Donnerstag, 6. Oktober 2016

REZENSION: "Die 100 (Die 100 #1)" (Kass Morgan)

Copyright Heyne fliegt


Titel: Die 100
Autor: Kass Morgan
Genre: Dystopie
Verlag: Heyne fliegt
Erscheinungsjahr: 2015
Format: Taschenbuch mit Klappen- broschur (12,99 €)
Seiten: 320
ISBN: 978-3-453-26949-1
Seit einem Atomkrieg vor 300 Jahren ist die Erde verseucht. Seitdem lebt die Menschheit zusammengepfercht auf einem Raumschiff. Doch nun sollen hundert jugendliche Straftäter zurück auf die Erde geschickt werden, um zu testen, ob sie wieder bewohnbar ist. Anfangs sind Clarke, Bellamy, Wells und die anderen 97 Sträflinge überwältigt von der Schönheit ihres Heimatplaneten, doch schon bald müssen sie feststellen, dass die radioaktive Strahlung nicht die einzige Gefahr ist, die dort auf sie lauert...


Marketingtechnisch ist es ein kluger Schachzug, den Leser mit der TV-Adaption zu locken. Prinzipiell befürworte ich das ja. Angesichts der Unterschiede zwischen beiden Versionen finde ich es allerdings irreführend. Da wäre es mir lieber, der Verlag würde ein separates Cover für den Roman wählen.

Da ich seit letzter Woche süchtig nach der TV-Serie Die 100 bin, musste ich natürlich gleich die Romanvorlage lesen. Mir ist zwar eigentlich bewusst, dass es nicht ratsam ist, literarische Werke und ihre filmischen Adaptionen miteinander zu vergleichen, aber es geht eben in diesem Fall nicht anders.
Es springt einem unweigerlich ins Auge, dass sich die Charaktere von Original und Adaption ziemlich unterscheiden. Die Namen und einige Persönlichkeitsmerkmale sind zwar gleich, aber ansonsten schlagen sie vollkommen unterschiedliche Wege ein.
Clarke ist zwar immer noch die hifsbereite, aber willensstarke Person, aber im Roman ist der Spitzname "Prinzessin" wesentlich treffender, weil sie behüteter aufgewachsen bzw. unschuldiger charakterisiert wird. Auch ist sie im Roman Voll- und keine Halbwaise, was die Dynamik um ihren inneren Konflikt vollkommen verändert. Ihre Wankelmütigkeit ist jedoch nahezu identisch: eine Person, die sie in dem einen Moment vertraut und zugeneigt ist, muss nur einen Fehler machen und schon reagiert sie wütend und abweisend. Das gilt gleichermaßen umgekehrt, denn genauso gut (wenn auch weniger schnell) kann sie auch verzeihen. Hin und wieder nervt mich das jedoch, weil es enorm anstrengend ist, ihr etwas recht zu machen. Besonders Wells bekommt das zu spüren. Ihn mag ich im Roman deutlich mehr als im TV. Ich denke, das liegt daran, dass ich einen besseren Einblick in seine Gedankenwelt bekommen habe (ein deutlicher Pluspunkt für den Perspektivenwechsel im Roman). Tatsächlich tut er mir ausgesprochen leid, wie er verzweifelt versucht, Clarke zurückzugewinnen.
Ich war außerdem überrascht, einige Personen vorzufinden, die ich bisher gar nicht kannte: Glass z.B. fehlt in der TV-Serie völlig. Ich finde ihre Perspektive und ihre Geschichte jedoch toll, da sie so dramatisch ist und ihre Beziehung zu Luke diese gewissen Elemente hat, die eine Liebe glaubhaft und stark wirken lassen. In der Serie hätte dieser Handlungsstrang jedoch zu sehr vom Wesentlichen, d.h. dem Geschehen auf der Erde, abgelenkt und ich denke, deswegen wurde er dort nicht eingebaut. Dennoch ist er für den Roman überaus wichtig, damit man weiterhin über die Ereignisse auf dem Raumschiff informiert ist.
Etwas zwiegespalten bin ich bezüglich Bellamy. In der Serie ist er dieser sehr verschlossene, grantige, missverstandenen Typ. Er ist eindeutig der tragische Held der Story: er opfert sich für die, die er liebt, auf und nimmt dafür in Kauf, der Böse zu sein. Das macht ihn für mich umso anziehender und fesselnder, denn ich mag einfach Protagonisten mit vielen Schichten. Ich liebe es, wie er Clarke herausfordert, sie dazu bringt, an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen und ihr gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass er trotz allem für sie da ist. Im Roman jedoch fehlt dieser Aspekt bisher. Er wirkt hier etwas unbeschwerter und reißt öfter Witze, weshalb seine Beziehung zu Clarke auf eine ganz andere Weise beginnt. Sie kommen sich in nur wenigen Tagen näher, was ich einerseits begrüße, da ich die beiden unbedingt zusammen sehen will, zum anderen fehlt mir hier etwas die Dramatik und diese elektrische Spannung zwischen den beiden. Daher bin ich mir nicht sicher, ob ich genauso fasziniert von ihm wäre, wenn ich nur den Roman gelesen hätte.
Auch seine Schwester Octavia ist mir in der Serie lieber, da sie kämpferischer und starrsinniger ist. Im Roman ist sie noch ein halbes Kind und benimmt sich auch entsprechend, wodurch sie mir ein wenig unsympathisch ist.
Abgesehen davon bin ich vom bisherigen Geschehen jedoch nicht wirklich überzeugt. Mir ist klar, dass dies der Auftakt einer Reihe ist und man sich als  Autor die Highlights für später aufspart. Auch wäre es zu viel verlangt, dass der Roman so actiongeladen wie die Serie ist, ganz einfach, da letztere durch die Aufteilung in einzelne Episoden einen ganz anderen Aufbau hat. Aber selbst, wenn ich diese Punkte berücksichtige, bleibt das Geschehen ziemlich fad. Abgesehen vom Ende des ersten Bandes passiert im Grunde nichts. Ja, man muss sich erst mit den Protagonisten vertraut machen, das ist mir klar. Aber etwas ereignisreicher hätte es schon sein dürfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Reihe weiterverfolgen würde, wenn ich die Serie nicht kennen würde.
Was mich außerdem etwas gestört hat, waren die Fehler in meiner Ausgabe, z.B. sind die Namen von Glass und Clarke in einigen Passagen vertauscht (aus anderen Rezensionen weiß ich, dass das ein allgemeines Problem ist). Es sind zwar nur Kleinigikeiten, aber sie stören meinen Lesefluss, haben aber letztlich keinen Einfluss auf meine Bewertung.


Ich bin leider ein wenig von der Romanvorlage enttäuscht, insbesondere wenn ich sie mit der TV-Serie vergleiche. Ich kann darüber hinwegsehen, dass es diverse Unterschiede in den Charakterisierungen der Protagonisten gibt, schließlich gibt es so etwas wie künstlerische (Interpretations-)Freiheit. In Bezug auf Wells und Glass reicht es dem Roman sogar zum Vorteil. Die Spannung jedoch habe ich fast gänzlich vermisst. Da muss sich definitiv noch mehr tun.


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