Montag, 10. Oktober 2016

FILM-REVIEW: "Die Insel der besonderen Kinder" von Tim Burton





Jacobs Großvater Abe erzählte ihm in seiner Kindheit ganz besondere Gutenacht-Geschichten. In denen ging es stets um ein Kinderheim auf einer kleinen Insel vor Wales, in dem die Heimleiterin Miss Peregrine über Kinder mit besonderen Fähigkeiten wacht und sie vor den Monstern beschützt, gegen die auch Abe während des Zweiten Weltkrieges gekämpft hat. Jacob hat diese Geschichten nie geglaubt - bis zu dem Tag, an dem sein Großvater stirbt. "Herzinfarkt und wilde Tiere" heißt es im Obduktionsbericht, doch Jacob weiß, was er gesehen hat: Ein grausames Monster mit Tentakeln. 

Zusammen mit seinem Vater macht er sich auf nach Cairnholm, der Insel, auf der sich das Kinderheim von Miss Peregrine befinden soll, und stößt nur auf die Ruine des Hauses. Doch diese offenbart ihr Geheimnis, als plötzlich einige Kinder auftauchen und Jacob durch eine Zeitschleife zum 3. September 1943 führen. An diesem magischen Ort leben tatsächlich die besonderen Kinder aus Abes Erzählungen und Jacob lernt neben Emma, die in der Luft schweben kann, und Olive (sie kann mit ihren Händen Feuer erzeugen) auch den etwas schrägen Enoch, der mithilfe von Tierherzen Tote wieder lebendig machen kann, den unsichtbaren Millard und die unglaublich starke Bronwyn kennen. Zwischen ihnen fühlt Jacob sich wohl, doch schon bald findet er heraus, welche seine Gabe ist: Nur er kann die Hollows sehen, schreckliche Monster, die es auf die besonderen Kinder abgesehen habe. Und er wird sie brauchen, denn das von Miss Peregrine erschaffene Paradies droht von den Bestien aufgespürt zu werden...




Wie ihr ja wisst, war ich von der Romanvorlage nicht wirklich begeistert (*Rezension*) - es war mir zu wenig Handlung, zu viel stereotypische Jugendfantasy und im Großen und Ganzen einfach zu beliebig. Trotzdem war ich sehr gespannt auf die Verfilmung, denn ich meine: Tim Burton! Kann eigentlich nur besser werden, dachte ich. Und damit lag ich auf jeden Fall richtig.

Die Story:

Die Grundidee des Romans hatte mir prinzipiell gefallen und diese greift natürlich auch Tim Burton in seiner Verfilmung auf. Es geht um Jacob, der mit ansehen muss, wie sein Großvater von einer mörderischen Bestie getötet wird, und wenig später herausfindet, dass seine fantastischen Geschichten über ein Kinderheim, in dem nur Kinder mit übersinnlichen Fähigkeiten leben, wahr sind. Von diesem Ausgangspunkt aber geht das Drehbuch in eine andere Richtung als der Roman. Zwar kommen in der weiteren Handlung auch die Hollows und ihre Handlanger (im Film allerdings in umgekehrter Hierarchie) vor, diese sind aber um einiges bedrohlicher und lange nicht so schnell und einfach kleinzukriegen wie bei Riggs. Klar, es ist ja auch ein Blockbuster, da müssen Effekte und Kampfszenen her! Und die tun der Geschichte wirklich, wirklich gut! Hier passiert endlich mal etwas, Jacob und auch die Kinder müssen sich richtig beweisen und alles in allem ist die Handlung bei Tim Burton wesentlich komplexer als in Riggs' Vorlage. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass man tatsächlich so viel aus dem Stoff machen kann. Zwar ist auch in der Verfilmung der Anfang etwas langatmig und aufgebläht, im Vergleich zum Buch aber noch knapp gefasst. Die Geschichte ist natürlich trotzdem ganz klassisch: Junge findet heraus, dass er besondere Kräfte hat, schließt sich seinesgleichen an und kämpft gegen eine große Bedrohung. Aber alles, was dazwischen liegt, ist im Film um einiges feiner herausgearbeitet und damit sehr gute Unterhaltung.

