Sonntag, 9. Oktober 2016

REZENSION: "Ensel und Krete" (Walter Moers)

Copyright Goldmann Verlag


Titel: Ensel und Krete: Ein Märchen aus Zamonien
Autor: Walter Moers
Genre: Fantasy / Märchen
Verlag: Goldmann
Erscheinungsjahr: 2002
Format: Taschenbuch (9,95 €)
Seiten: 256
ISBN: 978-3442450176




Der große Wald ist eines der beliebtesten Urlausbziele in Zamonien, denn seit die Buntbären die Gemeinde Bauming gegründet und so ein wahres Ferienparadies für Naturfreunde geschaffen haben, ist der Wald überhaupt nicht mehr gefährlich. Solange man die Wege nicht verlässt! Doch genau das tun die Zwillinge Ensel und Krete, zwei Zwerge aus Fernhachen, denn schließlich gibt es abseits der Wege so viel mehr zu entdecken. Ein Fehler, denn wie nicht anders zu erwarten verlaufen sich Ensel und Krete und müssen schon bald feststellen, dass der Wald nicht nur von zahlreichen gefährlichen Wesen und Pflanzen bevölkert, sondern auch die Heimat einer bösen Hexe ist...

Das Cover ist vielleicht ein bisschen unspektakulär, passt aber zur Geschichte und vor allem: Man erkennt sofort, dass es sich um einen Moers handelt. Schließlich hat er (wie gewohnt) auch die Illustrationen geliefert.

Bisher hatte ich von Walter Moers nur Die Stadt der träumenden Bücher (einer meiner Lieblingsromane) und die für mich sehr enttäuschende Fortsetzung gelesen. Zeit, sich auch einmal den anderen Werken von Moers zu widmen und den Anfang macht für mich Ensel und Krete: Ein Märchen aus Zamonien. Wie bereits der Titel vermuten lässt, ist die Geschichte (entfernt) an das Grimmsche Volksmärchen Hänsel und Gretel angelehnt, spielt jedoch in der von Moers geschaffenen Welt Zamonien, die man aus eigentlich all seinen Büchern kennt.

Bevor es jedoch mit der eigentlichen Handlung um die Fernhachenzwerge Ensel und Krete losgeht, erhält man erst einmal einen umfassenden Einblick in den Teil Zamoniens, in dem die Geschichte spielt: Die Gemeinde Bauming im Großen Wald, die die Bewohner (die sogenannten Buntbären) in ein idyllisches Urlaubsparadies verwandelt haben. Normalerweise bin ich kein großer Freund von ellenlangen Naturbeschreibungen und Vorgeplänkel, hier hat mir das aber sehr gut gefallen, denn Moers' Welt ist einfach so fantastisch und abgedreht, dass man sie sich gerne genau ansieht. Man lernt das ordnungsliebende und (wie eigentlich alle Arten in Zamonien) etwas eigentümliche Volk der Buntbären kennen und die Gemeinde Bauming - eine Art Ferienanlage mit verschiedenen Orten, Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung und natürlich Rasthäusern für das leibliche Wohl. Das hat mich ein bisschen an Anlagen wie CenterParks und kurioserweise an die Urlaubswelt in "Die Sims 2" erinnert. Keine Ahnung, woher diese Assoziation kommt. :D Vielleicht daher, dass der Urlaub in Bauming maßgeschneidert ist für Naturfreunde und Familien, ohne große Überraschungen, aber dafür ruhig, komplett durchgeplant und gesittet. Für den faulen Naturfreund sozusagen.

Immer noch bevor der Leser die eigentlichen Hauptpersonen kennenlernt, stößt man auf die erste Mythenmetzsche Abschweifung. Das Besondere an Ensel und Krete ist nämlich, dass die Geschichte einen fingierten Autoren hat - ein alter Bekannter und gleichzeitig der Protagonist in Moers' Roman Die Stadt der träumenden Bücher. Die Rede ist von Hildegunst von Mythenmetz, der zugleich Lindwurm und großer Literat ist. In der Rolle des Hildegunst von Mythenmetz und im Rahmen der Mythenmetzschen Abschweifung greift Moers im Verlauf des Romans immer wieder in die Geschichte ein und unterbricht die laufende Handlung, um (nun ja, was sonst) abzuschweifen. Der fiktive Autor schafft sich auf diese Weise einen Raum, in dem er die literarischen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen und über all das "sprechen" bzw. schreiben kann, was ihm gerade in den Sinn kommt. Ob das nun die detaillierte Beschreibung seines Arbeitsplatzes, eine weitergehende Erläuterung zu den Geschehnissen der eigentlichen Handlung oder ein verbaler Angriff auf seinen Erzfeind, den Literaturkritiker Laptantidel Latuda, ist. Es ist alles erlaubt. Diese Abschweifungen sind amüsant und auf jede Fall ein genialer, literarischer Kniff, der Moers' Verwirrspiel mit dem Leser auf die Spitze treibt. Aber sie sind eben auch Abschweifungen, die den Leser immer wieder aus der Geschichte reißen und ihn ablenken.

