Freitag, 28. Oktober 2016

REZENSION: "Oryx und Crake (Maddaddam #1)" (Margaret Atwood)

Copyright Berlin Verlag



Titel: Oryx und Crake
Autor: Margaret Atwood
Genre: Dystopie
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsjahr: 2014
Format: eBook (10,99 €)
Seiten: 384
ISBN: 978-3-8270-7747-9



Snowman ist einsam. In aller Abgeschiedenheiten kümmert er sich nach den katastrophalen Auswirkungen einer Epedemie um die Individuen in seiner Obhut, mit denen er sich jedoch nicht vernünftig unterhalten kann. Es fällt ihm immer schwerer, sich an seine Vergangenheit zu erinnern. An eine Zeit, als er noch Jimmy hieß, als er die geheimnisvolle Oryx liebte und als sein bester Freund Crake dies auch tat. Nur mühsam kann er die Ereignisse rekapitulieren, die zu seinem jetzigen Dasein geführt haben, und welche Rolle er selbst darin gespielt hat.

Um ehrlich zu sein, finde ich das Cover etwas nichtssagend, weil man einfach keine Anhaltspunkte hat, worum es im Roman gehen könnte.

Von allen Dystopien, die ich bisher gelesen habe, war diese definitiv die ungewöhnlichste und am schwersten zu lesende. "Schwer" ist hier aber keineswegs gleichzusetzen mit "schlecht", das möchte ich vorab sagen. Was Oryx und Crake von anderen Dystopien abhebt, ist deren Aufbau. Es gibt zwei Zeitebenen: Gegenwart und Vergangenheit, die beide durch die Augen von Snowman bzw. Jimmy (wie er sich vorher nannte) erzählt werden. Die vergangenen Ereignisse sind hier aber wesentlich zentraler als das gegenwärtige Geschehen. Genau genommen passiert in der Gegenwart eigentlich nichts Nennenswertes, außer dass Jimmy aufbricht, um Proviant zu besorgen. Dreh- und Angelpunkt sind die Ereignisse, die im Vorfeld passiert sind, denn ohne sie macht nichts, was Snowman/Jimmy tut und sagt einen Sinn. Demnach war ich vor allem am Anfang extrem verwirrt und musste mich durch die ersten Seiten und auch einige spätere Passagen regelrecht durchquälen. Sie haben sich gezogen wie Kaugummi und ich wollte schon frustriert aufgeben. Sobald Jimmy jedoch einmal beginnt, seine Vergangenheit und die Ereignisse, die zur Katastrophe geführt haben, zu rekonstruieren, wurde es tatsächlich für mich interessant. Atwood rollt quasi das Feld von hinten auf. Je mehr man erfährt, desto besser kann man sich in der "Ist-Welt" (wie ich sie mal bezeichnen möchte) zurechtfinden, bis dann am Ende alle Fäden zusammenführen. Dann hat es endlich bei mir Klick gemacht und alles ergab einen Sinn: warum Jimmy jetzt Snowman heißt, warum die "Crakers" (die Leute, um die er sich kümmert) so naiv sind und man ihnen alles Mögliche erklären muss, wo Crake und Oryx sind, warum Jimmy/Snowman nie auf andere Menschen trifft. Dieser Aha-Effekt ist es, der mich zum Weiterlesen animiert hat. Ebenso die im Inhaltsverzeichnis angedeutete Dreiecksgeschichte zwischen Jimmy, Oryx und Crake. In der Beziehung war ich jedoch nicht ganz zufrieden. Was man hier definitiv nicht bekommt, ist eine emotionale, herzerweichende Liebesgeschichte. Ein Hin und Her à la Tribute von Panem bleibt einem hier also erspart (Ich finde die Trilogie toll, keine Frage, aber hier hätte so ein Durcheinander nur vom Wesentlichen abgelenkt). Das liegt zum einen an dem recht sachlichen Ton, in dem Jimmy seine Geschichte erzählt. Zum anderen liegt es an den Charakteren selbst. Alle drei sind nicht gerade Figuren, die einem sofort ans Herz wachsen. Crake beispielsweise ist das, was man wohl als (gutaussehenden) Nerd bezeichnen würde, weshalb er auch als Wissenschaftler bei CorpSeCorps arbeitet. Für mehr als seine Arbeit hat er eigentlich keinen Blick - abgesehen von Oryx. Und in der Beziehung kann man nicht wirklich von einer leidenschaftlichen Liebe sprechen. Jimmy ist da schon etwas emotionaler und handelt impulsiver, ordnet sich jedoch immer Oryx' Bedürfnissen unter. Das hat mir zunehmend missfallen. Und Oryx wiederum ist so undurchschaubar, dass ich kaum eine Bindung zu ihr aufbauen konnte. Um ehrlich zu sein, mochte ich sie nicht besonders. Mir ist schleierhaft, was Crake und Jimmy an ihr gefunden haben. Ich verstehe zwar, dass Jimmy das Bedürfnis hatte, sie zu "retten", aber das war's dann auch schon. Vielleicht ist es auch Oryx' Backgroundstory, die mich schlicht abgeschreckt hat. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie so grausam hätte sein müssen bzw. ob man sie so ausführlich hätte beschreiben müssen. Denn anstatt mich deshalb mit ihr verbunden zu fühlen oder Mitleid mit ihr zu empfinden, konnte ich nur den Kopf schütteln, weil sie sich scheinbar nicht bewusst ist, wie schrecklich ihre Kindheit eigentlich gewesen ist. Dadurch kam sie mir etwas dumm vor. Durch diese merkwürdige Konstellation war es mir fast schon ein bisschen egal, wie sich das Liebesdilemma auflösen würde. Wie aber oben angemerkt, war das ganz gut so, da der Fokus einfach auf den Vorgängen bei CorpSeCorps lag.  

Oryx und Crake war für mich eine Überraschung in jeder Hinsicht, da nichts so ablief, wie ich es gewohnt war, auch wenn man auf typische Elemente nicht verzichten muss. Wissenschaft ist hier wesentlich bedeutsamer als rohe Gewalt und kann manchmal sogar mehr Schaden anrichten. Es gibt demnach kein actionreiches Gemetzel mitzuverfolgen, aber dennoch fließt Blut. Das Besondere ist aber, was und vor allem wie Margaret Atwood erzählt. Das Gegenwärtige geschehen wirft mehr Fragen als Antworten auf und kann nur entschlüsselt werden, wenn man die Vergangenheit kennt, die jedoch nur puzzleteilartig aufgelöst wird. Das macht es zu einem zunächst verwirrenden, aber faszinierenden Leseerlebnis. 



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