Mittwoch, 5. Oktober 2016

REZENSION: "Für dich soll's tausend Tode regnen" (Anna Pfeffer)

Copyright cbj


Titel: Für dich soll's tausend Tode regnen
Autor: Anna Pfeffer
Genre: Jugendroman
Verlag: cbj
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Klappenbroschur (14,99 €)
Seiten: 320
ISBN: 978-3570171554




Emi hat die Schnauze gestrichen voll: Erst reißt sie ihr Vater aus ihrem Umfeld und schleppt sie ins ewig regnerische Hamburg, wo sie niemanden kennt, dann eröffnet er ihr auch noch, dass er eine neue Freundin namens Mara hat - eine harmoniebedürftige Veganerin. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, geht Emi auch noch ihr älterer Bruder Oliver andauernd auf die Nerven. Und dann ist da noch Erik, der ätzende Typ aus ihrer Klasse, mit dem sie sich direkt am Anfang anlegt. Die Folge: Die beiden werden zum gemeinsamen Graffiti-Putzen verdonnert und Emi muss Erik nun auch noch an den Wochenenden ertragen. Nur gut, dass sie ihr bizarres Hobby hat, denn jedem, der ihr gegen den Strich geht, verpasst Emi eine zur Situation passende Todesart und so wird manches erträglicher. Aber was, wenn sie plötzlich gar nicht mehr will, dass Erik eines qualvollen Todes stirbt?

Das Cover zu Für dich soll's tausend Tode regnen finde ich ziemlich passend - ein bisschen durcheinander, ein bisschen skurril, ein bisschen morbid und ziemlich Teenager-mäßig. Eben genauso wie Emis Leben. Für ein Jugendbuch genau richtig.

Das Debüt von Anna Pfeffer (hinter dem Pseudonym verstecken sich übrigens die zwei Freundinnen Ulrike Mayrhofer und Carmen Schmit) hatte ich mir schon lange vorgemerkt, weil ich mal wieder so richtig Lust auf einen Jugendroman hatte und ich die Protagonistin schon anhand des Klappentextes ziemlich cool fand. Wer hat dem ein oder anderen nervtötenden Menschen in seiner Umgebung nicht schon mal einen abgefahrenen Tod an den Hals gewünscht? Emi jedenfalls hat dieses Ritual perfektioniert.

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich die Aufmachung des Romans ziemlich cool finde: Jede Seite hat einen schwarzen Rahmen und sieht damit aus wie eine Todesanzeige und das passt ziemlich gut zu Emis morbider Vorliebe. Und auch die Sprache fand ich von Anfang an sehr gelungen, denn Anna Pfeffer (obwohl es zwei Autorinnen sind, spreche ich im Folgenden der Einfachheit halber in der Einzahl) hat den genervten Ton eines pubertierenden und grundsätzlich erstmal von allem und jedem angepissten Teenagers perfekt getroffen - inklusive der Schimpfworte, des ständigen Gemaules und des ewig Unzufriedenseins. Da die Geschichte außerdem aus der Ich-Perspektive erzählt wird, schlüpft man sozusagen in Emis Haut und das ist manchmal alles andere als lustig.

Den grummeligen Teenager Emi hatte ich jedenfalls von Beginn an vor Augen und fühlte mich manchmal an meine Teenie-Zeit erinnert, obwohl ich guten Gewissens sagen kann, dass ich soooo schlimm zum Glück nie war. (Ja, wirklich!) Emi ist im Prinzip ein typischer, stets übel gelaunter Teenager, ist in einer Hinsicht aber besonders: Sie ist fasziniert vom Tod. In ihrem schwarzen Buch sammelt sie Zeitungsartikel zu skurrilen Todesfällen und wo sie geht und steht, denkt sie sich abstruse Todesarten aus. Das ist genauso amüsant zu lesen, wie man es sich vorstellt, und das Losprusten bleibt bei der Lektüre nicht aus. Manchmal schleicht sich der Gedanke ein, dass Emi schon ein wenig absonderlich ist und dass man sich angesichts ihrer Gewaltvorstellungen vielleicht Sorgen machen sollte, aber man merkt schnell, dass sie eigentlich nur ein harmloser Teenager mit einer großen Klappe ist, der im Inneren gar nicht so tough ist, wie er sich gibt.

Und das hat natürlich zur Folge, dass all die klassischen Teenager-Probleme auch Emi nicht kalt lassen - obwohl sie es gerne hätte. Vom Einleben in einer neuen Stadt, der neuen Freundin ihres Vaters über die aufgetakelte Oberzicke in Emis Klasse, die ihr das Leben zur Hölle macht und sie als Freak abstempelt, und der Schwierigkeit, als Außenseiter neue Freunde zu finden, bis hin zu Liebeskummer ist alles dabei - ein absolut authentischer und witziger Querschnitt des ganz normalen Teenie-Wahnsinns. Es ist nichts Neues und ab und an geht Emi einem mit ihrer grundsätzlich negativen Einstellung zu einfach allem auch gehörig auf den Geist, aber das zeigt eigentlich nur, wie lebensnah die Geschichte ist. Denn Teenies sind nicht nur ständig genervt, sie nerven auch am laufenden Band. Und da bleibt auch der Leser nicht verschont.

Neben Emi gibt es im Buch natürlich noch andere Charaktere und vor allem das Zusammenspiel untereinander ist einfach großartig. Da wäre der überverständliche Vater, ein Therapeut, der seine eigenen Kinder immer und überall zu therapieren versucht und man hat dabei wirklich Mitleid mit Emi. Ihr Vater bemüht sich, auf sie einzugehen und das ist ihm hoch anzurechnen, aber ich als Teenager - oh Mann, ich wäre auch explodiert, wenn mich meine Eltern ständig über mein Gefühlsleben ausgequetscht hätten. Und dann ist da Emis arroganter großer Bruder Oliver, der so gutaussehend wie egoistisch ist und nicht nur Emi, sondern auch mich durchgehend zur Weißglut getrieben hat. Und natürlich Erik, das selbstgerechte Arschloch, mit dem Emi von Anfang an auf Kriegsfuß steht. Klar, man weiß im Prinzip, wo das alles hinführt, aber die Kabbeleien zwischen den beiden sind wirklich amüsant mitzuverfolgen.

Von der veganen Ökotussi als Stiefmutter über Emis neue Freundin Toni, die ohne Punkt und Komma plappert, was natürlich auch seine Nachteile hat, bis hin zur Schlaftablette von Mathelehrer: Alle Figuren in Pfeffers Roman haben Charakter und bringen so eine ganz eigene Dynamik in die Handlung ein. Nur an Oberzicke und Modepüppchen Louisa, Emis Erzfeindin, habe ich etwas auszusetzen: Sie ist mir zu stereotypisch und beliebig. Hier hätte ich mich über ein Abweichen von der Norm sehr gefreut. Ansonsten aber macht Für dich soll's tausend Tode regnen durchgehend Spaß, lässt sich locker flockig runterlesen und unterhält mit einer originellen Handlung.

"Sie würde nach einem verunglückten Drogenexperiment mit ihrem Freund unter Angstzuständen leiden, ihn des Nachts für einen Einbrecher halten und aus dem Fenster flüchten - vierter Stock. Platsch." (S. 22)

So muss ein Jugendroman sein: Amüsant, modern, authentisch, scharfzüngig. Für dich soll's tausend Tode regnen hat mich mit einer coolen Idee, einer etwas absonderlichen Protagonistin und insgesamt sehr gut gezeichneten Charakteren überzeugt. Die Geschichte ist zwar nicht unbedingt neu und behandelt die ganz klassischen Teenagerprobleme, aber das Drumherum macht wirklich Spaß und man genießt es stellenweise richtig, Emi beim Keifen zuzuschauen. Hin und wieder driften die Autorinnen etwas ins Stereotypische ab, aber insgesamt kann ich nur sagen: Wer Jugendromane mag, wird diesen hier lieben!



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