Die Charaktere & Schauspieler:

An Riggs' Roman haben mich am meisten die inaktiven Charaktere gestört: Die besonderen Kinder gaben der Geschichte lediglich den Namen, kamen aber selbst kaum zum Zug. Zu meiner großen Freude ist das in der Verfilmung ganz anders. Von dem Moment an, in dem Jacob zu ihnen stößt, dominieren die Kinder mit ihren Fähigkeiten die Handlung und so soll das auch sein. Wie die Kinder ihr Zusammenleben organisieren, mit welchen Kniffen sie sich das Leben angenehmer machen und wie sie ihre Kräfte auch im Kampf einsetzen können: All das gibt es in "Die Insel der besonderen Kinder" zu sehen, im Buch aber so gut wie gar nicht zu lesen. Bei Burton sind die Charaktere detaillierter und überzeugender herausgearbeitet, was mir sehr sehr gut gefallen hat. Mit Samuel L. Jackson in der Rolle des größenwahnsinnigen und absolut skrupellosen Wight Barron gibt es hier außerdem einen schauderhaften, mörderischen Antagonisten, der ordentlich Spannung in die Handlung bringt. Und auch Eva Green als Miss Peregrine und die wunderbare Judi Dench in der Rolle der Ymbryne Miss Avocet haben mich absolut überzeugt.

Die Umsetzung:

Atmosphärisch, skurril, abgefahren: Anders ist man es von Burton auch nicht gewohnt. Komische bis merkwürdige Szenen, ein sehr stimmungsvolles Setting (von düster und bedrohlich bis paradiesisch ist alles dabei) und natürlich gewaltige Fantasy-Bilder machen den Film aus. Wie gewohnt setzt Burton dabei weniger auf bombastische Effekt als vielmehr auf eine ganz besondere Atmosphäre, die den Film trägt. Trotzdem auch in der Verfilmung nicht alles rund war, bin ich insgesamt wirklich begeistert: Ich hätte einfach nicht gedacht, dass man das Buch filmisch so gut umsetzen kann.

Die Unterschiede zum Buch:

Tja, wo soll ich da anfangen!? Wie ich schon sagte: Mit Ransom Riggs' Roman hat Burtons Film nicht mehr viel zu tun. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an (Jacobs Psychiater ist im Film auf einmal eine Frau und die Rollen von Emma, dem Feuermädchen, und Olive, die über das Element Luft herrscht, sind vertauscht) und zieht sich durch den gesamten Film. Tim Burton fügt zum Beispiel einige düstere Elemente hinzu - so stehlen die Hollows im Film die Augen ihrer Opfer. Im Film kommt es außerdem zu Kampfszenen, die im Buch nicht mal angedeutet waren, und auch die Kinder werden dabei aktiv. Der größte Unterschied ist aber sicherlich die Figur des Barron: War es in Riggs' Romanvorlage ein relativ beliebiger Wight, der die Ymbrynes entführte, wird Barron im Film schnell zu Jacobs erbittertem Gegenspieler und ist mit seiner Skrupellosigkeit und Brutalität ein Bösewicht allererster Güte. Außerdem haben bei Burton auch die Wights jeweils ganz spezifische, besondere Fähigkeiten. Und das Ende läuft auch in eine völlig andere Richtung. Ich könnte ewig so weitermachen. Tim Burton hat aus Riggs' Stoff letztlich seine ganz eigene Geschichte kreiert.



Wer das Buch mag, wird von Burtons Adaption mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit enttäuscht sein. Da ich von Riggs' Roman aber nicht besonders begeistert war, finde ich es einfach großartig, was Burton daraus gemacht hat - ein bildgewaltiges Fantasyabanteuer, in dem tatsächlich mal was passiert und in dem Magie eine größere Rolle spielt als im Buch. Mich jedenfalls hat der Film überzeugt und ich finde es grandios, dass Burton auf eine freie Interpretation des Stoffes gesetzt hat.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen