Sonntag, 2. Oktober 2016

REZENSION: "Die Insel der besonderen Kinder" (Ransom Riggs)

Copyright Droemer Knaur


Titel: Die Insel der besonderen Kinder
Autor: Ransom Riggs
Genre: Fantasy
Verlag: Droemer Knaur
Erscheinungsjahr: 2013
Format: Taschenbuch (12,99 €)
Seiten: 416
ISBN: 978-3426510575




Seit Jacobs Kindheit erzählt sein Großvater ihm fantastische Geschichten von einer Insel, auf der sonderbare Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten leben - und von grausamen Monstern, die diese Kinder jagen, um sie zu fressen. Jacob hat diese Erzählungen immer als Märchen abgetan, bis zu dem Tag, an dem sein Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt und Jacob einen Brief hinterlässt, der ihn zu dieser Insel führen soll. Mehr aus Neugierde und nicht wirklich davon überzeugt, dass es das Haus mit den besonderen Kindern wirklich gibt, macht sich Jacob auf die Suche und findet tatsächlich den Ort, an den sein Großvater im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis flüchtete: Miss Peregrines Heim für besondere Kinder. Doch das Leben dieser Kinder ist in Gefahr, denn die Hollows, alptraumhafte Wesen, haben sich ebenfalls auf die Suche nach ihnen gemacht...


Das Cover gefällt mir unheimlich gut, ich liebe die düsteren Farben und die antike Fotografie von dem schwebenden Mädchen und finde die Gestaltung insgesamt einfach grandios. Allerdings passt das Cover irgendwie nicht ganz zur Handlung, denn ich hatte eher an eine schaurige Geschichte in Richtung Horror gedacht - dabei ist Ransom Riggs' Roman eher relativ standardmäßige Jugendfantasy.

Nächste Woche läuft der Blockbuster "Die Insel der besonderen Kinder" von Tim Burton auch bei uns in Deutschland an und ich muss sagen, dass mir der Trailer richtig gut gefällt und ich mich sehr auf den Film freue. Nun wollte ich vorher natürlich noch die Romanvorlage von Ransom Riggs lesen, die schon seit geraumer Zeit auf meinem SuB lag und war super neugierig auf die Geschichte. Cover und Klappentext haben große Erwartungen geweckt, denn ich hatte mich irgendwie auf eine düstere, vielleicht auch etwas gruselige und bizarre Geschichte gefreut - allerdings ist Die Insel der besonderen Kinder eher ganz standardmäßige Fantasy für Jugendliche in grandioser Verpackung. Und das hat mich dann leider ziemlich enttäuscht.

Zunächst einmal muss ich aber ein paar Worte zur Aufmachung des Buchs sagen, denn die ist einfach unglaublich gut und originell. Abgesehen von dem tollen Cover punktet der Roman mit zahlreichen authentischen Fotografien und Briefen, die an den passenden Stellen den Text ergänzen und das macht Die Insel der besonderen Kinder zumindest in einer Hinsicht einzigartig. Der Fantasie des Lesers wird hier nämlich ganz gezielt auf die Sprünge geholfen, was gerade bei der Beschreibung der besonderen Kinder gar nicht schlecht ist, denn wenn man sich den Jungen, aus dessen Mund Bienen fliegen oder das Mädchen, das riesige Felsbrocken stemmt, nicht vorstellen kann, hat man ja die Bilder. Man bekommt praktisch die Gesichter zu den Charakteren geliefert und gleichzeitig auch einen Eindruck von der Zeit, in der diese leben. Das war für mich jedenfalls ein ziemlich außergewöhnliches Leseerlebnis.

Die Handlung selbst war hingegen dann nicht so spannend, skurril und düster wie erhofft. Erst einmal vergehen eine ganze Menge Seiten, bis Jacob sich überhaupt auf den Weg zu der mysteriösen Insel macht und Miss Peregrines sogenanntes Kinderheim dann auch tatsächlich findet. Man braucht einen langen Atem, während Jacob erst einmal lange an seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifelt, zum Psychiater geschickt wird und schließlich seine Eltern überredet, ihm die Reise zu der Insel zu erlauben. Und auch dort angekommen geht es noch nicht gleich los mit der eigentlichen Handlung - erst einmal erkundet Jacob die Insel, stößt dabei auf allerlei Merkwürdigkeiten und gerät immer wieder mit seinem Vater aneinander, bis er dann tatsächlich die besonderen Kinder findet - wobei die eher ihn finden. Ab da wurde es dann spannender und interessanter, aber der große Wow-Effekt blieb auch hier aus.