Mich hat das hin und wieder ziemlich gestört und vor allem gegen Ende dachte ich, wenn ich die fett gedruckte Schrift sah: Ach nein, nicht schon wieder. Aber das ist ganz sicher genau das, was Moers damit erreichen wollte. Für mich sind die Abschweifungen nämlich eine Demonstration dessen, was in der Literatur möglich ist. In Kombination mit den Fußnoten, in denen sich Auszüge aus dem "Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung" von Moers' Figur Prof. Dr. Abdul Nachtigaller und Anmerkungen von Moers selbst, in der Rolle des Übersetzers, finden und den wieder einmal genial komischen Illustrationen sind sie das, was Ensel und Krete besonders macht. Fantastisch, skurril, amüsant, unkonventionell und stellenweise ziemlich abgedreht. Typisch Moers eben.

Die eigentliche Handlung nämlich (ich glaube, es spricht für sich, dass ich erst im fünften Absatz auf sie zu sprechen komme) ist im Großen und Ganzen nicht so originell und unerwartet, wie ich vermutet hätte. Wie bereits erwähnt, greift Moers (bzw. Hildegunst von Mythenmetz) im Grundschema das Märchen von Hänsel und Gretel auf. Es geht also auch hier um Bruder und Schwester, die sich in einem dunklen Wald verlaufen, in dem eine böse Hexe lauert. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Denn nicht nur die Hexe wird Ensel und Krete zum Verhängnis, sondern noch ganz andere Gefahren wie Halluzinationen, verlogene Trolle, die sie ins Verderben stürzen wollen, gefräßige Tiere und giftige Pflanzen warten auf die beiden. Die Darstellung des Großen Waldes mit all seinen verrückten Daseinsformen, seinen Absonderlichkeiten und seiner einzigartigen Fauna (von fluoreszierenden Pilzen über messerscharfe Grashalme bis hin zu sprechenden Orchideen ist alles dabei) hat mich auf jeden Fall beeindruckt und lässt sofort an einen fremden Planeten denken, der Zamonien ja auch ist.

Und auch die kleinen Macken, die die Fernhachenzwerge ausmachen, und der immer wieder aufkeimende Zwist zwischen den Geschwistern sind amüsant und bereichern die Handlung. Trotzdem finde ich, dass Ensel und Krete nicht unbedingt Hildegunst von Mythenmetz' Glanzstück ist. In einer anderen Rezension, die ich auf Amazon gelesen habe, wurde sogar behauptet, das Orm sei bei dieser Geschichte definitiv nicht geflossen. Ganz so hart will ich jetzt nicht mit dem Lindwurm ins Gericht gehen, obwohl er in seinen Abschweifungen schon ziemlich arrogant und von sich selbst überzeugt wirkt, aber ich denke, die Stärke der Geschichte liegt tatsächlich nicht im "Was" und "Wer", sondern im "Wie". Die Verpackung, der Stil und überhaupt das gesamte Drumherum stehen meiner Meinung nach ganz klar im Mittelpunkt und drängen die eigentliche Geschichte in den Hintergrund. Auf jeden Fall ein ziemlich interessantes und experimentelles Stück Literatur.

Bei Ensel und Krete handelt es sich in erster Linie nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, um eine Neu-Adaption des Märchenklassikers, sondern vielmehr um einen Roman, der demonstriert, was in der Literatur alles möglich ist. Nicht die Geschwister Ensel und Krete stehen im Mittelpunkt des Romans: Es sind die fiktive Autorfigur Hildegunst von Mythenmetz und sein literarischer Stil, um die es vordergründig steht. Das ist zwischendurch immer mal wieder eine zähe Angelegenheit, mit der man es erstmal aufnehmen muss, aber im Großen und Ganzen bin ich von Walter Moers' schriftstellerischem Geschick wirklich beeindruckt.



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