Kalte Asche
3. Band: Leichenblässe
4. Band: Verwesung

5. Band: Totenfang

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