Die Idee an sich, dass eine Gruppe besonderer Kinder mit übernatürlichen Fähigkeiten abgeschottet von der Welt in einer Zeitschleife lebt, finde ich eigentlich ziemlich interessant. Auch die verschiedenen Fähigkeiten der Kinder sind spannend und reichen von dem Heraufbeschwören von Feuer über das Schweben in der Luft und dem Stemmen unglaublicher Gewichte bis hin zu der Kontrolle über Leben und Tod und dem Unsichtbarsein. Das ist schon ein ziemlich skurriler Haufen, der da unter den Fittichen der etwas verschrobenen und zweifellos genialen Miss Peregrine in dem großen Herrenhaus auf der Insel lebt. Und es ist ziemlich offensichtlich, dass Jacob, der ruhige und vielleicht etwas komische Einzelgänger, absolut dorthin passt. Und das tut er auch, denn seine Gabe ist es, wie schon sein Großvater die gefährlichen Hollows sehen zu können. Er muss also die Rolle des Beschützers übernehmen, das ist ihm vorherbestimmt.

Trotz der genialen Abbildungen und der grundsätzlich faszinierenden Ausgangssituation, in der jede Menge Potenzial steckt, ist die Handlung selbst allerdings ziemlich fad. Es dreht sich sozusagen alles darum, dass Jacob seinen Platz unter den besonderen Kindern einnimmt und gegen die Bestie kämpft, die hinter ihnen her ist. Natürlich gibt es auch einige Rätsel - die werden allerdings ziemlich schnell durch die Headmistress Miss Peregrine aufgelöst und so bleibt der Spannungsbogen leider nicht wirklich oben. Im ersten Teil der Handlung sucht Jacob nach den besonderen Kindern, im zweiten Teil tritt er das Erbe seines Großvaters an und schart einige der Kinder um sich (darunter auch das Mädchen, das seinen Großvater geliebt hat), um die Hollows und ihre Handlanger, die Wights, aufzuhalten. Das war es dann leider auch schon.

Die Geschichte ist weder schaurig noch skurril (bis auf die Kinder selbst) noch besonders originell. Sie ist ganz einfach eine klassische Fantasy-Geschichte mit einem jugendlichen Helden, der in einem Moment noch nichts von seinem Schicksal ahnte und im nächsten schon die halbe Welt retten muss - ohne große Überraschungen oder plötzliche Twists. Die Figuren sind prinzipiell schon einfallsreicher, aber alles in allem hatte ich mir das Ganze spektakulärer vorgestellt. Einschließlich des Endes, das mit einem Cliffhanger abschließt und somit Raum für die Fortsetzung lässt. Auch sind mir während des Lesens so einige Ungereimtheiten aufgefallen (vor allem in Bezug auf die Hollows und die Zeitschleifen), die nicht wirklich dazu beitrugen, dass mich die Story überzeugt hätte. Ich bin immer noch gespannt auf den Film, dem man schon am Trailer ansieht, dass er sich kaum an die Buchvorlage hält, erwarte aber hauptsächlich etwas für's Auge. Meiner Meinung nach gibt Ransom Riggs' Roman leider nicht viel für eine Verfilmung her.

Die Charaktere und die Ausgangssituation in Die Insel der besonderen Kinder sind, wie nicht anders zu erwarten, besonders - das, was Ransom Riggs daraus gemacht hat, ist es leider nicht. Es ist eine beliebige Jugendfantasy-Geschichte, die weder mit Originalität noch mit Spannung oder schaurigen Elementen glänzt, und somit ganz anders, als ich es erwartet hatte. Die spektakuläre Aufmachung und der flüssige Erzählstil machen das ein kleines Bisschen wett, aber trotzdem ist Ransom Riggs' Roman leider kein Buch, das lange im Gedächtnis bleibt.



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